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Kurdische Utopien im Kino : Mit Kurdistan im Herzen

  • -Aktualisiert am

Im „Milan-Protokoll“ von Peter Ott wird am Beispiel der Entführung einer deutschen Ärztin die Türkei- und Syrien-Diplomatie Deutschlands durchgespielt. Bild: Real Fiction

Im Kino gibt es das Land bereits, von dem das Volk der Kurden träumt: Ein Überblick aus aktuellem Anlass.

          Gulistan heißt eine junge Frau, die für eine bessere Welt kämpft, und zwar in einem Land, dessen Name ein wenig so klingt wie ihr eigener: Gulistan kämpft für Kurdistan. Sie ist Anhängerin einer Partei, einer Bewegung, gegen die derzeit wieder Krieg geführt wird: die PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) gilt in weiten Teilen der Welt als „terroristische Organisation“, in der Türkei auch noch als „separatistisch“. Das hat eben mit Kurdistan zu tun, einem imaginären Land, dessen Territorium sich über vier Nationalstaaten verteilt. In einem Teil dieses Territoriums, auf syrischem Boden, führt die Türkei derzeit „Militäroperationen“ durch. Sie sollen dafür sorgen, dass der Idee eines unabhängigen Kurdistan alle konkreten Ansätze in der Realität abgeschnitten werden.

          Die kurdische Guerrillakämpferin

          Gulistan konnte man im Vorjahr auf verschiedenen Filmfestivals kennenlernen, denn der Film „Gulistan, Land of Roses“ der Kanadierin Zaynê Akol war vielerorts zu sehen (unter anderem in Linz bei „Crossing Europe“). Der schwierig zu durchschauende Konflikt wird auch mit den Mitteln des Kinos intensiv verarbeitet.

          Zaynê Akols Film greift einen Aspekt auf, der wesentlich zu der Popularität der kurdischen Selbstverwaltung unter vielen Menschen im Westen beigetragen hat: der kurdische Feminismus. Sie erzählt von einer Gruppe von Kämpferinnen, die vor allem beim Training und bei der allmählichen Bewegung an die Front zu sehen sind und dabei Gelegenheit haben, ihre Geschichten zu erzählen. Die Front, das war, als der Film gedreht wurde, der Islamische Staat, der inzwischen als weitgehend besiegt gilt, der aber in Kobane einmal fast schon vor der türkischen Grenze stand.

          „Gulistan, Land of Roses“ wurde im irakischen Teil von Kurdistan gedreht, politisch (oder ideologisch) gehören die Frauen aber zu jener Bewegung, gegen die es derzeit wieder vor allem in Nordsyrien geht: zu einem von Abdullah Öcalan inspirierten (oder instruierten) Anarchosozialismus, dem es eigentlich gar nicht um einen Staat geht, sondern um einen Freiraum für eine libertäre Lebensweise.

          Wenn Frauen wie Gulistan von dieser Ideologie sprechen, dann klingt das ein wenig wie Propaganda, ein wenig aber auch wie eine konkrete Utopie, die sich allerdings oft in unwegsamen Gegenden verstecken muss. Denn der Demokratische Konföderalismus, wie die einschlägige Gesellschaftsform genannt wird, ist keineswegs für alle Kurden das gemeinsame Ziel.

          Entführung deutscher Ärztin in die Türkei

          Das kann man auch einer Szene aus einem deutschen Film entnehmen, der unlängst ins Kino kam: In „Das Milan-Protokoll“ des Künstlers Peter Ott wird am Beispiel der Entführung einer deutschen Ärztin die Türkei- und Syrien-Diplomatie des Waffen exportierenden Nato-Mitglieds Deutschland durchgespielt. Bevor die Geschichte richtig losgeht, lässt es sich der Filmemacher nicht nehmen, ein Diagramm der Lage zu zeichnen (weil sich diese ständig ändert, muss er immer wieder viel durchstreichen, ein Sinnbild für die Ohnmacht der Strategen). Für Peter Ott verläuft eine wesentliche Unterscheidung interessanterweise mitten durch Kurdistan. Im Irak sind die Bemühungen um eine Autonomie weiter fortgeschritten, allerdings sieht Ott die dort vor allem relevante kurdische Partei KDP (in anderen Schreibweisen: PDK – Demokratische Partei Kurdistans) als „neoliberal-feudalistisch“, während er die stärker im syrischen Teil aktive, der PKK zuzuordnende PYD als „sozialistisch-kommunitaristisch“ einschätzt.

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