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Assistierter Suizid : Ein guter oder ein böser Sterbewunsch?

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Die Büchse der Pandora: Sterbehilfe. Bild: dpa

Wer kann beurteilen, aus welchen Gründen jemand aus dem Leben scheiden will? Wird die Sterbehilfe einmal legal, bleibt sie nicht lange geregelt. Die Befürworter des assistierten Suizids denken die Sache nicht zu Ende.

          Die Befürworter des assistierten Suizids sagen: Wir dürfen Menschen nicht vorschreiben, wie sie zu sterben haben. Wer sein Leben durch Suizid beenden will, muss dafür auch Hilfe in Anspruch nehmen dürfen. Denn wir leben in einer liberalen, pluralistischen Gesellschaft. Die Befürworter halten also die liberale weltanschauliche Neutralität hoch. Daran ist grundsätzlich nichts verkehrt.

          Das Problem ist jedoch: Sie halten sich selbst nicht daran. Denn sie wollen die Suizidassistenz nur für Menschen zulassen, die an schwersten und unheilbaren Krankheiten leiden. Doch Schwerstkranke sind nicht die Einzigen, die selbstbestimmt aus dem Leben scheiden wollen. Was ist mit den vielen alten Menschen, die ohne schwere Krankheit „einfach“ lebensmüde sind? Was ist mit denen, die mit ihrem Lebensplan gescheitert sind und keinen neuen Sinn mehr finden können? Was ist mit den Strafgefangenen oder Sicherheitsverwahrten, die an ihrem erbärmlichen Dasein zerbrechen?

          Warum also die Suizidassistenz auf Schwerstkranke beschränken? Wenn die Befürworter darauf überhaupt eine Antwort geben, lautet sie so: Nur im Fall schwerster Krankheit sei der Wunsch nach Selbsttötung rational und nachvollziehbar. Doch der Sterbewunsch eines gesunden Lebensmüden muss um keinen Deut weniger rational sein als der eines Krebspatienten. Und weniger nachvollziehbar ist er nur für den, der Zustände schwerster Krankheit als weniger lebenswert ansieht. Das heißt, die Befürworter unterscheiden zwischen gerechtfertigten und nicht gerechtfertigten Sterbewünschen, zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Leben. Damit verfallen sie demselben Paternalismus, den sie den Gegnern der Suizidassistenz unterstellen.

          Ärztebild à la Schwarzwaldklinik

          Was die Position der Befürworter so wenig überzeugend macht, ist also nicht das liberale Neutralitätsprinzip, sondern dessen inkonsequente Anwendung. Sie haben gute Absichten, aber sie hängen einem verkürzten Liberalismus an, der seine eigenen Wertungen übersieht. Genauso inkonsequent ist es, eine kommerzielle Suizidassistenz abzulehnen, während man ärztliche Suizidassistenz bejaht. Diese Ablehnung eint jedoch fast alle Befürworter. An der Selbsttötung Geld zu verdienen, das sei etwas ganz anderes, heißt es. Doch was spricht tatsächlich dagegen?

          Können nur Ärzte krankhafte Sterbewünsche von selbstbestimmten Sterbewünschen unterscheiden? Nein, auch Hausärzte verkennen nachweislich oft die Depressionen ihrer Patienten. Können es nur Ärzte, weil sie ein besonders enges Vertrauensverhältnis zu ihren Patienten haben? Nein, wer das glaubt, folgt einem nostalgischen Ärztebild à la Schwarzwaldklinik. Sind nur Ärzte davor gefeit, ihre Patienten unangemessen zu beeinflussen? Nein, Studien zeigen, dass sich Ärzte maßgeblich von ihrer eigenen psychischen Verfassung leiten lassen, wenn sie Lebensqualität und Suizidwünsche ihrer Patienten beurteilen. Können nur Ärzte sterbewillige Menschen angemessen aufklären und begleiten? Nein, sich für oder gegen die Selbsttötung zu entscheiden ist keine medizinische Frage. Nötig ist hier eine Art Lebensberatung. Dazu sind Ärzte nicht ausgebildet. Und sie haben auch gar nicht die Zeit dazu.

          Wir sehen: Es gibt keine überzeugenden ethischen Argumente, die nur gegen kommerzielle, aber nicht gegen ärztliche Suizidassistenz sprechen. Auch diese Einschränkung legaler Suizidassistenz ist in sich schon unstimmig.

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