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Veröffentlicht: 17.03.2017, 22:20 Uhr

F.A.Q. Magazin Eine Verteidigung des Rechts auf Selbsterfindung

Was passiert, wenn die Schriftstellerin Anne Berest befreundete Künstler und Autoren in Coco Chanels Pariser Apartment einlädt, um dort für das Frankfurter Allgemeine Quarterly über Kunst, Mode und Politik zu sprechen?

von
© Jonas Unger Wie prägt die äußere Form das Schreiben und das Denken? Darüber haben die Schriftstellerinnen Loulou Robert, Anne Berest und der Schriftsteller Nicolas d’Estienne d’Orves nachgedacht.

Vor ein paar Jahren schrieb die französische Schriftstellerin Anne Berest mit drei Freundinnen ein Buch, das eigentlich nur ein Spaß sein sollte, eine leicht ironische Betrachtung des „Pariserischen“ an sich, eine soziologische Studie – aber dann verkaufte sich „How to Be Parisian“ gut eine Million Mal und wird in Buenos Aires und Peking und New York als ganz und gar ernstgemeinte Anleitung gelesen, wie man möglichst pariserisch erscheint. Vor allem in Modezeitschriften wurde das im Handbuchton Verfasste auf eine fast schon wieder rührende Weise wörtlich und bierernst genommen.

Niklas Maak Folgen:

Wie man sich über Oberflächen neu definiert, welche politische Bedeutung Mode hat – und inwieweit Mode und Literatur gar nicht einmal ein Gegensatz sind, so wie es das kulturkritische Klischee will (hier das „Oberflächliche“ und bloß „Äußere“ der Mode, dort das „Tiefe“, „Innere“ und „Wesentliche“ der Literatur), sondern zwei unterschiedliche Formen von Selbstverzauberung und Fiktionalisierung der eigenen Person: Darüber denkt die 1979 geborene Anne Berest aber auch in ihren Romanen nach, in denen es um die Wirrungen und die Psycholabyrinthe der modernen Familie ebenso geht wie um den Zusammenbruch und die Neuerfindung von Rollenbildern. Vor kurzem ist ihr gefeierter Erzählungsband „Emilienne oder die Suche nach der perfekten Frau“ auf Deutsch erschienen, aber auch schon in dem Roman „Sagan 54“, der vor zwei Jahren erschien und von der Jugend Françoise Sagans handelt, geht es um Methoden der Selbstfiktionalisierung.

Dieser Artikel stammt aus dem neuen Magazin Frankfurter Allgemeine Quarterly

45299750 © Frankfurter Allgemeine Quarterly Vergrößern

Gegen alle, die glauben, das Tiefe und Eigentliche von „bloßen Äußerlichkeiten“, das echte Sein vom bloßen Schein trennen zu können, schrieben schon Oscar Wilde und Paul Valéry in ihren Texten über die erstaunliche Tiefe der Haut und der Oberflächen an. Im gleichen Geist kritisiert Anne Berest die selbstverordnete Formlosigkeit der Intellektuellen ihres Landes: „In den literarischen Kreisen herrscht ein solches Misstrauen gegen Oberflächlichkeiten, dass vor allem französische Schriftstellerinnen dazu neigen, sich maskulin-neutral zu kleiden.“ Wie die Form, die Kleidung, ein politisches Statement, ein Beharren auf Differenz, auf Spiel und Verwirrung, ein Schutz vor Verletzungen und ein Panzer gegen das Angepasste werden kann, darum ging es auch bei einem Treffen, zu dem Anne Berest Schriftstellerinnen, Autoren und Künstlerinnen ins Pariser Apartment von Coco Chanel einlud – an einen Ort, an dem bei den legendären Abendessen der Modemacherin mit Jean Cocteau, Picasso und anderen schon immer eine sehr genaue Vorstellung von möglichen Formen der Erscheinung auf verschiedene Formen des Denkens traf.

Einen Tag lang wurde hier auf Einladung von Berest über das Verhältnis von Denken, Schreiben und Mode diskutiert. Man kann die Bilder dieses Tages, die in der jetzt erscheinenden zweiten Ausgabe des Frankfurter Allgemeine Quarterly (F.A.Q.) zu sehen sind, als Manifest für ein anderes Auftreten des Denkens lesen – oder einfach auch als Vorstellung einer neuen französischen Künstler-, Theoretiker- und Schriftstellergeneration, die in Zeiten zunehmender politischer Verfinsterung das Recht auf Selbsterfindung und Fremdbleiben verteidigt.

© Your Photo Today, F.A.Z. Das neue Frankfurter Allgemeine Quarterly (F.A.Q.)

Wie die Rüstung eines Kriegers

So wie hier sah man sie noch nie zusammensitzen: Anwesend in Chanels Wohnung sind die 24-jährige Schriftstellerin Loulou Robert, die mit dem politischen Coming-of-Age-Roman „Bianca“ bekannt wurde; die Journalistin und Schriftstellerin Colombe Schneck, die in „La réparation“ die Geschichte ihrer in Auschwitz ermordeten Verwandten erzählt; der Autor und Bildhauer Thomas Lélu und Anne Berests Schwester Claire, die ebenfalls Schriftstellerin ist; die Schauspielerin und Regisseurin Eva Ionesco und ihr Mann, der Schriftsteller Simon Liberati, der den dunklen Roman „Eva“ über das Leben seiner Frau als Tochter einer Porno-Fotografin geschrieben hat. Auch dabei ist der 1973 geborene Mathematiker und Physiker Cédric Villani, der das Institut Poincaré leitet, Experte für „die nichtlineare Landau-Dämpfung aus den kinetischen Gleichungen der Plasmaphysik“ ist und eines Tages beschloss, nur noch schillernde Dreiteiler und Krawattenschleifen zu tragen – „wie die Rüstung eines Kriegers, um sich für eine gewaltige Forschungsarbeit zu wappnen“.

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Wie eng Mode und Schreiben beieinanderliegen, erklärt bei diesem Treffen auch Pauline Klein, deren sarkastischer, brillanter Kurzroman „Les Souhaits ridicules“ soeben erschien. „Sonia Rykiel zum Beispiel“, erzählt Klein, „arbeitete eine Weile schriftstellerisch. Sie kreierte Kleider, aber das war fast Nebensache, es hätten auch Bücher sein können. Sie arbeitete in ihrem Bett, verbrachte ihre Zeit damit, Geschichten zu erzählen, zu lügen, das, was sie sah, neu zu interpretieren. Die Modeschöpfer, die ich bei der Arbeit beobachtet habe, begegnen ihren Models wie Romanfiguren. Mode und Schreiben haben etwas gemeinsam: Man lügt im Namen dessen, was man herstellen möchte, interpretiert um der Erkenntnis willen die Realität neu.“

Vielleicht, auch das ist eine Erkenntnis dieses Pariser Treffens, sind in einer Zeit, in der die Politik in Frankreich wie in Amerika die Realität immer unverhohlener in ihrem Sinne zurechtbiegt, ausgerechnet die großen Fiktionalisierungskünste mehr denn je vonnöten, um die Freiheit vor ihrer schleichenden Auflösung zu retten.

Glosse

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