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Asteroidenabwehr Vom Ende her

 ·  Wie stoppt man einen Asteroiden, der Kurs auf die Erde hält und die Menschheit vernichten könnte? Nach Hollywood rüstet nun die Europäische Kommission zur Abwehr. Wie es kommt, dass unsere Fiktion real wurde.

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© CINETEXT Treffer! In „Deep Impact“ erreicht das Bruchstück eines Kometen die Erde

Vor einigen Wochen stand in der Zeitung, dass die Europäische Kommission an einer Asteroidenabwehr arbeite. Sie habe eine Gruppe internationaler Forscher damit beauftragt, nach Möglichkeiten zu suchen, um den Einschlag eines Asteroiden auf die Erde zu verhindern. Das Projekt mit dem Namen „Neoshield“ werde auch die Möglichkeit des Einsatzes einer Atombombe untersuchen und gelte als Vorbereitung für das Jahr 2029, in dem ein Asteroid der Erde gefährlich nahe kommt. So hieß es in der Meldung, die fast überall zu lesen war.

Eine Bombe gegen einen Asteroiden?
Die Europäische Kommission?

Wenn man bis dahin nicht geglaubt hatte, dass alles Leben auf der Erde in naher Zukunft von einem Asteroiden ausgelöscht werden wird, dann fühlt man sich nach dieser Nachricht nicht unbedingt sicherer. Wenn man immer schon daran geglaubt hat, allerdings auch nicht.

Halb Feuersturm, halb nuklearer Winter

Die Angst, dass die Menschheit von etwas vernichtet werden könnte, das aus dem All kommt, gibt es vermutlich, seit die Menschen in den Himmel schauen. Eine der ältesten Schilderungen der Apokalypse stammt aus der Offenbarung des Johannes, in der es heißt: „und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel“. Eine der jüngeren, nicht weniger beeindruckenden Schilderungen gibt der Film „Armageddon“, in dem ein Asteroid von der Größe von Texas auf die Erde zurast. „Die halbe Menschheit wird in einem gewaltigen Feuersturm verbrennen, der Rest erfriert im nuklearen Winter“, sagt dort der Chef der Nasa, „das kommt auf uns zu, schnurgerade.“

Das eine war die Bibel, das andere Hollywood. Beides ist nicht Adlershof.

Das Gebäude des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, Standort Berlin, ist ein grauer viereckiger Bau, in dessen linker mittlerer Ecke Alan Harris im Büro 321 sitzt und auf ein Heizkraftwerk schaut. Ein paar Hundert Meter die Straße hinunter erinnert eine große Doppelkugel daran, dass in der DDR hier die Akademie der Wissenschaften forschte. Alan Harris ist die seltsame Konstruktion nie aufgefallen. Er arbeitet seit fast zehn Jahren in Adlershof, aber er scheint einen anderen Weg ins Büro zu haben. Auf dem Schreibtisch stapeln sich Papiere, gibt es ein Foto der Familie, eine Grußkarte von Barack Obama und das Modell eines Asteroiden, der aussieht wie eine Kartoffel, womöglich „7737 Sirrah“, den die Internationale Astronomische Union vor Jahren nach ihm benannt hat - Sirrah wie Harris, nur rückwärts, ein eher ungefährliches Exemplar aus dem Asteroidenhauptgürtel zwischen Mars und Jupiter.

Das Problem mit den Asteroideneinschlägen

Alan Harris, Astrophysiker, 59 Jahre alt, in England geboren, ein Mann mit einem gütigen Gesicht und mit einem nervösen linken Auge, ist der Leiter von „Neoshield“. Ein Wissenschaftler, der in der Pressemitteilung, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt zu dessen Start herausgab, mit dem Satz zitiert wird: „Wir wollen möglichst viel über unseren Feind herausfinden, der Kurs auf die Erde nehmen könnte.“

Nur wieso klingt das nach Armageddon statt Adlershof?

Natürlich ist der Einschlag eines Asteroiden auf der Erde kein noch nie dagewesenes Ereignis. Der größte durch einen Asteroiden verursachte Krater liegt in Südafrika und ist 320 Kilometer lang und war ehedem zehn Kilometer tief, obwohl der Einschlag bereits zwei Milliarden Jahre zurückliegt. In Deutschland gibt es im Nördlinger Ries und im Steinheimer Becken zwei Krater, die fünfundzwanzig und drei Kilometer breit sind und von einem Doppelasteroiden stammen, der vor fünfzehn Millionen Jahren niederging. Der letzte größere Einschlag fand 1908 in Sibirien statt, nahe des Flusses Tunguska in einem Gebiet, das so unzugänglich ist, dass erst neunzehn Jahre später Forscher dahin vordringen konnten, um die Stelle zu untersuchen.

