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Kritik an Musikpreis : ARD-Koordinator sieht Echo am Ende

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Protzen mit dicken Muskeln: Kollegah und Farid Bang bei der Echo-Verleihung Bild: dpa

Nach der Kritik an der Echo-Auszeichnung für die Rapper Kollegah und Farid Bang kündigt der Bundesverband Musikindustrie Änderungen an. Der ARD-Koordinator für Unterhaltung findet harte Worte für den Musikpreis.

          Wegen des Proteststurms nach der Echo-Verleihung an die Rapper Kollegah und Farid Bang will der Veranstalter das Konzept erneuern. „Als Konsequenz daraus wird der Preis auf Entscheidung des Vorstandes vom heutigen Tag nun überarbeitet werden“, erklärte Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie, an diesem Sonntag. Das schließe die „umfassende Analyse und die Erneuerung der mit der Nominierung und Preisvergabe zusammenhängenden Mechanismen“ ein. Details nannte Drücke noch nicht.

          Die beiden Rapper sind am Donnerstag für ihr als antisemitisch kritisiertes Album „Jung, Brutal, Gutaussehend 3“ in einer Sparte mit dem wichtigsten deutschen Musikpreis ausgezeichnet worden. Es enthält die Textzeilen „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow“.

          Empörung gab es auch, weil die Ehrung für die Rapper am 12. April erfolgte: dem Tag, an dem besonders in Israel an die sechs Millionen ermordeten Juden erinnert wird. Die Kritik an der Verleihung riss auch am Wochenende nicht ab.

          „Im Zuge der aktuellen Debatte mussten wir erkennen, dass wir uns in einem Umfeld wiederfinden, das den Preis in ein falsches Licht rückt“, betonte Drücke. „Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben.“ Er betonte, der Verband und Veranstalter des Echo lehne jede Art von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Homophobie und Gewaltverherrlichung ab. „Die Art und Weise der öffentlichen Befassung mit der Auszeichnung des Albums führte zu einer Welle der Betroffenheit, die uns sehr bestürzt und die den Preis überhöht und zugleich überfordert.“

          Der Verband werde die vom Echo-Beirat angeregte Diskussion um die Kunstfreiheit und ihre Grenzen mit den verschiedenen Beteiligten innerhalb und außerhalb der Branche wie angekündigt weiterführen. „Dies in der Überzeugung, dass die mediale Befassung und die Vielfalt der Betroffenheit auf besondere Weise verdeutlicht hat, wie tief das Thema gesellschaftlich sitzt.“

          Die Verleihung der Echo-Trophäen richtet sich in den meisten Kategorien nach dem Ergebnis der Verkäufe und einer darauf folgenden Juryabstimmung. In strittigen Fällen wird ein Beirat angerufen. Im Fall des Rap-Albums hieß es vor der Verleihung, die künstlerische Freiheit sei in dem Text „nicht so wesentlich übertreten“, dass ein Ausschluss gerechtfertigt wäre.

          Offenbar lässt sich das prächtig kommerzialisieren

          Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) erklärte, das Album der Rapper stehe bei dem Sender auf dem Index. Demnach wird in den WDR-Radioprogrammen – auch im Jugendradio 1Live – keine Musik daraus gespielt. Dies habe schon vor der Echo-Verleihung gegolten, sagte eine WDR-Sprecherin und bestätigte damit einen Bericht des „Handelsblatt“.

          Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) nahm die Gesellschaft und die Musikindustrie in die Pflicht. „Der eine Satz der Rapper, der jetzt überall zitiert wird, ist krass und dumm“, sagte er auf einem Parteitag in Berlin. Dass die beiden Rapper aber ein Weltbild transportierten, das vor Verschwörungstheorien, Sexismus und Ungleichheitsvorstellungen nur so triefe, und dass sich das offenbar prächtig kommerzialisieren lasse, dem werde „weder in der Musikindustrie aber auch im öffentlichen Diskurs“ begegnet. „Sondern wir erleben massive Ignoranz. Das ist ein Zeitgeistproblem“, sagte Lederer.

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