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Veröffentlicht: 17.05.2016, 19:58 Uhr

Studenten & Studierende Ein Vordenker der Genderforschung?

Berlin, anno 1811. Ein Professor tritt an, aus Studenten Studierende zu machen. Sein Name: Johann Gottlieb Fichte. Ist der Begriff „Studierende“ also gar keine modische Unsitte? Ein Gastbeitrag.

von Philipp Felsch
© dpa Studenten unerwünscht? Ein Plakat im Fenster des Studentenwerks der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Wer Studenten als Studierende bezeichnet, tut das, weil es die Kolleginnen und Kollegen machen – oder um der Tatsache Ausdruck zu verleihen, dass Universitäten heute keine reinen Männerveranstaltungen mehr sind. Der RCDS findet das nicht in Ordnung. Wie sich ihrem aktuellen Parteiprogramm entnehmen lässt, hält auch die AfD solche „geschlechterneutralen Worterfindungen“ generell für „abstruse“ Eingriffe in unseren sprachlichen Traditionszusammenhang.

Doch sind die „Studierenden“ kein Neologismus aus jüngeren Genderdebatten. Kein Geringerer als Johann Gottlieb Fichte, der erste Rektor und einer der Urheber der heutigen Humboldt-Universität, sprach die Erstsemester in seiner Antrittsrede von 1811 mit diesem Titel an. Ein halbes Jahrhundert vor Zulassung der ersten weiblichen Studenten verband er damit allerdings keinerlei geschlechterpolitische Intentionen.

Ein ehrgeiziger Plan

Fichte benutzte die Partizipialkonstruktion stattdessen, um die Frage aufzuwerfen, was Studenten eigentlich tun. In Jena, wo er vor der Jahrhundertwende Professor gewesen war, hatten sie täglich literweise Bier getrunken, sich mit Degen bewaffnet und Konflikte mit der Obrigkeit gesucht. Party war auch damals üblich. Für Fichte ein gravierendes Missverständnis: Wer sein Studium als Auszeit vom zivilen Leben erachte, verwechsele einen Beruf mit einem Stand. Solche Studenten, die nicht studierten, wünschte Fichte nicht auf seiner Universität.

Stattdessen, man ahnt es, wollte er „Studierende“ haben. Gewillt, sich zu bilden und bilden zu lassen, wären sie ganz auf ihr „Geschäft des Studierens“ konzentriert: keine Gelage, keine Duelle, aber ebenso wenig ein zweckorientiertes Butter- und Brotstudium. Im Gegenzug hatte Fichte dafür Einsamkeit und Freiheit zu bieten. Nie davor und nie danach wurde der Universität derartig viel zugetraut. Bekanntlich sollte sie nicht nur Wissen vermitteln, sondern Individuen erziehen. Die Studierenden – nicht die Studenten – waren Teil dieses Plans.

Warum es heute schwierig ist, Studierender zu sein

Das Rebranding hat sich damals nicht durchsetzen können. Fichtes Zuversicht, die Studenten in ideale Bildungssubjekte zu verwandeln, wurde bald enttäuscht. Genau wie in Jena verwickelten sie sich auch in Berlin in Ehrenhändel, und anders als er erwartet hatte, war die Großstadt ihrer akademischen Disziplin nicht gerade förderlich. Bald nachdem er seine Rede gehalten hatte, begannen sie obendrein, Napoleon zu hassen, deutsche Fahnen zu schwenken und an militärischen Manövern teilzunehmen. Dass er selbst ihnen dazu den geistigen Zündstoff geliefert hatte, steht auf einem anderen Blatt.

Auch heute sind Studenten nicht nur in ihrem Kerngeschäft tätig: Sie machen Praktika, müssen jobben und schauen sich während der Vorlesung Schuhe bei Zalando an. Manche Kritiker behaupten sogar, sie würden weniger denn je studieren – jedenfalls in Fichtes Sinn. Ihren Lebensmittelpunkt bildet das Studium jedenfalls nicht. Anders als im achtzehnten Jahrhundert dürften dafür aber weder das viele Bier noch ein Hang zur politischen Unruhestiftung verantwortlich sein. Die Relikte ihres korporativen Selbstverständnisses sind im Gefolge zahlreicher Hochschulreformen erodiert. Es sind der Geist von Bologna, die Verknappung sämtlicher akademischen Ressourcen, das Beschleunigungsgetue und die Tonnenideologie der Hochschulpolitik, die es ihnen schwermachen, Studierende zu sein.

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