Das ist das Problem mit den Asteroideneinschlägen. Entweder sind sie schon lange her, oder sie liegen irgendwie abseits, jedenfalls befanden sie sich bislang eher außerhalb der Aufregung, die es braucht, um Forschungsgelder zu organisieren.

Achtzig Millionen Bäume

„Die Menschen haben keine Erfahrung damit“, sagt Alan Harris, „sie haben keinen Sinn für die Gefahr.“

Dabei hatte der Asteroid von Tunguska mindestens die Sprengkraft des Tausendfachen jener Atombombe, welche die Amerikaner über Hiroshima abwarfen. Er durchquerte die Erdatmosphäre mit einer Geschwindigkeit von mindestens zehn Kilometern pro Sekunde und damit in weniger als einer halben Minute, wobei er sich so stark aufheizte, dass er etwa zehn Kilometer über dem Erdboden explodierte. Deshalb gab es keinen Krater, sondern nur die Spuren einer gewaltigen Druckwelle, die in einem Umkreis von dreißig Kilometern achtzig Millionen Bäume umlegte.

„Und dieser Asteroid war nur dreißig bis fünfzig Meter groß“, sagt Alan Harris.

Er öffnet auf seinem Computer einen Vortrag, den er vor kurzem gehalten hat. Auf dem ersten Blatt steht die Frage, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, dass ein hundert Mal größerer Asteroid auf die Erde einschlägt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies einmal alle fünftausend Jahre passiert, beträgt zehn Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass es alle fünfzigtausend Jahre passiert, beträgt schon sechzig Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für eine halbe Million Jahre 99,9 Prozent.

Der nächste Streifschuss kommt in siebzehn Jahren

„Sollten wir uns dann überhaupt Sorgen machen“, fragt Alan Harris in sein Büro, wie er es sonst in seinem Vortrag fragt: „Do we need to care?“

Er ruft nun ein zweites Blatt auf. Es fragt, wie groß die Wahrscheinlichkeit sei, dass ein solches Objekt in einem Abstand von dreißigtausend Kilometern an der Erde vorbeifliegt, was für Astronomen so etwas wie ein Streifschuss ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass das einmal in hundert Jahren passiert, liegt bei zehn Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass es einmal in tausend Jahren passiert bei 66 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für zehntausend Jahre liegt bei 99,9 Prozent.

„Man könnte denken, das wäre eine äußerst kleine Wahrscheinlichkeit“, sagt Alan Harris, um dann wie in seinem Vortrag zu fragen: „Wann passiert das denn zum nächsten Mal?“ Er gibt selbst die Antwort: „Nun, 2029.“

Hundert Meter hohe Wellen

Am 13. April des Jahr 2029, naturgemäß einem Freitag, wird der Asteroid Apophis, benannt nach dem ägyptischen Gott der Auflösung, der Finsternis und des Chaos, der Erde gefährlich nahe kommen. Der Asteroid ist etwa zweihundertsiebzig Meter groß und dreißig Kilometer pro Sekunde schnell. Bei seinem Auftreffen würde eine Sprengkraft freigesetzt, die einem Erdbeben der Stärke 8,0 entspricht. Im Falle eines Einschlags auf dem Land entstünde ein riesiger Krater, das aufgeworfene Material würde wie bei einem Vulkanausbruch auf die Umgebung niederregnen und wochenlang die Sonne verdunkeln. Erst von einem Umkreis von 250 Kilometer vom Einschlagpunkt an gilt die Überlebenswahrscheinlichkeit als ausreichend. Im Falle eines Einschlags auf dem Wasser ist dagegen mit Tsunamis zu rechnen, deren Wellen bis zu hundert Meter Höhe erreichen können und auch an den Küsten noch etwa dreißig Meter hoch sind.

Das klingt eher nach Apokalypse.

Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, als habe Alan Harris die Statistik wie einen Trichter benutzt, dessen Wandung man unmerklich in immer kleineren Kreisen folgt, bis man auf einmal und scheinbar unaufhaltsam auf das Loch zusteuert, durch das man aus der Welt fällt.

