http://www.faz.net/-gqz-7bbgz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.07.2013, 16:22 Uhr

Auf dem Weg zur totalen Überwachung Wir müssen jetzt handeln

„Prism“ ist nur der Auftakt: Das Sammeln großer Datenmengen erlaubt Algorithmen, jede Person zu klassifizieren, ihr Verhalten vorauszuberechnen und auf Basis spieltheoretischer Modelle schlimmstenfalls sogar zu steuern.

von Yvonne Hofstetter
© Grafikdatei: blogs.cisco.com; Überarbeitung F.A.Z.-Grafik Freidel/Heumann Die Zukunft des Internets, wie der amerikanische Telekommunikationsgigant Cisco sie sieht: Jeder Gegenstand bis zum Herzschrittmacher wird hier vernetzt sein und steht als Datenlieferant zur Verfügung. Es soll so viele IP-Adressen geben, dass jedem Atom auf der Erdoberfläche hundert davon zur Verfügung stehen.

Wenn das Verteidigungsministerium an die Rüstungsindustrie einen Auftrag zur Fernmeldeaufklärung vergibt, so wie das bei der Aufklärungsdrohne Euro Hawk der Fall war, werden an die Mitarbeiter des Systems besonders strenge Maßstäbe bezüglich Integrität und Loyalität angelegt. Ein Aufklärungssystem wie die Euro Hawk ist ein großer Datenstaubsauger. Es erfasst sämtliche Daten, die uns im Elektrosmog umgeben und damit zwangsläufig auch die sehr persönlichen und vertraulichen Daten unserer modernen elektronischen Kommunikation. Deren Geheimhaltung nimmt die Bundesrepublik Deutschland tatsächlich sehr ernst, soweit ihre Bürger betroffen sind. Grundrechtsschutz hat eine Vorrangstellung und ist mehr als politisches Lippenbekenntnis.

Europa hat in den vergangenen Jahrzehnten eine hohe Friedensdividende aufgebaut, und das ist gut so. Besonders Deutschland war angesichts seiner Geschichte stets bestrebt, der Verantwortung für ein friedvolles Miteinander gerecht zu werden. Als Folge wurden deutsche Ämter auch in Einrichtungen der Bundeswehr vorwiegend pazifistisch und damit ganz im Sinne einer Verteidigungsarmee besetzt. Der aggressive Bereich der Aufklärung wie mit der Euro Hawk, bei der die Drohne feindliche Truppen möglichst früh ausforscht, bevor ein Einsatz deutscher Soldaten erfolgt, ist in Deutschland mit Blick auf eben seine Geschichte stark unterrepräsentiert.

Das Atlantische Bündnis im Wirtschaftskrieg

Auch aus diesem Grund trifft uns der NSA-Abhörskandal bis ins Mark. Es verstört, dass ein Verbündeter gegenüber einem Partnerland ein so hochaggressives Aufklärungsverhalten zeigt. Dabei gehört die Ausforschung deutscher Aktivitäten durch die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten zum Alltag, ganz besonders im Rahmen von Industriespionage und Wirtschaftskrieg.

Brüssel, Ende der neunziger Jahre: Das Atlantische Bündnis will ein System zur vernetzten Luftverteidigung beschaffen. Ausschlaggebend für die Auftragserteilung sind die beiden Faktoren Abdeckung der Nutzeranforderungen und - der Preis. Am Ende des Bietverfahrens stehen sich zwei Bieterkonsortien gegenüber: eines mit Beteiligung eines deutschen Rüstungsunternehmens und ein amerikanisches Bieterkonsortium. Vor der Auftragsvergabe sind beide Konsortien zur Abschlusspräsentation eingeladen. Wer das beste Angebot zum besten Preis abgeben kann, erhält den Zuschlag. Die Information, wo der Mitbieter diesbezüglich steht, ist daher für den Gegenspieler und die kurzfristige Nachbesserung seines „best and final offer“ Millionen Dollar wert.

Internet-der-Dinge deutsch Part 1 © Grafikdatei: blogs.cisco.com; Überarbeitung F.A.Z.-Grafik Freidel/Heumann Vergrößern Nicht nur Menschen oder Mobiltelefone sollen im Cisco-Szenario vernetzt sein, sondern möglichst alle Gebrauchsgegenstände.

Der deutsche Anbieter präsentiert zuerst. Im Auditorium der Beschaffungsagentur sitzen sogenannte „Regierungsberater“. Später am Abend flaniert das deutsche Team an einem Restaurant vorbei. Ein Blick durchs Fenster schafft Gewissheit: Der amerikanische Mitbewerber sitzt mit zwei der sogenannten Regierungsberater beim gemeinsamen Abendessen.

Vergebliche Aufregung schon damals: Die Beteiligung eines amerikanischen Dienstes an der Ausschreibung für das Rüstungssystem gehörte zu den offensichtlichen Gegebenheiten des Beschaffungsprozesses, bei dem der amerikanische Mitbewerber über Details des deutschen Angebots gerade noch rechtzeitig in Kenntnis gesetzt wurde, um den deutschen Anbieter möglichst zu unterbieten.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Technologischer Fortschritt Macht uns Google dumm?

In einer smarten Welt muss man sich fragen, ob der Mensch intelligenter wird – oder ob er dabei ist, wichtige Kulturtechniken zu verlernen. Zum Beispiel, seinen eigenen Weg zu finden. Mehr Von Adrian Lobe

23.07.2016, 15:53 Uhr | Feuilleton
Waffengewalt Tote nach Schießerei in amerikanischem Nachtclub

In Fort Myers im Bundesstaat Florida sind mehrere Menschen durch Schüsse getötet oder verletzt worden. Sie hielten sich nachts vor und in einem Club bei einer Party für junge Menschen auf. Mehr

25.07.2016, 17:26 Uhr | Gesellschaft
Überwachungsmekka England Wie eine Wölfin im Staatspelz

Um an Daten zu gelangen, werden schon mal Gesetze gebrochen: Theresa May setzt sich seit Jahren für mehr staatliche Überwachung ein. Was ist von ihr als neuer Premierministerin zu halten? Mehr Von Constanze Kurz

25.07.2016, 18:55 Uhr | Feuilleton
Saugen, Wischen, Mähen Was taugen Haushaltsroboter?

Ob Fensterputzen, Staubsaugen oder Rasenmähen – viele lästige Aufgaben im Haushalt können heute von Robotern erledigt werden. Der Test Mensch gegen Maschine gibt Aufschluss darüber, was die Haushaltshelfer wirklich taugen. Der Beitrag des Bayerischen Rundfunks ist auch in der Sendung mehr/wert am 21.07. um 19 Uhr im BR-Fernsehen zu sehen. Mehr

21.07.2016, 17:00 Uhr | Wirtschaft
Start-up aus Frankfurt Digitales Fahrrad-Cockpit

Das Start-up Cobi geht mit einem digitalen Steuerungssystem für Fahrräder in über dreißig Ländern an den Markt. 30 000 Bestellungen liegen bereits dafür vor. Mehr Von Matthias Hertle, Frankfurt

24.07.2016, 10:53 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Der Schlaf der Gehetzten

Von Thomas Thiel

Schon Heidegger schlief schlecht und brütete dabei abstruse Gedanken aus. Das könnte auch dem Silicon Valley zum Verhängnis werden. Mehr 8

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“