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Ansprache nach dem Amoklauf : Wie Obamas Worte zu verstehen sind

Jedes seiner Wörter hatte Gewicht: Präsident Obama bei seiner kurzen Ansprache Bild: Reuters

Die Pietät enthob den Präsidenten am Tag der Schreckenstat von Newtown der Notwendigkeit, konkret zu werden. Die Bedeutung einer Reform der Waffengesetze hatte Obama auch zuvor schon angedeutet.

          Präsident Obama wurde von Tränen übermannt, als er sich am Freitag Nachmittag vom Weißen Haus aus an das Volk wandte, um über das Massaker an den Schulkindern von Newtown zu sprechen. Umso größeres Gewicht hatte jedes seiner Worte. Er nahm zu einem Zeitpunkt Stellung, als die Einzelheiten des Verbrechens noch weitgehend unklar waren. Offenbar wollte er ohne Verzug politische Konsequenzen ankündigen und dabei deutlich machen, dass es auf die genauen Einzelheiten nicht allzu sehr ankommt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wenn ein schreckliches Geschehen den Anstoß zu politischem Handeln gibt, heißt das nicht, dass sich das Handeln vornehmen kann oder vornehmen sollte, die exakte Wiederkehr der Bedingungskonstellation des Geschehens zu verhindern. Hebt man einzelne Umstände hervor, läuft man Gefahr, sich in der kulturkritischen Zuschreibung scheinbarer Bedeutsamkeiten zu verstricken. Dann kommt das Problem nicht in den Blick, sondern liefert nur den Anlass zur Bekräftigung ideologischer Gewissheiten. Dieses assoziative Denken löst sich leicht von den Tatsachen, um Kausalitäten zu suggerieren.

          Täter aus normalen Familien

          Ein aberwitziges Beispiel dieses Mechanismus' bot der Präsidentschaftskandidat Mitt Romney, als er in der zweiten Fernsehdebatte nahelegte, dass der Schusswaffengebrauch von Jugendlichen mit einem Anstieg der Zahl der unehelichen Geburten zu tun habe. Er sei nicht für neue Schusswaffengesetze, sagte Romney. Stattdessen würden mehr Väter und Mütter gebraucht, die sich gemeinsam um die Erziehung ihrer Kinder kümmerten.

          In Wahrheit wuchsen die Amokschützen, deren Taten das Reden über die Waffengesetzgebung zuletzt wieder in Gang gesetzt haben, in Familien mit Vater und Mutter auf. Das gilt sowohl für den Mann, der die Kongressabgeordnete Gabriele Giffords in Arizona lebensgefährlich verletzte, als auch für den Kinoattentäter von Colorado. Und auch der Täter von Newtown soll in einer normalen Familie großgeworden sein, wenn sich seine Eltern auch vor ein paar Jahren scheiden ließen.

          Die Zuhörer wissen, was getan werden muss

          Obama forderte in seiner kurzen Ansprache „meaningful action“, Handeln, das Bedeutung hat. Damit ist kein Handeln gemeint, das sich unter Anknüpfung an vermeintlich aussagekräftige Details des Einzelfalls mit kultureller Bedeutung auflädt, sondern ein wirkliches Tun im Unterschied zum symbolischen Aktionismus. Die Formel stammt aus jenem Vokabular, das der Historiker James Kloppenberg in seinem Buch „Reading Obama“ kommentiert hat, aus dem Wörterbuch des philosophischen Pragmatismus. Der Redner macht die Praxis zur Probe auf die Wahrheit seiner Worte, denen erst das Tun Bedeutung verleihen kann. Er beschwört gerade dadurch die Dringlichkeit des Handelns, dass er offenlässt, was im Einzelnen zu tun ist.

          Dadurch nimmt er die Zuhörer in die Pflicht. Er unterstellt, dass sie sehr wohl wissen, was getan werden muss. Im vorliegenden Fall wohl zu Recht. Schon nach den Greueltaten von Arizona und Colorado deutete Obama in ähnlichen Wendungen die Notwendigkeit einer Reform der Waffengesetze an. Die Formel vom Freitag ist bei wohlwollender Lektüre so zu verstehen, dass es beim chiffrierten Ankündigen nicht bleiben darf. Klarheit und Initiative sind nötig. Die Pietät enthob den Präsidenten am Tag der jüngsten Schreckenstat der Notwendigkeit, konkrete Vorschläge vorzustellen.

          Bloomberg fordert drastische Waffengesetzreformen

          Ohne Rücksicht auf die Konvention, dass die Debatte über die politischen Folgen eines Verbrechens erst nach einem Schicklichkeitsabstand von 24 Stunden einsetzen sollte, hat der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg den Präsidenten scharf gerügt. Nötig sei sofortiges Handeln, nicht bedeutungsvolles. „Wir haben diese Rhetorik schon oft genug gehört und brauchen Führung.“ Bloomberg ist die treibende Kraft in einem Verein von Bürgermeistern der großen Städte, der sich für drastische Waffengesetzreformen einsetzt.

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