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Armstrong, Amerika und Europa Vorsprung durch Technik

26.08.2005 ·  Daß Europa sich über Lance Armstrong erregt, Amerika hingegen nicht, ist kein Wunder - und kulturell bedingt. Warum aber urteilen wir Drogensünder des Alltags über die gleichgesinnten Sünder im Sport?

Von Hans Ulrich Gumbrecht, Stanford
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Wie geht es weiter mit dem „Mythos Armstrong“? Aus endlos wiederholter Erfahrung kennen wir die Geschichte. Schuldbeweise und Gegendarstellungen werden sich ablösen, das Publikumsinteresse an den Details wird schwinden - und bleiben wird schließlich bloß der Eindruck, daß eben auch Lance Armstrong nicht jener bewundernswerte Sportheld war, für den man ihn im Juli, am Tag seines letzten Triumphes, halten wollte (oder, etwas unwillig, halten mußte).

Amerikanischen Beobachtern ist die hier waltende Logik aus den Prozessen wegen sexueller Belästigung am Arbeitsplatz längst vertraut. Ob solche Verfahren mit der Bestätigung oder dem Dementi des Ausgangsvorwurfs enden, spielt fast keine Rolle. „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer“, sagt man und meidet, so gut es geht, den ehemals Angeklagten, dessen Ansehen und Karriere so oder so ruiniert sind.

Die Keule moralischer Entrüstung

Aber was genau, wenn man einmal absieht von den jeweiligen Übertretungen eng formulierter und ständig novellierter Verbote, was genau ist die „Sünde“ der „Doping-Sünder“? Wie viele Manager und Politiker, Journalisten, Wissenschaftler und Ingenieure würden für die Momente ihrer höchsten beruflichen Anforderung behaupten können, tatsächlich ganz ohne leistungsstimulierende Hilfsmittel auszukommen? Und warum fühlen wir Drogensünder des Alltags uns dann so kannibalisch wohl dabei, die Keule moralischer Entrüstung gegen die gleichgesinnten Sünder im Sport zu schwingen?

Die Antwort ist auf mehreren Ebenen „kulturell“, wie man heute so gerne sagt. Daß der Stil von Lance Armstrong bei europäischen Sportfans überhaupt nicht ankommt, hat Jean-Marie Leblanc, der Direktor der Tour de France und Hauptankläger, stellvertretend und unzweideutig bestätigt, als er sich über einen „Verlust von Leidenschaft“ in seinem großen Rennen beklagte. Zwar hat der immer noch scharfe Wind europäisch-amerikanischer Verstimmung Armstrong schon lange ins Gesicht geblasen, aber an der weltpolitischen Wetterlage liegt es nicht einmal - zumindest nicht in erster Linie.

Anti-Held durch Perfektion

Was Armstrong in der einst europäischen Domäne des Radsports zu einem Anti-Helden machte, das war seine alle Überraschungsmomente auf ein Minimum beschränkende Perfektion in der Vorbereitung und im Wettbewerb. Sie wirkt in Europa „maschinenartig“. Auch das potentiell sympathische Bild des ehemals todgeweihten Hodenkrebspatienten, der zum Weltklasseathleten aufstieg, scheint in Armstrongs Fall für manche Europäer weniger anziehend wegen seines betont engen Bündnisses mit der neuesten Medizintechnologie. Gar nicht auszudenken, wenn er sich auch noch so oft auf „Gottes Hilfe“ beriefe wie die meisten anderen amerikanischen Sporthelden.

Genau für all das aber wird Armstrong in den Vereinigten Staaten geliebt, bewundert und nachgeahmt, wie die von vielen Millionen Fans ums Handgelenk geschlungenen gelben Plastikbändchen der Lance-Armstrong-Stiftung mit der Aufschrift „Live Strong“ beweisen. „Stark leben“, das heißt dort, Unmögliches im Vertrauen auf Technik, Perfektion und meistens auch Gott zu versuchen - und manchmal sogar wirklich zu erreichen. Im Gelingensfall wird der Held zu Oprah Winfrey in die Show eingeladen, darf mit dem Präsidenten auf der Ranch in Crawford Rad fahren (oder Baseball spielen) und bleibt, wenn alles weiter gutgeht, wie die Olympiasieger der Antike bis zum Lebensende ein allseits verehrtes Vorbild.

„Kritisch-intellektuelles“ Hinterfragen

In Europa ist inzwischen eher das ehemals „kritisch-intellektuelle“ Hinterfragen zur Populärgeste geworden. „Frau“ weiß (und man weiß auch), daß es Helden (wie Götter) eigentlich gar nicht gibt und daß sich deshalb nur Blinde oder Dumme das Unmögliche vornehmen werden. Nach langen Jahren stoisch ertragener Enttäuschung kürt man dann doch Jan Ullrich zum Helden, mit dem man sich leicht identifizieren kann, weil er fast nie das geleistet hat, was ihm immer schon möglich schien. Wie du und ich wacht Ullrich am entscheidenden Tag mit einer Grippe auf. Und so wird denn der Zirkus (europäisch) oder der Himmel (amerikanisch) der Sporthelden zu einem Medium, in dem auseinanderstrebende Kulturen ihre verschiedenen Werte, ihre Selbst- und Feindbilder spiegeln und genießen können - wie es schon die Stämme des antiken Griechenland in der Ilias getan haben.

Allerdings wird die Zeit bald zu Ende gehen, in der sich Dopingvorwürfe zur kulturell produktiven Entzweiung der Geister eignen. Denn schon heute gibt es Sportarten, in denen eine wachsende Zahl von Athleten die Grenze des physiologisch Möglichen erreicht hat - Kurzstreckenläufe gehören dazu, Gewichtheben, Baseball erstaunlicherweise und eben auch Radrennen: Hier verschaffen sich den siegbringenden Unterschied jene Athleten, die die besten (und vorerst noch: unsichtbarsten) pharmakologischen Hilfsmittel benutzen. Und warum sollte man ausgerechnet die Protagonisten unserer körperzentrierten Schauspiele auf Dauer zu einer Enthaltsamkeit verpflichten, an die sich im nichtsportlichen Wettbewerb des Alltags keiner zu halten braucht? Die Doping-Ankläger von heute sind die Nachfolger der Ankläger des bezahlten Sports von gestern. Das jedenfalls ist eine Entwicklung, in der sich Europa und Amerika keinesfalls unterscheiden.

Quelle: F.A.Z., 27.08.2005, Nr. 199 / Seite 37
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