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Freitag, 17. Februar 2012
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Angela Merkel Das liebliche Lächeln der Blume Brandenburgs

21.11.2005 ·  Wie ist Angela Merkel? Wir haben Kulturschaffende gefragt, die die designierte Kanzlerin getroffen haben - im Café, im Supermarkt und am Büchertisch. Sechs Begegnungen und ein Sonett.

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Wie ist Angela Merkel? Wir haben Kulturschaffende gefragt, die die designierte Kanzlerin getroffen haben - im Café, im Supermarkt und am Büchertisch. Sechs Begegnungen und ein Sonett.

Michael Schindhelm: Für Osso bucco in den Westen

Im Kaiser-Wilhelm-Pieck-Milieu von Berlin-Mitte, dem Nowhereland zwischen dem Holocaustmahnmal und dem Technoladen Tresor, in der Einsamkeit zugiger Mauerstraßen, reißt der einzige Supermarkt weit und breit sein Schiebetürmaul auf und verschluckt vorzugsweise Angestellte des Deutschen Bundestages und anderer Behörden. Manchmal auch sie. Seltener mich. Vor ein paar Wochen uns beide, fast gleichzeitig. Ich betrat (ohne Wagen) das Laufband, das zur Fleisch- und Käsetheke und einem spärlichen Feinkostsortiment ins untere Stockwerk führt. Sie kam mir von unten entgegen, die Hand locker am Rist des Einkaufswagens, in dem zwei kleine Tüten lagen. Hinter ihr waren zwei Männer am Aufsteigen, ohne Wagen und Ware, im Abstand von fünf Metern.

Auf den ersten Blick hätte man die Männer nicht als ihre Begleitung registriert, aber mein erster Blick gehörte natürlich ihr. Ich war beruhigt, daß sie wie immer und nicht so wie auf den Plakaten aussah, ein bißchen weltabgewandt also und zugleich gefaßt auf alles, was am Ende des Laufbands kommen mochte, aber da hatte sie mich fixiert und zog die Stirn kraus. Ich hatte trotzdem das Gefühl, die Verwunderung, die sie im ersten Moment ausstrahlte, sei eine Reaktion auf meinen musternden Blick gewesen. Das Band trug uns zwar aufeinander zu, ich aber hatte mit meinem (Original und mediale Kopien) vergleichenden Hinschauen einen Schritt zurück gemacht, ich hatte sie mit einem zudringlichen, im Grunde jede Vertrautheit vernichtenden Blick angesehen, dem ihr täglich und überall entgegenlauernden Blick vom Manegenrand, aus der Menge der Voyeure, auch wenn die Menge diesmal aus einem einzelnen bestand.

Für einen Lidschlag war zwischen den Laufbändern der schmuddelige, anonyme Eros der öffentlichen Distanz, und weil die Jungs hinter ihr ein Gespür für diesen Eros hatten, zogen sie die Schultern unter ihren knappen Anzugjacken hoch und rückten mählich zu ihr auf. Dann war ein Lächeln in ihrem Gesicht, die Lippen irgendwie spitzbübisch geschürzt, ein Lächeln wie schon seit zwanzig Jahren, wie damals, in Adlershof, wie immer, wenn ich sie sehe. Es war nicht das Lächeln auf den Plakaten. Wir winkten uns zu, riefen uns zu.

Nachdem ich vergeblich im Souterrain die Regale durchforstet hatte, fand ich sie oben in einem gut trainierten Normalitätsgeheuchel mit der Kassiererin, die Jungs direkt hinter ihr in der Schlange. In Spiegeln drehten sich Leute nach ihr um, der Berliner zeigt nicht mit dem Finger, er zeigt mit dem Kinn. Sie stand mit den kleinen Beuteln vor dem Packtisch und wartete, bis ich meinen Manchego bezahlt hatte. Sie trug ihr Haar. Sie trug ein Kostüm. Sie fragte mich nach dem neuesten Stand bei der Opernstiftung. Ich sagte ihr, es sei in Berlin so schwierig, Olivenbrot und Pinienkerne zu bekommen. Sie kannte einen Stand im KaDeWe. Ab und zu zeigte jemand mit dem Kinn in ihre Richtung. Die Jungs hatten die Schultern heruntergenommen. Wir waren uns einig, für ein ordentliches Osso bucco müsse man immer noch in den Westen fahren. Und daß man dazu eigentlich eine Grenolada braucht. Ich fragte nach dem letzten Stand bei der Regierungsbildung. Sie ließ sich nicht von einem der Jungs die Tüten abnehmen. Sie war so wahrhaftig wie immer.

