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In Zeiten des Terrors : Der Weg in den Angststaat

  • -Aktualisiert am

Der Bürger als Marionette: Donald Trump führt eine kolumbianische Wählerin bei einer Wahlkampfveranstaltung vor. Bild: AFP

Angst ist tief in uns verankert. Wir haben gelernt, sie zu beherrschen – doch angesichts unkalkulierbarer Gefahren macht sich plötzlich eine Politik der Angst breit. Sie sorgt dafür, dass wir unsere Gesellschaft kaputtmachen. Ein Gastbeitrag.

          Ein Mann mittleren Alters ist zu früh am Bahnhof und blättert bei einem Kaffee noch die Zeitung durch. In der Nähe steht ein schwarzer Koffer. „Lassen Sie Ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!“ – das Routinemantra heutiger Bahnhöfe und Flughäfen ertönt. Nichts geschieht, da bellt (nicht mehr vom Band) die Durchsage, der Besitzer möge sich umgehend melden. Der Mann starrt auf den einsamen Koffer, der Puls erhöht sich, Schweiß bricht aus. Endlich rollt ein Reisender, verlegen lachend, den Koffer weg.

          Das ungute Gefühl, das den Mann befallen hat, grassiert gerade in vielen Varianten: nicht nur als Angst vor Selbstmordattentaten, auch vor dem Islam, der Klimakatastrophe, Überfällen, vor Amerikanern, Juden und Aliens. Angst ist tief in der menschlichen Existenz verankert, seit Urzeiten sendet sie Warnsignale und erlaubt, einmal überwunden, Entwicklungssprünge. Moderne Gesellschaften haben gelernt, Urängste auf Risiken herunterzudimmen, und sie haben Wohlfahrtsstaaten erfunden, um diese zu beherrschen. Doch das in anderen Weltgegenden schon immer fragliche Sicherheitsversprechen wird auch im reichen Deutschland nicht mehr geglaubt. Wo unkalkulierbare Gefahren kulminieren, macht sich eine Politik der Angst breit.

          Wie Risikobereitschaft und Angstlähmung sozial verteilt sind, war lange kein Thema der Soziologie; angustia (Bedrückung) erschien individuell und gesellschaftlich rationalisierbar. Doch in der „Gesellschaft der Angst“ (Heinz Bude) strukturieren sich private Ängste wieder in Zustände kollektiver Panik. Um 1930 konstatierte sie Theodor Geiger im Mittelstand, sein zahlengesättigter Klassiker „Die soziale Schichtung des deutschen Volkes“ kündigte Hitlers Machtergreifung „aus dem Mittelstandskontingent“ an. Wird das wieder aktuell, weil seit längerem weit weniger Leute in die Mittelschicht aufsteigen als ins Prekariat abrutschen?

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          Das Mittelstandskontingent, von Geiger als heterogen und unsolidarisch charakterisiert, ist heute der populistischen Agitation ausgeliefert, die in allen politischen Kulturen und Lagern an Boden gewinnt. Am stärksten ist derzeit American Angst, als Produkt einer „culture of fear“, die aus Gewaltbildern im Fernsehen und Verschwörungstheorien in den sozialen Medien die Lehre zieht, die Bedrohung nehme ständig zu, allen gegenteiligen Verbrechensstatistiken zum Trotz. Was aus der Medienanonymität an die politische Oberfläche drängt, dem verleiht der überaus vulgäre Donald Trump eine Stimme.

          Auf Angst folgt Hass: Anti-Trump-Demonstration in Manhattan

          Die Wutausbrüche von „the Donald“, der eigentlich ins Fach schlechte Komik gehört, nimmt ein Drittel der Amerikaner ernst, noch größere Kohorten weißer Männer, auch der jüngeren. Sie verachten die politische Klasse in Washington und big money, aufs Korn nehmen sie lieber die liberalen Medien, Chicanos und Muslime. Robert Reich, ein alter Weggefährte Bill Clintons, sieht in Trumps Anhängern (und denen von Ted Cruz) „gute Leute, keine bigotten Rassisten“, und in der anxious class erspürt er einen Klassenkampf, der sich bisher leider an die falsche Adresse richtet.

          Im Hass vereint

          Also den Mindestlohn erhöhen und Jobs, Jobs, Jobs schaffen? Das reicht wohl nicht, denn die „guten Leute“ tragen Galgenattrappen mit sich herum, manche zündeln an Moscheen und Flüchtlingsheimen, hierzulande wenigstens alle drei Tage einmal. Von San Bernardino bis Dinslaken heuern andere Angstlustige gar nicht bei den Islamfeinden, sondern bei den Islamisten an. Islamophobe und IS-Freiwillige sind wie siamesische Zwillinge, die den anderen hassen, aber nicht von ihm lassen können.

          Wer im Ressentiment lebt, diesem „Hochgefühl der grundsätzlichen Opposition“ (Max Scheler) und dauernder Kränkung, den holen weder Obergrenzen noch die Jagd auf Autodiebe, noch schärfere Kontrollen an Bahnhöfen in die Wirklichkeit zurück. Zum Weihnachtsfest wurden in den Vereinigten Staaten so viele Waffen verkauft wie nie zuvor, auch in Sachsen soll das Bedürfnis nach bewaffneter Selbstverteidigung rasant gewachsen sein. Und das, obwohl das Leben auf den Wohlstandsinseln noch nie so sicher war wie heute.

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