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Atomenergie in Osteuropa : Nicht ohne mein Kernkraftwerk

  • -Aktualisiert am

Kühltürme des vierten und fünften Reaktors im Kernkraftwerk von Nowoworonesch Bild: Ullstein

Deutsche Technik als Goldstandard? Vorbei. Osteuropa missbilligt die deutsche Energiewende und setzt auf Atomkraft als Rückgrat der Stromversorgung.

          Nahezu unbemerkt von der westlichen Öffentlichkeit hat sich im Mai ein technischer Generationswechsel vollzogen: Im russischen Kernkraftwerk Nowoworonesch II wurde erstmals in Europa ein Druckwasserreaktor der sogenannten Generation III+ in Betrieb genommen, dessen Sicherheitscharakteristika die der Anlagen im westlichen Teil des Kontinents übertreffen – auch die der deutschen.

          Merkmal dieser Reaktorgeneration sind neben der höheren Wirtschaftlichkeit vor allem die Sicherheitssysteme, die den neuesten Anforderungen der EU für Neuanlagen entsprechen müssen. Sie sollen gewährleisten, dass auch bei schwersten Störfallverläufen keine Radionukliden, über das unmittelbare Anlagengelände hinaus freigesetzt werden. Auch im Fall eines totalen Spannungsverlusts infolge des Ausfalls von Landesnetz, Fremdnetz und Notstromdiesel-Aggregaten, wie es nach dem Tsunami in Fukushima geschah, soll eine sichere Abfuhr der Nachzerfallswärme aus einem Kernreaktor gewährleistet sein. In diesem Fall, der im Kraftwerkjargon „Station Blackout“ genannt wird, ersetzen bei Kernkraftwerken der neuesten Generation passive Systeme, die ohne elektrisch betriebene Komponenten arbeiten, die üblichen „aktiven“ Not- und Nachkühlsysteme, deren Pumpen auf externe Stromversorgung angewiesen sind.

          Vor allem können Kernkraftwerke der russischen Familie „AES-2006“, zu der auch der VVER-1200/392M von Nowoworonesch II-1 gehört, die Nachzerfallswärme aus dem Reaktorkern passiv über die Dampferzeuger abführen, auch wenn bei einem totalen Spannungsverlust jene Systeme, welche diese Wärmesenke normalerweise sichern, nicht mehr funktionieren. In einem solchen passiven Szenario wird der im Dampferzeuger entstehende Dampf nicht im üblichen Wasser-Dampf-Kreislauf kondensiert und mittels Kondensat- und Speisewasserpumpen wieder in den Dampferzeuger zurückbefördert. Er wird über ein außenluftgekühltes System kondensiert, und das Kondensat wird per Naturumlauf, ohne „aktive“ Pumpen, wieder dem Dampferzeuger zugeführt.

          Lösungen aus einer Hand

          Diese Kombination von aktiven und passiven Sicherheitssystemen bringt, russischen Angaben zufolge, die Eintrittswahrscheinlichkeit eines schweren Reaktorschadens auf die Höhe des französisch-deutschen EPR-Reaktors; der EPR und der neue Russe unterbieten mit diesem Wert die Empfehlungen der IAEA und den Richtwert der EU für neu zu genehmigende Anlagen weit. Zum Vergleich: Die heute in Deutschland in Betrieb befindlichen Vorkonvoi- und Konvoi-Anlagen von Siemens-KWU entsprechen nur der IAEA-Empfehlung, nicht aber der EU-Richtlinie für Neuanlagen.

          Doch während der moderne russische Reaktor bereits läuft, hat sein europäisches Gegenstück, der EPR, große Anlaufschwierigkeiten: Kostenexplosionen, Skandale, Rechtsstreitigkeiten und Bauverzögerungen begleiten seit Jahren die EPR-Projekte in Frankreich, Finnland und China. Es ist gerade die Umsetzung der innovativen Lösungen in der Kerntechnik, in der die Russen die Europäer, aber auch die Amerikaner und Japaner abgehängt haben. Das hat etwas mit der wesentlich kostengünstigeren und zügigeren Abwicklung nuklearer Großbaustellen durch den russischen Anbieter zu tun. In Russland, China, Indien und demnächst auch Finnland errichten die russischen Reaktorbauer ihre Anlagen mit stoischer Routine und hoher Professionalität, die durch die russischen Probleme – Korruption, darniederliegende Infrastruktur, Bildungsmisere, fehlende Rechtssicherheit – nicht beeinträchtigt zu werden scheint.

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