Michael Schindhelm teilte sich in der Akademie der Wissenschaften der DDR jahrelang ein Büro mit Angela Merkel. Heute ist der Chemiker Theaterintendant in Basel.

Gerald Uhlig: Im Café Einstein

Meist betritt sie das Einstein mit gesenktem Blick. Mit forschem Gang eilt sie durch den Raum, um im hintern Teil des Kaffeehauses ihren gewohnten Platz einzunehmen. Während andere politische Persönlichkeiten mal einen kleinen Plausch mit dem Kellner oder Gästen des Einsteins führen, strahlt Frau Merkel meistens Termindruck aus und vergräbt sich dabei mit ihren Mitarbeitern ins Gespräch. Es scheint, als suche sie keinen Dialog mit der Kaffeehauswelt. Zu gerne würde ich sie mal ein wenig aus ihrem politischen Alltag entführen. Ich würde sie an die spannenden Geschichten, die sich in den europäischen Kaffeehäusern ereigneten, erinnern. Einen Dialog würde ich mit ihr führen über die Kunst des entspannten Kaffeehausmüßiggangs oder über die geistige Nahrung, die wir den Kaffeehausliteraten zu verdanken haben. Auch über die sinnlichen Ausschweifungen von Dora Maar und Pablo Picasso im berühmten Cafe „Les Deux Magots“ in Paris würde ich erzählen. Dann könnte sie sich langsam etwas entspannter fühlen, und endlich würde ihr wunderschönes Mädchenlachen im Kaffeehaus erstrahlen.

Der Dichter Moritz Rinke hat das vor nicht allzu langer Zeit in einem Essay so formuliert: „Kürzlich war ich im Einstein und löffelte meine Kraftbrühe und am Nebentisch saß Angela Merkel. Ich finde, die Merkel kann ja sehr schön lächeln . . .“ Der Kellner würde jetzt den von ihr geliebten Darjeeling-Tee servieren und dazu ein Schüsselchen mit frischem Obst. Zum Schluß ihres Einsteinbesuchs würden wir noch ein wenig darüber philosophieren, ob der Kaffeehausliterat Albert Paris-Gütersloh doch recht hatte mit seiner aphoristischen Behauptung, daß „das Lächeln doch nur ein gut getrocknetes Weinen sei“.

Gerald Uhlig ist Buchautor und Chef des Cafe Einstein in Berlin.

Katja Lange-Müller: Das rätselhafte Geschenk

Frau Dr. Angela Merkel bin ich bislang zweimal begegnet. Beide Male waren die Anlässe Essenseinladungen, die ich annahm, weil ich gerne gut esse und aus Neugier - und obwohl ich keine Erklärung dafür hatte, daß, neben Galeristen, Künstlern, anderen Schriftstellern, ausgerechnet ich eingeladen worden war. Ich will mich auf den Abend in den Räumen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels konzentrieren. Frau Dr. Merkel kam pünktlich und in Gesellschaft zweier Herren, deren Bedeutung oder Funktion ich vergessen habe. Sie wirkte ganz entspannt, ja fröhlich. Jeden, der ihr vorgestellt wurde, sah sie an, als wüßte sie schon einiges über ihn. Ihr Gesichtsausdruck war lebhafter, als Fotografien es vermitteln können, ihr Händedruck tatsächlich einer, also kräftig, aber kühl.

