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Veröffentlicht: 07.07.2016, 17:41 Uhr

Atomenergie in Osteuropa Nicht ohne mein Kernkraftwerk


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Ihr Geheimnis ist nicht nur die Erfahrung – bis auf eine Pause in den neunziger Jahren haben die Russen seit Ende der Sechziger ununterbrochen Kernkraftwerke gebaut –, sondern auch die besondere Organisationsform der russischen Staats-Kerntechnik, die Lösungen aus einer Hand anbietet und Baustellen mit komplexen Subunternehmensgeflechten nicht kennt. Gerade Auftraggeber aus Schwellenländern, die auf das Preis-Leistungs-Verhältnis schauen, bevorzugen daher russische Anlagen. Freilich hat die russische Wirtschaftskrise dieser Entwicklung einen Dämpfer verpasst. Viele der von Russland in den vergangenen Monaten angekündigten neuen Kernkraftwerksbauten in aller Herren Ländern haben eine ungewisse Zukunft.

Wechsel der Technologieführerschaft historisch bedeutend

Deutschland indes hat im kerntechnischen Anlagenbau seine Spitzenposition abgegeben, ohne dass hierzulande, wo jeder Schnupfen der Automobilindustrie zu Krisensitzungen im Kanzleramt führt, dieser Abstieg nennenswert thematisiert würde. Das ist schlimm, finden die Osteuropäer, die über die deutsche Selbstdemontage staunen. Denn deutsche Kernkraftwerke wurden lange als Goldstandard für kerntechnische Sicherheit angesehen. In vielen Bereichen gelten die Deutschen als unschlagbar, so beim Reaktorschutz und bei leittechnischen Lösungen für den nuklearen Lastfolgebetrieb in Netzen mit hohem Anteil an volatiler Einspeisung durch Erneuerbare. In Ländern, die, anders als Deutschland, sowohl auf regenerative als auch auf nukleare Stromerzeugung setzen, wird man solche Lösungen in Zukunft brauchen.

Der Wechsel der Technologieführerschaft ist in vieler Hinsicht historisch bedeutend, galten doch die deutschen Anlagen den Osteuropäern lange Zeit als unerreichbares Vorbild – nicht nur was den Anlagenbau betraf, sondern auch hinsichtlich der Betriebsführung, des Strahlen- und Arbeitsschutzes. Überdies hätte vor drei Jahrzehnten, als die damals noch sowjetische zivile Kerntechnik in Tschernobyl in Trümmern lag, niemand vorhergesagt, dass die Osteuropäer sich einmal an die Spitze der Entwicklung setzen würden. Doch im Unterschied zu Deutschland, wo Tschernobyl und schließlich Fukushima zu einem Umschlagen der Diskurshoheit zugunsten der Kernkraftgegner und zum Ausstiegsbeschluss führten, haben Russland, die Ukraine und die Länder Ostmitteleuropas die großen kerntechnischen Unfälle nicht das Fürchten vor dem Atom gelehrt, sondern im Gegenteil die Krise als Chance genutzt.

Eine sowjetische Anlage namens „Euroblock“

Die Zeit nach Tschernobyl war eine schwere Krise. Moratorien und Protestbewegungen setzten vielen Kernkraftprojekten ein Ende. Selbst Anlagen in fortgeschrittenem Baustadium wurden Ruinen. Die Legitimationskrise nach der nuklearen Katastrophe, der wirtschaftliche Niedergang und die Desintegration des gerade zwischen der Ukraine und Russland personell und technologisch hochverflochtenen Kernenergiesektors bleibt den älteren Atomingenieuren als schlimmste Zeit ihrer Karriere in Erinnerung.

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