Home
http://www.faz.net/-gsf-u6gz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Anzeigen Werben Dolce & Gabbana mit einer Vergewaltigung?

05.03.2007 ·  Ein junger Mann mit entblößtem Oberkörper drückt eine junge Frau zu Boden, weitere junge Männer schauen zu: Gegen ein Werbefoto von Dolce & Gabbana gehen Kritiker in Italien und Spanien auf die Barrikaden.

Von Paul Ingendaay, Madrid
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (7)

Es kostet den Betrachter drei Sekunden, das Werbefoto der italienischen Modedesigner Dolce & Gabbana zu erfassen: Ein junger Mann mit entblößtem Oberkörper drückt eine junge Frau an den Handgelenken zu Boden, weitere junge Männer stehen dabei und schauen zu. Man sieht junge, muskulöse Körper in stilisierten Posen, makellos glänzende Haut, eine um Abgebrühtheit bemühte Erotik und den heute üblichen Hang zum Fetischismus.

In Spanien hat das staatliche Frauenreferat gegen die Anzeigenkampagne protestiert. Das Foto lasse Gewalt gegen Frauen attraktiv erscheinen, die Bildaussage degradiere die Frau zum Sexualobjekt. In den folgenden Tagen stand das Bild, gleichsam als unbezahlte Anzeige, in allen Zeitungen. Werbeziel erreicht. Die Firma Dolce & Gabbana erklärte, das Foto werde vom spanischen Markt zurückgezogen. Nur die beiden Designer waren bockig und sagten, Spanien sei „in diesen Dingen etwas zurückgeblieben“.

Kollektive Gängelungspraktiken

Jetzt wiederholt sich die Kettenreaktion in Italien. Dort ist sogar Amnesty International dabei, und die größte italienische Gewerkschaft droht einen Produktboykott an, sollte sich die Firma Dolce & Gabbana nicht bei den Frauen entschuldigen. „Den“ Frauen? Allen Italienerinnen? Europäerinnen? Allen Frauen dieser Welt? Oder nur denen, die sich von der Abbildung beleidigt fühlen? Der hemmungslosen Geständnis- und Entschuldigungssucht unserer Zeit entspricht eine ebenso hemmungslose Entschuldigungsforderungsmanie. Dabei geht es längst nicht mehr um die Frage, ob die Sache anstößig sei - das liegt so sehr auf der Hand, dass es banalisierend, also strafmildernd wirken müsste -, sondern um kollektive Gängelungspraktiken, die kaum weniger widerwärtig sind als die Sache, die sie zu bekämpfen vorgeben.

Denn es ist leicht, preiswert und vor allem populistisch, ein Anzeigenfoto zu verbieten. Schwieriger wäre es, den Vertrieb von James-Bond-Filmen mit der Begründung zu verhindern, die in ihnen gezeigten Frauen dienten vorwiegend als Sexualobjekte. Man würde sich vor einer rundheraus einverstandenen Konsumentengemeinde, darunter zahllosen Frauen, lächerlich machen. Noch schwieriger wäre es, die häusliche Gewalt in Spanien einzudämmen, damit Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern nicht erstochen, erschlagen, verbrannt oder überfahren werden - vierzehn Todesopfer in den letzten neun Wochen. Und wie wäre es damit, den Import von Sklavinnen für den spanischen Prostitutionsmarkt energischer zu bekämpfen und rechtlosen Immigrantinnen zu Hilfe zu kommen? Die Liste ließe sich verlängern. Und dann, wenn das alles erledigt ist (aber erst dann!), mag sich Zeit finden, gegen ein Werbefoto auf die Barrikaden zu steigen.

Quelle: F.A.Z., 06.03.2007, Nr. 55 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3