http://www.faz.net/-gqz-919q2

Die neue Einteilung der Welt : Hautfarbe, Geschlecht, Nation

  • -Aktualisiert am

Flagge zeigen, und zwar nicht auf Halbmast: die Vancouver Pride Parade in diesem August. Bild: dpa

Überall Identitäre: Wie links und rechts auf einer Einteilung der Gesellschaft in Menschengruppen bestehen. Und was dabei aus der sozialen Frage wird. Ein Gastbeitrag.

          Ach, es wäre so einfach, Political Correctness zu kritisieren, so einfach, in die Klage darüber einzustimmen, wie sehr sich der Gebots- und Verbotsfuror breitmacht und die Freiheit korrumpiert. Dass dies zu einfach wäre, kann man auch daran erkennen, mit wem man dann in einem Boot säße – mit solchen, die frühestens dann liberal geworden sind, als man Frauen, Homosexuelle, Juden und die Pluralität unserer Gesellschaft vor denen aus dem Morgenland retten konnte. Diese Liberalität schützen sie vor allem damit, die kulturlinke Form der korrekten Sprechweise aufs Korn zu nehmen, die am Ende gar keine Unterschiede mehr macht, sondern sich vor allem von denen unterscheiden will, die unterscheiden: zwischen Männern und Frauen, Hiesigen und Fremden, Weißen und Schwarzen, Klugen und Dummen und so weiter.

          Und doch: Wenn ich an mein universitäres Milieu denke, erfüllt dies tatsächlich viele der Vorurteile, die offensichtlich gar keine sind. Es gibt sogar Kollegen, die das Binnen-I stets und immer so laut sprechen, dass es nur noch die weibliche Form zu hören gibt. Es fällt mir zugegebenermaßen schwer, mich so daran zu gewöhnen, dass es mir nicht mehr auffällt – und das ist es wohl auch, was damit bezweckt wird. Endlich kann das Private politisch sein – ohne hohe Kosten, aber mit dem nicht verhandelbaren Ernst derer, denen jegliche Distanz zu sich selbst fehlt.

          Gender-Genauigkeit macht korrekt und hölzern

          Die Welt ist voller Ungerechtigkeit, sobald das erste Wort gesprochen wurde. Jürgen Habermas meinte noch, dass mit dem ersten gesprochenen Wort wenigstens die Idee eines ungezwungenen Konsenses in der Welt sei. Vielleicht ist Konsens nur möglich, bevor wir den Mund aufgemacht haben. Denn mit jedem gesprochenen Wort ist bereits ein unheilbarer Schnitt in der Welt. Diesen Schnitt gilt es politisch korrekt wiedergutzumachen. Texte strotzen dann nur so von Sternchen, Gaps und Unterstrichen – und das mit einer stupenden Genauigkeit, dass die sonstige eher hölzern wirkende Interpunktionsperformanz erst recht auffällt, selbst bei Studenten mit bayerischem Abitur, die an meiner Universität den Großteil der Klientel ausmachen.

          Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht: Unsere jungen Leute kriegen schon auch akademische Fertigkeiten beigebracht, da besteht wenig Grund zur Sorge. Aber sie lernen auch jene Sekundärtugenden eines übersensiblen Alltags, den man sich leisten können muss – und dann geht es dem Sprechen oft um explizite Orthophonie und Orthologie, mit den oben genannten Fallstricken der Unhörbarkeit des korrekt Geschriebenen.

          Ich weise die potentiellen Absolventen meines Lehrstuhls inzwischen im Internet explizit darauf hin, dass sie bei uns keine ethische Unbedenklichkeitserklärung für ihre Qualifikationsarbeiten abgeben müssen und freihändig, nach eigenem Gusto mit geschlechter- und sonstigen sensiblen Bezeichnungen umgehen dürfen. Spannenderweise können sie solche Formen der Gelassenheit gerade auch in den soziologischen Gender-Studies lernen, die, anders als viele Vorurteile lauten, eben nicht einfach für Benennungspraxen kämpfen, sondern ihre Bedingungen thematisieren – wenigstens in der Weise, wie sie in München von Paula Villa gelehrt werden.

          Weitere Themen

          Doch kein Treffen mit Kim? Video-Seite öffnen

          Abrüstung ist ein Kriterium : Doch kein Treffen mit Kim?

          Trump betonte, dass die Abrüstung der nordkoreanischen Atomwaffen ein entscheidendes Kriterium sei. Wenn bestimmte Bedingungen nicht erfüllt seien, könne das in Singapur geplante Treffen auch ausfallen oder verschoben werden.

          Schmähwettstreit im Regierungsviertel

          Kundgebungen in Berlin : Schmähwettstreit im Regierungsviertel

          Die AfD konnte nicht so viele Personen für ihre Demonstration mobilisieren, wie zunächst erwartet. Die Gegendemonstranten sind in der Überzahl. Die Polizei versucht, beide Seiten voneinander zu trennen. Es ist ein Tag der Konfrontation.

          Topmeldungen

          Carlo Cottarelli : Ein Ökonom für Italiens Übergang

          Italiens Staatspräsident wird Carlo Cottarelli als Interims-Regierungschef vorschlagen. Wofür steht der Ökonom, der einst nachwies, dass die Regierung in Rom 1 Milliarde Euro jährlich allein an Mieten zahlt?

          Religionskonflikt in Nigeria : Satanische Morde

          In Nigeria nimmt die Gewalt muslimischer Viehzüchter gegen christliche Ackerbauern zu. Der Konflikt im Zentrum Afrikas bevölkerungsreichstem Staat droht zum Religionskrieg zu werden.

          Deutsche Bahn : Super-Sparpreis wird Normalzustand

          Die Deutsche Bahn macht sich attraktiver: Das Aktionsangebot „Super-Sparpreis“ wird zur neuen Preiskategorie. Und Nahverkehr inklusive gibt es bald auch ohne Bahncard.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.