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Sprache von Pegida und AfD : Das Wörterbuch der Neuesten Rechten

  • Aktualisiert am

Teilnehmer der Pegida-Demonstration in Dresden vom Montag Bild: dpa

Aus harmlosen Wörtern werden Kampfbegriffe: zwölf prominente Beispiele aus dem aktuellen politischen Diskurs – von Genderwahn bis Widerstand, von Hypermoral bis Lügenpresse.

          Es ist etwas in Bewegung geraten in der deutschen Diskurslandschaft. Begriffe laden sich neu auf, Bedeutungen
          verschieben sich, aus harmlosen Wörtern werden Kampfbegriffe. Das Bedürfnis nach klaren Abgrenzungen führt zu verstärkten Einsätzen in der semantischen Kampfzone. Wenn Publizisten und Politiker im rechten Milieu und an dessen Rändern Begriffe umcodieren, ist das kein akademisches Sprachspiel. Es geht dabei um Deutungshoheit. „Die Begriffe, die man sich von etwas macht, sind sehr wichtig“, heißt es bei Brecht, „sie sind die Griffe, mit denen man die Dinge bewegen kann.“ Wir haben daher ein paar zentrale Begriffe gesammelt, Einige haben klaren Signalcharakter, manche wirken unverfänglich, andere wieder schillern vieldeutig. Nicht jeder, der einen dieser Begriffe verwendet, ist automatisch „rechts“. Es ist sehr viel komplizierter. Und genau das sorgt für Verwirrung. Ein Klärungsversuch.

          Das Eigene

          Ist als dialektischer Begriff so mit dem des „Fremden“ verknüpft, dass Suchmaschinen automatisch den Komplementärbegriff anzeigen. Da scheinen schon die Algorithmen die Überfremdungsängste zu bestätigen. Das aktiviert den Reflex zur „Verteidigung des Eigenen“, wie ein Traktatband des gelernten Filmkritikers Martin Lichtmesz heißt. Er erhitzt die einschlägigen Topoi von Deutschland als „besetztem Gelände“ über die „demographische Kolonisierung Europas“ bis zur bedrohten „westlichen Identität“ zu düsteren Phantasmen und Phobien. Ein „Arbeitskreis NSU“ im Internet leitet daraus einen „gesunden Rassismus“ als Verteidigungsstrategie ab. Lichtmesz, der auch der identitären Bewegung verbunden ist, verrät in seiner apokalyptischen Gestimmtheit jedoch leichte Identitätsschwankungen. Er ist auch schon mit der These hervorgetreten, nicht am ––> Islam, sondern am Liberalismus gingen die Völker zugrunde. Der Gedanke liegt da nicht fern, er habe sich derart mit dem vermeintlichen Aggressor identifiziert, dass ihm präzisere Vorstellungen des Eigenen fremd geworden sind. pek

          Genderwahn

          Das Wort ist schwer zu greifen, was auch daran liegt, dass der Begriff des Geschlechts wie der des Wahns prinzipiell unklar sind. Auf einer Facebook-Seite mit der Überschrift „Gegen Kulturmarxismus“ findet man etwa diese Definition: „Der Begriff Geschlechtergleichschaltung (auch bekannt als engl. Gender-Mainstreaming; auch: Geschlechtergleichmacherei oder Genderismus) bezeichnet eine heterophobe und menschenfeindliche Ideologie mit dem Ziel, die totale ,Gleichheit‘ und somit die Auflösung der natürlichen Rollenverschiedenheit der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen zu erzwingen.“ Man kann mit den Worten von der „natürlichen Rollenverschiedenheit der Geschlechter“ anfangen, um Licht in diese Finsternis zu bringen.

          Rollen sind prinzipiell nicht natürlich im Sinn von „von der Natur gegeben“. Sie werden immer erschaffen. Der Rollenbegriff wurde aus der Soziologie in die Biologie übernommen, als man bei Gruppen sozial lebender Tiere wie den Erdmännchen auf die „Wächterrolle“ stieß. Die Beobachtung und Warnung vor Fressfeinden konnte prinzipiell von jedem Erdmännchen übernommen werden, wenn er oder sie es denn konnte. Es handelt sich dabei um einen Job, der einzig von den Gegebenheiten der Gruppe erfordert wurde, um gesellschaftlich notwendige Arbeit also. cord

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