Wie wahrscheinlich ist das denn?

„Für 2029? Ausgeschlossen.“

Fast alle großen Asteroiden haben wir im Blick

Im Jahr 2029 werde Apophis mit einem Abstand von etwa dreißigtausend Kilometern an der Erde vorbeifliegen. Allerdings gebe es die Möglichkeit, dass Apophis, wenn er die Erde passiert, in seiner Bahn abgelenkt wird, so dass er, wenn er sie im Jahr 2036 abermals ansteuert, eventuell auf sie aufschlagen könnte.

Und wie wahrscheinlich ist das?

„Eins zu zweihundertfünfzigtausend.“

Also ebenfalls ausgeschlossen. Nach Angaben der Nasa ist es inzwischen sogar wahrscheinlicher, dass ein anderer Asteroid gleicher Größe auftaucht und die Erde eher trifft, als dass es Apophis tut.

Es gibt unter den Asteroiden, die der Erde gefährlich nahe kommen - und nahe heißt näher als fünfzig Millionen Kilometer - schätzungsweise tausend, die einen Durchmesser von einem Kilometer oder mehr haben und damit bei einem Einschlag wirkliche Verwüstungen anrichten können. Von diesen tausend sind fast alle entdeckt, keiner galt bislang als so gefährlicher wie Apophis. In den nächsten hundert Jahren ist ein solcher Einschlag also garantiert nicht zu erwarten.

„Allerdings“, sagt nun Alan Harris und macht die nächste Statistik auf, „gibt es unzählige kleinere Objekte.“

Eine Projektidee aus Brüssel

Die Anzahl der Asteroiden, die weniger als hundert Meter groß sind, beträgt ein bis drei Millionen. Da Asteroiden kein eigenes Licht aussenden und nur sichtbar sind, wenn sie angestrahlt werden, viele von ihnen wegen ihrer dunklen oder unebenen Oberflächen Licht aber kaum reflektieren, sind die meisten davon unentdeckt. Ein Asteroid, wie er in Tunguska niederging, könnte die Erde im Grunde jeden Tag treffen, ohne Vorwarnzeit.

Wenn es so viele Objekte gibt, warum schlägt so selten eines ein?

„Der Weltraum ist groß“, sagt Harris, „es gibt viel Platz für die Erde.“ Und wie kam die Europäische Kommission dann darauf, ein solches Projekt auszurufen?

„Keine Ahnung“, sagt er. „Es gab eine Ausschreibung, einen call for proposal. ,Prevention of impacts from near-Earth objects on our planet’, so hieß es, glaube ich.“

Ja, aber warum?

Da steht Alan Harris vom Schreibtisch auf und geht zu einem Aktenschrank, aus dem er ein paar der Zeitschriften holt, die sich zuletzt mit dem Thema beschäftigt haben, meist gleich auf dem Titel. Es sind alles keine Science-Fiction-Hefte sondern Wissensmagazine, aber die Geschichten heißen „Gefahr aus dem All“, „Unter Beschuss“ oder „Die Erde schlägt zurück“. „Das Thema ist sehr populär im Moment“, sagt er. „Vielleicht hat jemand in Brüssel einen Artikel gelesen.“

Bei den Vereinten Nationen dauert es länger

Hartwig Bischoff sitzt bei der Europäischen Kommission in Brüssel, Abteilung Unternehmen und Industrie, Unterabteilung Raumforschung und Entwicklung, Büro 65 im neunten Stock des Kommissionsgebäudes Breydel.

Er ist der Mann, auf den die Ausschreibung für „Neoshield“ zurückgeht, und er hatte tatsächlich einen Artikel gelesen. Es ging in ihm darum, dass die Vereinten Nationen eine Arbeitsgruppe gegründet haben, die sich mit den Folgen eines Asteroideneinschlages auf der Erde beschäftigen soll. Von der Abwehr eines solchen Einschlages stand da nichts. „Und außerdem dauert es bei den Vereinten Nationen ja immer sehr lange“, sagt Hartwig Bischoff.

