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Politguru Alexander Dugin : Auf diesen Mann hört Putin

„Ich rede zu euch als Professor!“ Alexander Dugin, rechtsradikaler Esoteriker, wittert seine Chance, endlich ernst genommen zu werden. Bild: ASSOCIATED PRESS

Alexander Dugin ist ein Abenteurer des Geistes. Im isolierten Russland wächst er zur Kultfigur heran. Er sammelt die europäischen Rechten und gilt als Putins Einflüsterer. Eine Begegnung.

          Man glaubt es kaum, doch es ist wahr: Die russische Bevölkerung steht dem Westen heute so ablehnend gegenüber wie selbst zu Sowjetzeiten nicht. Dieselben Leute, die wissen, dass ihre Regierung sie bestiehlt, dass die Medien sie belügen, und die gewohnt sind, von ihrer Polizei erpresst zu werden, glauben auch, dass Europa an Amerikas Gängelband die Ukraine Russland abspenstig macht und also ihr Feind ist. Der Ukraine-Konflikt rührt an das Trauma, das Attacken technisch überlegener Invasoren aus dem Westen in die Volksseele eingebrannt haben. Einfachen Russen geht es nicht in den Kopf, warum die dezentralen Staaten Deutschlands oder Amerikas sich nicht für eine Föderalisierung der tiefentzweiten Ukraine starkmachen. Spätestens die Fliegerangriffe auf Donezk und die Flüchtlinge von dort überzeugten viele, dass die faschistische Hydra tatsächlich wiederauferstehe. Und da orthodoxe Glaubensbrüder und von Russen vergossenes Blut den Boden heiligen, kann Moskau auf den Kampfes- und Todesmut der Russen zählen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es geht um Territorien. Die wirklich wichtigen Aufgaben müssen warten. In den Verträgen, auf denen Zivilisationen ruhen, werden in den Augen Russlands seine Sicherheits- und Integrationsinteressen, auch in EU und Nato, vom Westen letztrangig behandelt wie die der Indianer von den Cowboys. Auch vergisst man im Westen leicht, dass Russlands Dauerkorruption der täglichen und jahrhundertealten Erfahrung einer Armuts- und Kollektivkultur entspricht, in der Besitz nur vorübergehend durch Macht verliehen wird. Bezeichnenderweise gibt es im Russischen kein Äquivalent für das Verb „haben“. Man umschreibt es intransitiv durch die Formel, bei einem sei etwas.

          Russisches Hitler-Szenario nicht mehr auszuschließen

          Der russische Historiker und Nationalismusforscher Alexej Miller, der in Moskau und Budapest lehrt, sagt, er könne die Europäer gut verstehen. Der alte Kontinent habe unter dem militärischen Schutzschirm der Vereinigten Staaten floriert und wolle ihn nicht verlieren. Für sein Land aber seien die Europäer daher keine eigenständigen politischen Partner mehr, erklärt Miller und wiederholt den Befund vieler Moskauer Strategen, sein Land müsse sich langfristig in Richtung China umorientieren. Von den vier Akteuren im Ukraine-Konflikt - Russland, Europa, die Ukraine, Vereinigte Staaten - hätten alle verloren, außer Amerika, rechnet der Gelehrte vor. In der ohnehin bankrotten Ukraine sei nun das industrielle Rückgrat im Osten bedroht. Der Russe kann sich nicht vorstellen, dass die ukrainischen Bombenflugzeuge von ukrainischen Piloten geflogen werden. Und dann wolle Washington Moskau noch daran hindern, die Gasleitung „South Stream“ zu bauen, um die ukrainische Kopfschmerzregion umgehen zu können.

          Putin sei kein Abenteurer - so wirbt Miller um Verständnis für sein Land. Der Kreml-Herr sei mit Hitler verglichen worden, ein russischer Einmarsch in die Ukraine wurde prophezeit - zu Unrecht. Ob das Putin-Regime aus der Ecke der Drohgebärden, in die es sich manövriert hat, wieder herausfindet, weiß er freilich nicht zu sagen. Dafür bedürfe es einer echten Konsolidierung der russischen Gesellschaft, was auch hieße, die Korruption spürbar einzudämmen. Andernfalls fürchtet der Historiker, dass es dem rechtsradikalen Politguru Alexander Dugin tatsächlich gelingen könnte, seine „eurasische“ Staatsdoktrin, für die sich kremlnahe Parlamentarier und Journalisten begeistern, zu Russlands offizieller Ideologie zu erheben. Mit Dugin als politischem Vordenker wäre, so Miller, ein russisches Hitler-Szenario nicht mehr auszuschließen.

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