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Antisemitismus : Tief in der Gesellschaft

Gegen Antisemitismus: Es geht um Islamismus und eine religiöse Radikalisierung, die bei Kleinkindern ansetzt. Bild: dpa

Vier judenfeindliche Taten pro Tag? Antisemitismus ist in Deutschland zu einem Alltagsphänomen geworden. Das Problem reicht weit über den Fanatismus von Rechtsextremen hinaus.

          Eintausendvierhundertdreiundfünfzig antisemitische Straftaten sind nach Auskunft der Bundesregierung im vergangenen Jahr in Deutschland registriert worden. Das sind vier judenfeindliche Taten pro Tag. „Nur“ vier? Es sind mehr, viel mehr; sie sind zu einem Alltagsphänomen geworden, das in den offiziellen Statistiken nicht einmal ansatzweise zum Ausdruck kommt. In Berlin ist das jetzt wieder zutage getreten, dank den Schilderungen einer Mutter, die davon berichtet, wie ihr Sohn in der Grundschule verfolgt wurde. Schon in der Kita bekam er zu hören, dass seine Eltern in der Hölle schmoren würden, weil er nicht an Allah glaube. In einer Whatsapp-Gruppe wurde ein Enthauptungsvideo verbreitet. Die Zeitungen in der Hauptstadt setzen die Liste juden- und christenfeindlicher Ausfälle an Schulen fort, doch finden sich Beispiele nicht nur in Berlin, sondern im ganzen Land.

          An „Brennpunkt-Schulen“, warnt der Präsident des Deutschen Lehrerverbands in der „Bild“-Zeitung, gerate die Lage außer Kontrolle. Wie die Lage ist, wurde der Bundesregierung und dem Bundestag im vergangenen Jahr vor Augen geführt, als der unabhängige Expertenkreis Antisemitismus seinen Bericht vorstellte. Er dekliniert, wie tief das Phänomen in die Gesellschaft eingedrungen ist. Dafür sind Ewiggestrige und Rechtsextreme verantwortlich, aber auch „Israelkritiker“, die durch Dämonisierung antijüdische Stereotype bedienen und in linke Kreise hineinwirken, und schließlich ist es der muslimische Antisemitismus, dessen Ausmaß zu benennen sich Politiker scheuen.

          Besonders die Berliner Landesregierung fällt hier durch Unentschiedenheit auf. So brauchte die Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales, Sawsan Chebli (SPD), lange, bis sie auf den antisemitischen Aufmarsch am Brandenburger Tor im vergangenen Dezember reagierte. Sie hat zwar einen Arbeitskreis Antisemitismus gegründet, dabei aber gleich eine ganze Reihe von Organisationen übergangen, die sich damit beschäftigen.

          Auch hat sie verpflichtende Besuche von KZ-Gedenkstätten vorgeschlagen – über deren Wirksamkeit man streiten kann. Bei öffentlichen Auftritten zitiert sie wiederum die Zahl aus der Statistik, mit der man es sich zu leicht macht. Demnach werden mehr als neunzig Prozent der antisemitischen Straftaten von Rechtsextremen begangen. Zu diesem Befund kommt man nur, wenn man die automatisch vollzogene Zuweisung solcher Taten ins rechtsextreme Spektrum mitmacht.

          Das Problem aber ist größer, es umfasst den alteingesessenen und den „zugewanderten“ Antisemitismus. Es geht um Islamismus und eine religiöse Radikalisierung, die bei Kleinkindern ansetzt. Das ist nicht nur ein Thema für den neuen Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, sondern sollte für Innen-, Bildungs- und Familienpolitiker in Bund und Ländern, für alle religiösen und zivilgesellschaftlichen Gruppen von höchster Priorität sein. Von Verhältnissen wie im Nachbarland Frankreich, in dem sich Juden nicht mehr sicher fühlen und das sie deshalb verlassen, sind wir nicht mehr weit entfernt.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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