Der Mann, der vor mir in der Schlange gestanden hatte, ein charmanter Autor um die Vierzig, überreichte Frau Dr. Merkel einen kleinen, glatten schwarzen Stein und meinte, der möge ihr Glück bringen. Daraufhin geschah nichts Spektakuläres, doch so seltsam, daß ich mich genau daran erinnere, war es sehr wohl: Frau Dr. Merkel nahm den Stein entgegen wie eine heiße Kartoffel, wich, kaum einen Blick darauf werfend, einen Schritt zurück, versenkte den Stein in ihrer Kostümjackentasche, sagte ohne jede Regung: „Danke. Und was soll ich nun damit?“ Mein Kollege war derart verblüfft, daß er nur wortlos lächelnd die Schultern hochziehen konnte; dies wiederum nötigte ihr ein spöttisches, womöglich sogar freches Grinsen ab. Während des Essens stellte Frau Dr. Merkel viele Fragen; wir antworteten, fragten unserseits jedoch wenig. Sie aß ordentlich ihre Teller leer und hatte zwischen den Gängen sichtlich Mühe, sich den Griff nach ihrem Handy zu verkneifen, das die ganze Zeit über vor ihr auf dem Tisch lag.

Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller lebt in Berlin.

Katharina Wagner: Sie liebt Wagner wirklich

Angela Merkel, die kommende Bundeskanzlerin, konnte ich schon mehrere Male anläßlich der Eröffnung der Bayreuther Festspiele erleben, auch in etwas zwangloserer Runde, abseits der offiziellen Begrüßungen und ähnlicher Zeremonien. Mein Eindruck von ihr ist ein anderer als der, den die Medien häufig suggerieren. Natürlich ist Frau Merkel eine Vollblutpolitikerin, was ja gut ist, aber als solche habe ich sie gleichzeitig stets als besonders aufgeschlossen und neugierig für Wagner, Bayreuth und die Festspiele wahrgenommen. Hätte ich nicht gewußt, wen ich vor mir hatte, auf eine Parteivorsitzende wäre ich sicherlich nicht ohne weiteres gekommen. Denn Frau Merkel zeigte sich weit weniger als Mandats- und Funktionsträgerin, als Staatsfrau, sondern als der sensible, kunstverständige Mensch, der Kunst auch intuitiv und emotional erfassen will und kann, als humorvoll und eben nicht bloß allgemein für ein paar Stunden interessiert: Sie kennt die Werke echt gut.

Daß Frau Merkel ehrlich begeistert ist von den Festspielen, daß sie Wagner liebt, dies, finde ich, zeigt sich an vielen kleinen Eigenheiten, an ihrer Wortwahl, an ihrem Lächeln, an ihrer so entspannten Haltung, die sie bis spät in die Nacht, etwa bei einem internen und zwanglosen Künstlerempfang, nicht etwa „ausharren“ läßt - nein, sie nimmt rege an den Diskussionen teil, die um die Premieren und Neuinszenierungen entbrennen, sie hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg, ist offen und klar, kenntnisreich und witzig. Und sie ist alles andere als ein Premieren-Hopper (heute in Bayreuth, morgen in Salzburg, übermorgen in . . .), sie läßt sich tief ein auf Kunst und Genuß, sie bleibt in Bayreuth meist zum gesamten Aufführungszyklus, länger als jeder andere Politiker. Ich glaube, sie besitzt außerordentliches Kunstverständnis.

Katharina Wagner ist Regisseurin und Assistentin der Festspielleitung in Bayreuth.

