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Veröffentlicht: 07.06.2017, 10:47 Uhr

Dichterin Arundhati Roy Nichts ist gut in Indien

Arundhati Roy publiziert ihren zweiten Roman. In „Das Ministerium des äußersten Glücks“ beschreibt sie die dunkle Seite ihrer Gesellschaft. Da bleibt von Indien-Romantik nichts übrig.

von Martin Kämpchen, Shimla
© ddp Chronistin der Gegenwart ihres Landes: Arundhati Roy.

Vor genau zwanzig Jahren erschien Arundhati Roys erster Roman: „Der Gott der kleinen Dinge“ wurde im Handumdrehen ein Welterfolg und verschaffte der indischen Autorin die höchste Anerkennung der englischsprachigen Literatur, den Booker-Preis. Als sie wie eine Diva in der ganzen Welt herumgereicht wurde, sagte sie, dass dies ihr womöglich einziger Roman bleiben würde. Hatte der emotionale Orkan, den sie im ersten Roman entfacht hatte, sie entleert zurückgelassen? Nein, Arundhati Roy begann ihre zweite Karriere, die der Aktivistin und Chronistin.

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Die Übel der indischen Gesellschaft hat sie mit anteilnehmender Leidenschaft dargestellt. Und nicht nur das, sie spannte sich vor manche große Streitsache, verschaffte ihr Medienaufmerksamkeit und argumentative Schärfe. Jahrelang stritt sie gegen die Eindämmung des nordindischen Flusses Narmada, dem Dutzende von Dörfern und große Waldflächen zum Opfer fielen. Sie begab sich in die Dörfer der maoistischen Guerilleros und berichtete über deren Leben. Sie, diese kleine, zarte Frau, fuhr ins leidgeprüfte Kaschmir, um über das Morden und Brandschatzen, über die Vernichtung der Lebenshoffnung ganzer Generationen zu schreiben. Kein Milieu war ihr zu gefährlich und zu schwierig. Sie legte sich mit der indischen Gesellschaft, den Gerichten, der gewinnsüchtig-eigennützigen Mittelschicht an und machte sich überall Feinde. Ihre gesammelten Brandreden und furiosen Zeitschriftenaufsätze sind auch in deutscher Sprache erschienen.

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Seit Jahren aber raunte man darüber, dass Arundhati Roy doch an einem neuen Roman schreibe. In dieser Woche ist er in Indien erschienen: „The Ministry of Utmost Happiness“. Prompt sind die indischen Zeitungen voll mit Interviews, und die ersten Rezensionen sind veröffentlicht. Arundhati Roy ist sich treu geblieben. Was sie in zwanzig Jahren erlebt und miterlitten hat, fügt sie nun in ein Kaleidoskop von Geschichten, die, miteinander verwoben, die dunkle Seite der indischen Gesellschaft darstellen. Maoisten, Unberührbare, diskriminierte Muslime, das zerstrittene Kaschmir, entführte Babys, das Schicksal der Hijras (Transgender), Armut, Elend und Korruption – nichts scheint zu fehlen an dem riesigen fragmentierten Mosaik der indischen Wirklichkeit, das dieses Buch bietet. Vom Indienbild der deutschen Romantik und nachfolgender Indienreisender bleibt kein Fetzen übrig.

Arundhati Roy ist die einzige international anerkannte indische Schriftstellerin, die auch tatsächlich in Indien ansässig ist. Deshalb fehlt es ihr nicht an Authentizität. In den Gesprächen mit den hiesigen Zeitungen berichtet sie, dass weltweit dreißig Verlage ihr Buch beinahe gleichzeitig herausbringen. Die deutsche Übersetzung, „Das Ministerium des äußersten Glücks“, erscheint denn auch bei S. Fischer bereits im August.

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