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Veröffentlicht: 07.07.2016, 17:41 Uhr

Atomenergie in Osteuropa Nicht ohne mein Kernkraftwerk


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Weder in der Ukraine noch in Russland, weder in Tschechien, Polen, der Slowakei oder Ungarn gibt es starke Anti-Atom-Bewegungen. Die Gründe sind vielfältig. Polen, das bisher auf heimische Kohle setzte, beschloss gerade erst den Standort seines ersten Kernkraftwerks. Andere Ostmitteleuropäer sind lange im Geschäft und schätzen die Kernkraft als zuverlässige, luftschadstoffarme Form der Stromproduktion. In der Ukraine, für deren Bewohner seit den kriegsbedingten „rotierenden Abschaltungen“ die sichere Stromversorgung Priorität hat, wird ein Atomausstieg nicht diskutiert. In Russland sieht es ähnlich aus, doch hier macht auch die Repression der Staatsgewalt jeden Antiatomprotest zur Mutprobe.

Deutschland fordert in harschem Ton Gefolgschaft

So unterschiedlich die Motive und Verbündeten sein mögen – Polen und die Ukraine setzen auf westliche Partner, Tschechen und Ungarn auf russische –, einig sind sich unsere östlichen Nachbarn in ihrem Unmut über den deutschen Energiewende-Alleingang. In Windspitzenzeiten destabilisiert nicht gebrauchter deutscher Strom die Netze in Polen und Tschechien. Die Ostmitteleuropäer unterstützen EU-Initiativen zu innovativer Kernforschung, während Berlin dieselben als „rückwärtsgewandt“ abkanzelt und in Brüssel Druck macht, sie zu stoppen. Deutschland fordert in harschem Ton Gefolgschaft, zuletzt mit einem Einmischungsversuch in Belange der belgischen Atomaufsicht. Die östlichen Nachbarn reagieren darauf zunehmend verärgert: Warum fordert Berlin europäische Solidarität für seine stockende Energiewende, wenn es sich bei deren Beschluss nicht mit seinen Nachbarn beraten hat?

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Den Osteuropäern missfällt auch der Modus des moralischen Imperialismus in den deutschen Aussagen. Die Deutschen von heute, so scheint es ihnen, kommen nicht mehr auf Panzern. Doch sie tun, was ihnen opportun scheint, mit „höheren“ Begründungen. Man handelt ohne Konsultation Polens eine für die Sicherheit Europas sensible russisch-deutsche Gastrasse aus? Das dient dem Frieden und der Entwicklungspartnerschaft. Man tadelt die Polen, Tschechen und Ungarn für ihre Kernenergiepläne? Das ist im Interesse des Überlebens der Menschheit.

Russen und Ukrainer verstehen die Ingenieursnation Deutschland nicht mehr und vermuten, dass bei der Energiewende-Entscheidung wohl die „Politik“ über die Experten für Versorgungsnetze und Kraftwerkstechnik obsiegt habe. „Ein Land, das es sich leisten kann, seine Hauptstadt zu verlegen, kann sich vielleicht auch leisten, die besten Kernkraftwerke der Welt abzuschalten“, sagte mir ein russischer Atomingenieur, „aber ich bin überzeugt: früher oder später werden die Deutschen zur Kerntechnik zurückkehren. Vielleicht nicht zur Kerntechnik in ihrer heutigen Form. Aber sie wer-den zurückkehren. Und wir brauchen sie.“

Die Autorin ist Osteuropa-Historikerin am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg. Sie arbeitet zur Geschichte von Atomstädten und nuklearen Sicherheitskulturen in Ost- und Westeuropa.

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