Gabriele Wohmann: Die Frau im Sommerkleid

Erfolgreicher als ich konnte Angela Merkel sich im öffentlichen Gedächtniskonglomerat einen unübersehbaren und prominenten Platz sichern. Und ob unaufhaltsam zielstrebiger Aufstieg oder nicht: bei mir hat sie diese Erinnerungsseßhaftigkeit sowieso: ich fand sie mit ihrem wie von Ludwig Richter gezeichneten Mädchengesicht schon von jeher aus der sonst gestylten Frauenmasse herausragend: lieblich-ergreifendes Lächeln, schwer zu glauben, daß sie einen beachtlichen Wissensvorrat als promovierte Naturwissenschaftlerin in diesem scheinbar so unschuldigen Kinderköpfchen hat. Vielleicht wegen dieser auffälligen Unauffälligkeit erinnere ich mich an eine Begegnungsminiatur, Jahrzehnte her, als Angela Merkel noch Familienministerin war: ein früher, warmer Sommerabend in Bonn, meine Veranstaltung, ich weiß nicht mehr, von wem organisiert und aus welchem Buch ich las, war vorbei, als ich mit einer kleinen Gruppe am Büchertisch stand.

Small talk mit Norbert Blüm, einigen Frauen und dann plötzlich auch Angela Merkel, und unseren kleinen Dialog habe ich vergessen, aber nicht, daß sie, im Gegensatz zu den anderen, im üblichen modischen Outfit und die Frisur üblich manipuliert, ein einfaches, häuslich privates Sommerkleid anhatte und das Ludwig-Richter-Kindheitsmädchen wie auf dem Bildschirm war. Bei ihr ist es Ehrlichkeit, so auszusehen, wie sie aussieht, was eine intelligente List sein könnte: die nichtkorrigierte Natur, hebt sie heraus aus dem allgemein Gewohnten im Aussehen der sonstigen Frauen, von der Frisur ohne Frisör bis zu den Schuhen: bequem. Damals beim Verabschieden sagte sie diesen Satz, an den als einzigen ich mich erinnere: „Ihren Namen wird man sich merken müssen.“ Das ist ihr, verständlich, leider aber offensichtlich nicht gelungen.

Gabriele Wohmann ist Schriftstellerin und lebt in Darmstadt.

Elke Heidenreich: Leidenschaft? Eher nicht

Ich hab' sie nicht gewählt, weil ich nie CDU wählen würde. Ob uns eine Frau oder ein Mann regiert, ist mir vollkommen egal, aber eine politische Vision, Intelligenz, Bildung, Kultur, Verantwortungsgefühl, Leidenschaft - das alles sollte schon sein. Hat sie das? Kann ich das als Fernsehzuschauer und Zeitungleser beurteilen?

Ich halte sie für intelligent, aber nicht für wirklich klug, das heißt: sie weiß viel, ist aber nicht gebildet, das wiederum heißt: Kultur findet vermutlich nicht statt. Verantwortungsgefühl? Ja, doch. Leidenschaft? Eher nicht. Tina Ruland, Vicky Leandros, Regina Ziegler, die Gräfin Pilati-Scharping und Alice Schwarzer sind ja sehr für sie. Dann muß ich doch nicht auch noch, oder?

Die Schriftstellerin und Journalistin Elke Heidenreich lebt in Köln.

F. W. Bernstein: Die Blume Brandenburgs

Angela, liebstes Kind - ich darf Sie doch so nennen?

Mich treibt Poetenmut. Verwegen, wie ich bin,

wag' ich, als ein Verehrer hier mich zu benennen

der Blume Brandenburgs, des

Mädchens aus Templin.

Einzug ins Kanzleramt. Jetzt ich, ein Blumenstreuer:

ich mach' Ihnen das Festprogramm! Angela, hier:

Posaunenchor, Gitarren, ringsum Freudenfeuer;

Arbeit und Kapital selbander im Spalier.

Schon herrscht das Glück. Vorbei die gute, alte Krise.

O welche Wonne, welche

Großkoalition!

Die Augen zu - wir sind schon fast im Paradiese.

Dies ist die Stunde meiner

Politikvision.

Ich lass', Frau Kanzlerin, mir

meinen Wunderglauben

weder von Wirklichkeiten noch von Ihnen rauben.

Der Dichter F. W. Bernstein lebt in Berlin.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.11.2005, Nr. 46 / Seite 25
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