Er ist Anfang sechzig und kommt aus Greifswald. Er hat in dem Atomkraftwerk gearbeitet, das die Sowjetunion der DDR an den Ostseestrand gestellt hatte, bis es stillgelegt wurde und er arbeitslos. Danach hat er in der Gegend nichts finden können und kam über Umwege nach Brüssel, um dort für die Kommission die Stilllegung weiterer Atomkraftwerke zu planen. Vor ein paar Jahren wechselte er dann in die Unterabteilung für Raumfahrt, wo es sein Vorteil war, dass er fließend Russisch sprach. Er konnte die Sprache noch aus dem Kraftwerk, nun half sie ihm, einen Kontakt zum russischen Kosmonautenzentrum aufzubauen.

Noch ein wenig mehr Publicity

Hartwig Bischoff informierte sich, was in Sachen Asteroidenabwehr weltweit sonst noch geplant war. Die Amerikaner hatten kein Geld, der Europäischen Raumfahrtagentur ging es ebenso, den Russen auch, obwohl sie schon an etwas planten. Da erkannte Hartwig Bischoff, dass es hier eine Chance gab.

„Ein open window“, wie er sagt.

Es war intern nicht leicht, Unterstützung für ein derartiges Projekt zu finden, noch kurz vor der Ausschreibung haben sie in der Unterabteilung überlegt, ob sie es tatsächlich wagen sollten. Es ging zwar nur um knapp fünf Millionen Euro, aber damit würde Europa in Sachen Abwehrschild weltweit ziemlich weit nach vorn kommen. Die vielen positiven Reaktionen, die sie Anfang des Jahres zum Start von „Neoshield“ bekommen haben, überzeugten dann auch die letzten Zweifler.

Zur nächsten Beratung, so scherzte jemand, werde man vielleicht Bruce Willis einladen, der in dem Film „Armageddon“ die Erde rettet, indem er auf dem Asteroiden landet, ein Loch in ihn hineinbohrt und eine Atombombe darin zündet.

„Dann hätten wir noch ein wenig mehr Publicity“, sagt Hartwig Bischoff.

Eine Sonde? Eine Bombe?

Er hat vor kurzem in der Kirchgemeinde von Greifswald ein Stück aus der Offenbarung des Johannes gelesen, um den Leuten zu erklären, was er in Brüssel arbeitet. Er ist kein gläubiger Mensch, aber das hat selbst ihn beeindruckt.

Inzwischen ist es mehr als zwei Stunden her, dass Alan Harris in seinem Büro begonnen hat, das Projekt zu erklären. Er hat beschrieben, wie man einen Asteroiden von der Erde ablenken könnte, indem man ihn mit einer Sonde beschießt oder begleiten lässt, um ihn mit deren Schwerkraft Zentimeter um Zentimeter aus seiner Bahn zu ziehen. Er hat auch den Einsatz der Atombombe beschrieben, die neben dem Asteroiden explodieren und ihn mit Wucht ablenken soll, wobei dabei die Gefahr besteht, dass er in Teile zerbricht, die dann auf die Erde niederregnen. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit eines Fehlers, der, statt einen Einschlag zu verhindern, ihn nur von einem Land auf ein anderes verschiebt.

Im Grunde müssten sie eine Übungsmission durchführen, aber das würde hundert Millionen Euro kosten, und sie haben nur knapp fünf für knapp vier Jahre.

Wissen, was dabei herauskommt

Im Grunde widerstrebt es Alan Harris, die Asteroiden nur als Todesbringer zu sehen. Für ihn sind sie Träger des Wissens, wie das All entstand und woher wir kommen. Womöglich haben sie das Leben auf die Erde gebracht. Aber am Leben scheint die Menschen im Moment nur zu interessieren, dass es vorbei sein könnte.

„Wir forschen nicht mehr an den Grenzen unseres Wissens“, sagt er.

Da erzählt er auf einmal, dass er, kurz bevor das Gespräch begann, auf der Internetseite des Britischen Rundfunks die Videokolumne eines Kollegen angesehen hat. In ihr ging es darum, dass die Wissenschaft keine offenen Fragen mehr stelle, weil es für offene Fragen keine Aufmerksamkeit und keine Mittel gibt. In jedem Antrag muss inzwischen stehen, was bei dem Projekt herauskommen wird.

„Wie soll auf diese Weise etwas Neues entstehen?“, fragt Alan Harris.

Die Verbesserung der Kerze wird nicht zur Erfindung der Glühbirne führen, sagte sein Kollege in der Kolumne. Aber vielleicht zu einem Asteroidenabwehrschild.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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