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Atomenergie in Osteuropa : Nicht ohne mein Kernkraftwerk

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Einige suchten individuelle Wege, um den Verfall aufzuhalten. Zu diesen Partisanen gehörten die leitenden Ingenieure des ukrainischen Kernkraftwerks Rivne. Dessen vierter Block war zum Zeitpunkt des Kiewer Atom-Baumoratoriums 1990 zu 75 Prozent fertiggestellt. Die Rivner gaben ihre Baustelle nicht auf. Strom blieb in der westlichen Ukraine ein knappes Gut. Man versiegelte die Anlagenräume. An anderen Gewerken wurde auf Sparflamme weitergearbeitet, unter dem Vorwand der Bestandserhaltung.

Der damalige Anlagenleiter erzählte mir davon mit verschwörerischem Augenzwinkern. Jedenfalls konnten die Rivner nach Aufhebung des Moratoriums die gerettete 1000-Megawatt-Anlage 2004 endlich doch in Betrieb nehmen. Der vierte Block von Rivne wurde in gewissem Sinn der Gegenentwurf zum dreihundert Kilometer östlich gelegenen Tschernobyler Block 4: Markierte dieser im April 1986 den Tiefpunkt der Kernenergieentwicklung in der Ukraine, so stand Rivne-4 für die Renaissance der Kerntechnik und für die Suche nach Lösungen sowohl mit einheimischen als auch mit russischen und schließlich mit westlichen Technologiepartnern. Rivne-4 wird im KKW daher scherzhaft „Euroblock“ genannt, auch wenn es sich um eine Anlage sowjetischen Typs handelt.

Geringe Erfahrungen mit Anti-Atom-Bewegungen

Heute, nach dem kriegsbedingten Wegfall ostukrainischer Kohlekapazitäten, gehört die Ukraine neben Frankreich, Belgien und der Slowakei zu den Ländern mit dem höchsten Atomstromanteil weltweit. Und neben der Schweiz zu jenen Nicht-EU-Ländern, die ihre Kernkraftwerke nach Fukushima dem europäischen Stresstest unterzogen. Überhaupt hofft die kerntechnische Community in der Ukraine auf Diversifizierung mit europäischen und amerikanischen Partnern, seit der einst hochzuverlässige Partner Russland kein Partner mehr sein kann. Russische Lobbyisten grollen und verbreiten Schauergeschichten über die angebliche Schadensanfälligkeit von Brennelementen des amerikanischen Herstellers Westinghouse, die in ukrainischen Kernkraftwerken eingesetzt werden.

Das hindert die Russen nicht daran, ihrerseits Brennelemente für Kernkraftwerke westlicher Hersteller auf dem Weltmarkt anzubieten. Denn durch jahrelangen Wissenstransfer kam es zu einer Konvergenz westlicher und östlicher Standards im nuklearen Anlagenbau. Die Osteuropäer nutzten die vielfältigen Möglichkeiten, die sich für sie nach dem Ende des Kalten Krieges ergaben, optimal: ob in Ost-West-Kraftwerks-Partnerschaften, ob durch technische Kooperationen oder durch Erfahrungsaustausch und Begutachtung, wie sie die IAEA und die Betreiberorganisation WANO nach Tschernobyl aufbauten. Die Russen entschieden sich gegen den in Tschernobyl verunfallten sowjetischen „Nationalreaktor“ RBMK, dessen Konzept auf die militärischen Plutoniumproduktionsanlagen der nuklearen Anfangsepoche zurückgeht. Seitdem setzen auch sie auf die transnationale Druckwasser-Baulinie, deren sowjetische Verfechter sich einst mangelnden Patriotismus und Amerika-Anbiederei vorwerfen lassen mussten.

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