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Sprache von Pegida und AfD : Das Wörterbuch der Neuesten Rechten

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Thymos

Von Peter Sloterdijk in „Zorn und Zeit“ (2006) neu geprägt, hat dessen ehemaliger Assistent Marc Jongen den Begriff „Thymos“ zum politischen Kampfbegriff zurechtgefeilt. Den AfD-Philosophen kümmert wenig, dass der Begriff bei Homer und Platon nicht annähernd so eindeutig ist, wie Sloterdijk weismachen wollte. Jedes Wörterbuch bietet mehr als ein Dutzend Bedeutungen von Thymos, die von Lebenskraft und Leidenschaft bis zu Glut und zorniger Aufwallung reichen. Jongen und seinen Jüngern geht bisweilen die Trennschärfe zum medizinischen Terminus „Thymus“ ab, der die Wachstumsdrüse (bei Kälbern als Bries bekannt und gerne verzehrt) bezeichnet, wenn sie unterstellen, die „thymotische Unterversorgung“ der Deutschen ließe sich „hochregulieren“.

Ob Pegida-Demonstrationen und Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte bereits als Regulierungsfolgen oder als spontane thymotische Aufwallungen zu betrachten sind, lässt Jongen als Mann des Logos, der, bei Platon zumindest noch, Thymos und Eros zügeln soll, im Vagen. Das rohe und ungerichtete, um nicht zu sagen: gesunde Empfinden ist ihm wohl nicht geheuer. Andere Anwender des Begriffs fordern dagegen schon, die „logos-zentrierte Mäßigung der Deutschen“ müsse „zurückgedreht“ werden, weil sonst „die thymotische Energie zu einer erfolgreichen Verteidigung des ––>Eigenen“ nicht mehr ausreiche. pek

Vereinigte Staaten

Nein, die meisten jener Autoren, die in den Zeitschriften der Neuen Rechten publizieren, haben nichts gegen Afrikaner und Araber – auch wenn oft eine seltsame Angstlust mitschwingt bei der Beschreibung künftiger Verhältnisse, in welchen junge Männer mit dunkler Haut das müde, weiße Europa dominieren. Sie haben nichts gegen die Fremden, solange diese in der Fremde bleiben – und dass sie sich aber in Bewegung gesetzt haben, daran sind ganz andere schuld. „Hauptnutznießer an dieser Situation (seien) die US-amerikanische Wirtschaft und Außenpolitik“, schreibt, in einem leicht verwirrten Aufsatz für „Tumult“, der Schriftsteller Reinhard Jirgl, und im selben Heft kann man lesen vom „neoliberalen Weltkapitalismus“, der „keine Nationen, Völker und Rassen“ mehr kenne und an der „globalen Entfesselung von Geld-, Waren-, Informations- und Migrationsströmen“ die Schuld habe. Das Geld, der große Gleichmacher, ist das Gift, der wahre Gegner sitzt in Amerika, genauer: in jener Wall Street, von wo aus der „Weltkapitalismus“ gesteuert wird. Schon klar, wer gemeint ist.cls

Widerstand

Zentrales Denkschema mit bezeichnender Doppelcodierung – einerseits gefährlich, anarchisch, wild, mit einem Wort ––>„thymotisch“ („Zunächst muss auf eine Revolte hingedacht und hingearbeitet werden“, heißt es in der Zeitschrift „Sezession“ kühn: „Die logos-zentrierte Mäßigung der Deutschen muss ebenso zugunsten einer dringend notwendigen ––>Thymos-Spannung zurückgedreht werden wie die eros-abhängige Konsumzufriedenheit und Verhausschweinung“); andererseits ordnungsgemäß, bürgerlich, die rechtmäßige Ordnung wiederherstellend, insofern er nach dem viel zitierten Artikel 20 IV des Grundgesetzes das Recht aller Deutschen darstellt, wenn die Regierung das Gesetz bricht. Das ist nach einschlägiger Auffassung durch die Regierung Merkel und deren Helfershelfer eingetreten, als diese die „Flüchtlingsströme“ ins Land gelassen hätten. „Das deutsche Volk aber bedarf der Erhaltung“, heißt es in der Abhandlung „Wir Deutsche sind das Volk“, in der der rechte Jurist Thor von Waldstein dann auch juristische Ratschläge gibt, „wie jeder Einzelne an seinem Platz bürgerlichen Widerstand zu leisten vermag“.

Historisch sieht sich die AfD mit ihrem „bürgerlichen Protest“ gegen das „politische Kartell“ an den „Schalthebeln der staatlichen Macht“ „in der Tradition der beiden Revolutionen von 1848 und 1989“ (so laut Leitantrag für das Grundsatzprogramm). In anderen Schlüsseldokumenten der Szene finden sich auch Verweise auf den 20.Juli, laut „Junge Freiheit“ ein „Symbol, dass es eine Kollektivschuld nicht geben könne“. Widerstand gilt gleichfalls als geboten gegen ––>Gender-Reform, Passwort-Abfrage, GEZ und anderes. „Innerhalb eines strukturell immer stabiler werdenden Widerstandsmilieus“ („Sezession“) hat es der Widerstand an sich, dass er immer gerade entweder „sich formiert“ oder stetig „wächst“. Si.

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