22.08.2011 · Die Chinesen sind begeistert von Apple. In Pekings Kaffeehäusern scheint eine hundertprozentige iPhone-Dichte zu herrschen. Und wer sich kein iPad leisten kann, bietet eben seine Organe zum Kauf an.
Von Mark Siemons, PekingPeking unweit des Dritten Rings, Einkaufszone Sanlitun: Trotz Blaulicht und Martinshorn steckt ein Krankenwagen fünf Minuten lang zwischen teuren Autos überwiegend deutscher Herkunft fest, die auf dem Weg zum Parkhaus der Shopping Malls ihre günstige Position behaupten und daher die Straße nicht freigeben wollen. Auf der Fußgängerbrücke hat sich eine Menge von Zuschauern eingefunden, die das Stillstand-Spektakel mit unbewegter Miene verfolgen. Noch hundert Meter entfernt ist die Sirene des Krankenwagens ohrenbetäubend, und man ahnt, welche Energie der Wille zum Konsum in dieser schicken Zone besitzen muss, dass er Signale von solcher Stärke auch aus nächster Nähe zu überhören vermag.
Aus einer etwas übel beleumundeten Barstraße für zwielichtige Ausländer hat sich das Viertel Sanlitun zu einer der ersten Kaufadressen für den gehobenen Pekinger Mittelstand entwickelt; die großen globalen Marken residieren hier hinter hohen Glasfassaden. Auch Apple unterhält hier eine seiner vier chinesischen Filialen, die laut Angaben des Konzerns seine einträglichsten weltweit sind. Im Frühjahr, als das weiße Modell des iPhone 4 eingeführt wurde, kam es hier zu einem Gewaltausbruch. Im Gemenge zwischen den kaufwilligen, an den Laden heranbrandenden Massen, privaten Händlern und den Sicherheitsmännern von Apple ging die Glasfassade des Ladens zu Bruch. Wie mehrere chinesische Medien später berichteten, soll ein „Ausländer“ von Apple mit einer Metallstange auf die Menge losgegangen sein. Vier Verletzte gab es, die Firma soll Schadenersatz gezahlt haben, und später wurden Absperrgitter aufgestellt, um die Massen auf Abstand zu halten.
Echter Überlebenskampf
Diese Absperrgitter sind mittlerweile fortgeräumt, aber immer noch liegt über dem Laden eine ähnliche Spannung zwischen Kampf und Coolness wie über dem Krankenwagen, den die Konsumenten nicht durchlassen wollen. Während drinnen eine drangvolle Enge von Kindern, Mittelschichtangestellten und Westlern herrscht, die sich den silbernen und schwarzen Preziosen auf den Tischen mit einer Mischung aus Routiniertheit und Ehrfurcht nähern, hocken draußen vor dem Eingang und in den umliegenden Gassen Frauen und Männer, die die Geräte in ihren weißen Originalverpackungen gleich vier-, fünf- oder zehnfach neben sich stapeln und auf jede Gelegenheit lauern, sie an Passanten weiterzuverkaufen.
Als es im Frühjahr Engpässe bei der Nachlieferung des neuen iPhone 4 gab, konnten diese unautorisierten, aber tolerierten Händler einigen Profit mit etwas teurer als im Laden angebotenen Geräten machen, aber woher sie jetzt, da sie die Apparate mit Preisnachlass verkaufen, ihre Gewinnspanne nehmen, weiß der Himmel.
Während drinnen also, bewacht durch zahlreiche Schwarzhemden, auf denen „Risk Control“ steht, alle Energien auf den lichten Mehrwert der Objekte zielen, deren Versprechen eleganter Leichtigkeit, geht es draußen mit aller gebotenen Robustheit um den nackten Tauschwert, das Geld. Echter Überlebenskampf und der Mittelschichtenkampf um jene immateriellen Gratifikationen, die der gehobene Konsum gewähren kann, sind in China durch keine institutionellen oder kulturellen Puffer auseinandergehalten, sondern toben mit vergleichbarer Entschlossenheit an ein und dem selben Ort. So können sich die Druckwellen, die das heutige China vor sich hertreiben, ausgerechnet in einem amerikanischen Produkt spiegeln.
Sie dachten, sie arbeiteten für Apple
Die Apple-Produkte spielen in der öffentlichen Selbstdarstellung chinesischer Mittelschichten eine noch auffälligere Rolle als andernorts. In Pekinger Cafés sind praktisch hundert Prozent der Gäste mit iPhone, iPad oder Mac-Computer ausgestattet, die sie gleich nach dem Eintreffen in Betrieb nehmen. Auch Freunde und Familien, die gemeinsam kommen, fühlen sich im Kaffeehaus erst wohl, wenn jeder einzelne angelegentlich auf sein Gerät guckt. Ganz selten schlägt mal einer ein Buch auf, fast nie einer eine Zeitung. Eine ganze Schicht scheint Vergnügen daran zu finden, sich mit den Regeln eines gemeinsamen Spiels zu beschäftigen. Selbst Polizisten, die etwas auf sich halten, hantieren auf der Straße mit großer Selbstverständlichkeit mit ihrem iPad.
