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Augsburger Theaterstreit : Kulturbürgerkrieg

Es herrscht ein Kulturbürgerkrieg um die Zukunft des Stadttheaters Augsburg mit ungewissem Ausgang. Bild: dpa

Eine Bürgerinitiative wendet sich gegen Investitionen zur Rettung eines Stadttheaters: In Augsburg tobt ein Streit unter Kulturbürgern. Ein Vorbote neuer Verteilungskämpfe?

          Im März vorigen Jahres wurde in Berlin ein Brief des neunzehnjährigen Bertolt Brecht versteigert, datiert auf den 29. Dezember 1917, niedergeschrieben in Augsburg in der Bleichstraße 2, unter der Adresse der Eltern. So frühe Briefe Brechts sind selten; dieser ist im ersten Band der Briefausgabe als Nummer 25 abgedruckt. Der Feldpostbrief an einen im Feld stehenden Freund bietet auf anderthalb Seiten reiche Mitteilungen, von Jungherrenwitzen über den verfallenden Reiz von Kellnerinnen bis zum Selbstzitat eines vulgären Winterlieds. Eingeschoben Prognosen über den Kriegsausgang und literarische Pläne: „Ich denke jetzt nach über eine Kritik Gottes und des Teufels. Gott ist so unwissend: Er befindet sich zu oft im Widerspruch zur Wissenschaft! Er ist außerdem sadistisch. Auch werde ich ein Buch über gute Manieren schreiben!“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Ein so charakteristischer Brief sollte in die Stadt zurückkehren, in der er geschrieben worden war. Diesen Plan fasste der Augsburger Buchhändler Kurt Idrizovic, der schon 1994 in seinem Ladengeschäft einen Brecht-Shop einrichtete. Er bekam die Vollmacht, im Namen der Stadt auf das Autograph zu bieten, das auf 3000 Euro taxiert wurde. Als die Gebote das Limit der Stadt hinter sich ließen, blieb Idrizovic dabei. Er erhielt den Zuschlag bei 4800 Euro und bezahlte den Kaufpreis aus eigener Tasche. In seiner Buchhandlung am Obstmarkt kann sich jeder Literaturfreund den Brief vorlegen lassen.

          Idrizovic, aus dem Arbeitervorort Lechhausen gebürtig, hat sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg erworben und ist der Typus des umtriebigen Buchhändlers, der alle Aufgaben übernimmt, die im literarischen Leben der urbanen Provinz anfallen. Er war schon Redner, Moderator, Zeitschriftenredakteur und Festivalleiter. Nur ein Buch hat er noch nicht geschrieben. Jetzt hätte er Stoff für das Werk, das Brecht dann doch nicht aus der Mütze gezogen hat: das Buch über gute Manieren.

          Nach sechzig Jahren von Grund auf neu

          Vor ein paar Wochen wurde nachts das Schaufenster seiner Buchhandlung mit Plakaten beklebt, auf denen er mit Walter Ulbricht verglichen wurde. Der Literarische Salon, eine Gesprächsreihe über Neuerscheinungen, die er im Foyer des Stadttheaters veranstaltete, wurde von der Theaterleitung abgesagt, die ihn außerdem wissen ließ, dass künftig ein anderer Buchhändler den Büchertisch bei Theatervorstellungen bestücken wird. Der Direktor einer Privatschule teilte mit, er werde Schulbuchbestellungen anderswo aufgeben, und forderte seine Direktorenkollegen auf, es ihm gleichzutun. Das Schulbuchgeschäft macht ein Viertel des Umsatzes von Idrizovic aus.

          Die Angriffe auf seine wirtschaftliche Existenz hat Idrizovic ausgelöst, indem er Unterschriften für ein Bürgerbegehren gemäß der Bayerischen Gemeindeordnung sammelt. Wenn 11.000 Augsburger unterschreiben, muss die Stadt einen Bürgerentscheid abhalten. Die Frage lautet: „Sind Sie dafür, dass die Stadt Augsburg die Sanierung des Theaters trotz angespannter Haushaltslage über Neuverschuldung finanziert?“

          Das Große Haus des Theaters, ein Neorenaissancebau nahe dem Hauptbahnhof, wurde 1877 mit Beethovens „Fidelio“ eröffnet und bislang zweimal wiedereröffnet, 1939 nach Umbau und Erweiterung mit Wagners „Lohengrin“ und 1956 nach dem Wiederaufbau mit Mozarts „Figaro“. Instandhaltungsmaßnahmen wurden so lange hinausgezögert, dass jetzt alles von Grund auf neu gemacht werden muss, um die Fortsetzung des Spielbetriebs sicherzustellen. Nach zehnjährigen Beratungen hat der Stadtrat im Juli 2015 die Sanierung beschlossen. Der Auftrag wurde an den Münchner Architekten Walter Achatz vergeben, der in gleicher Mission beim Münchner Gärtnerplatztheater tätig ist.

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