Die schicken Geräte stehen so unzweifelhaft an der Pyramidenspitze der gesellschaftlich anerkannten Werte, dass es nicht weiter verwunderte, als eine Achtzehnjährige ihren Körper im Internet demjenigen anbot, der ihr ein iPhone 4 schenken würde. Ein Siebzehnjähriger verkaufte sogar seine Niere, um genug Geld für ein iPad 2 zu haben.
Auch die verbreitete Kopierpraxis bestätigt die Markenwertschätzung eher, als dass sie sie verringerte. Jedenfalls scheint man das im Apple-Store in Schanghai so zu sehen, wo auch gefälschte Exemplare des MacBook Air schon anstandslos repariert wurden. Die Übergänge zwischen offiziellen Apple Stores, lizenzierten Weiterverkäufern, unautorisierten, aber geduldeten Händlern und den zahlreichen illegalen Nachbildungen von Apple-Geschäften sind so fließend, dass sogar die Angestellten eines gefälschten Ladens, der kürzlich durch eine amerikanische Bloggerin in Kunming aufgeflogen war, glaubten, sie arbeiteten für Apple. Andere ahnten, dass ihr oberster Arbeitgeber vielleicht doch nicht in Kalifornien sitzt, aber sie hatten kein schlechtes Gewissen deswegen: Solange die Produkte in Ordnung sind, gebe es doch kein Problem.
Dass dies freilich die Bedingung für den Verkaufserfolg bleibt, dass die Produkte tatsächlich exakt den vom Konzern entworfenen Regeln entsprechen müssen und nicht wie andere technische Geräte im Kopiervorgang variiert und angepasst werden dürfen, dies macht die bislang nicht gefährdete besondere Marktstellung von Apple in China aus.
Nicht weniger als eine Million Roboter
Auch die Bedingungen der Produktion können dem glänzenden Markenkern nichts anhaben. Die erbärmlichen Arbeitsverhältnisse bei dem taiwanischen Eletronikkonzern Foxconn, der in der südchinesischen Provinz Guandong unter anderem auch Apples Geräte für den globalen Markt zusammensetzt, haben die Gemüter im chinesischen Internet schon mehrfach erregt. Aber auf das Produkt schlägt diese Entrüstung nicht durch. Der Fetischcharakter der Ware, so meinte Marx schon dem frühen Kapitalismus in England ablesen zu können, beruhe darauf, „dass sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt.“
Foxconn kann auch als exemplarische Konsequenz dessen gelten, was Marx „ursprüngliche Akkumulation“ nannte, der „Auflösung des auf eigner Arbeit beruhenden Privateigentums“. Der Konzern ist einer der größten Arbeitgeber für landlos gewordene Bauern im Wirtschaftswunderland des chinesischen Südens. Mehr als eine Million chinesische Arbeiter beschäftigt die Firma, die dafür berühmt ist, wie effizient sie die Menschen in ihre scharf kalkulierenden Kosten-Nutzen-Rechnungen einbaut. Nachdem Nachrichten über eine nicht abreißende Kette von Selbstmorden auf dem Werksgelände in der chinesischen Presse die Runde machten, sah sich der Konzern genötigt, die Löhne anzuheben. Jetzt kündigt er an, bis 2013 nicht weniger als eine Million Roboter einzusetzen. Der Arbeitsmarktforscher Huang Renmin hält diese Ankündigung bloß für einen „Trick der Kapitalisten, um die Arbeiter einzuschüchtern“. Aber wer weiß, vielleicht bereitet Apple da ja auch die nächste Stufe des chinesischen Kapitalismus vor, bei der zwischen Unternehmer und Verbraucher die technischen Apparaturen ganz unter sich bleiben.
Status-Symbole
harm zorc (toughdown)
- 25.08.2011, 12:07 Uhr
Selbstmorde bei Foxconn
Dirk Mathias Händler (dmhaendler)
- 22.08.2011, 23:56 Uhr
Reißerisch
Eric Varnhagen (erichnabokov)
- 22.08.2011, 22:02 Uhr
Das ist aber kein chinesisches Phänomen
Detlef Maurer (detlef_m)
- 22.08.2011, 20:54 Uhr
Armseliges Volk
Alex Schwarz (rdnax92)
- 22.08.2011, 20:15 Uhr