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Doku über Pädophilie : Der Weinstein-Effekt

Minderjährige Opfer, die in Amy Bergs Dokumentation „An Open Secret“ zu Wort kommen. Bild: Matthew Valentinas

Drei Jahre lang war Amy Bergs Dokumentarfilm „An Open Secret“ über Pädophilie in Hollywood so gut wie unsichtbar. Wenn man ihn jetzt sieht, weiß man, warum.

          Man muss Victor Salva nicht kennen, und es ist auch kein unentschuldbares Versäumnis, seine Filme „Clownhouse“ (1989) oder die drei „Jeepers Creepers“ nicht gesehen zu haben, Teenie-Horror der einfältigeren Sorte. Der wahre Horror liegt anderswo. Salva wurde nach „Clownhouse“ wegen sexuellen Missbrauchs seines damals zwölf Jahre alten Hauptdarstellers zu drei Jahren Haft verurteilt, nach 15 Monaten wegen guter Führung entlassen, um dann zwischen 1994 und 2017 neun Filme zu drehen. Gestört hat das offenbar niemanden, so wie auch andere Regisseure, Produzenten oder Talentscouts weiterarbeiten konnten nach Verurteilungen wegen pädophiler Vergehen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Ungleich schwieriger wird es, wenn jemand öffentlich darüber spricht oder sogar einen Film darüber dreht. Die Regisseurin Amy Berg zum Beispiel musste erleben, wie die Tagline zu ihrem Film „An Open Secret“ auf hässliche Weise wahr wurde. „The film Hollywood doesn’t want you to see“ hieß es, als er 2014 herauskam, und tatsächlich gab es ihn jenseits von drei oder vier nicht allzu großen Festivals auch kaum irgendwo zu sehen. Obwohl die Kritiken positiv waren, mochte kein Verleih, kein Sender, kein Streamingportal die Rechte erwerben. Als dann der Skandal um Harvey Weinstein losbrach, machte der Produzent den Film auf dem Portal Vimeo gratis zugänglich. Seit dem 12. Oktober hat er mehr als drei Millionen Viewings gehabt.

          Amy Berg lässt in ihrer Dokumentation ehemalige Kinderstars zu Wort kommen, die davon erzählen, wie sie auf verschiedene Weise in Hollywood missbraucht wurden. Man sieht die Commercials und Shows, in denen sie auftraten, man hört die Eltern, die fassungslos sind und sich bisweilen für ihre Blindheit zu rechtfertigen versuchen, man erfährt einiges über die traumatischen Folgen. Niemand ist hier verpixelt; bei Berg kommen nur Opfer vor, die auch bereit waren, vor die Kamera zu treten. Das reicht mühelos, um die Strukturen eines langjährigen Pädophilen-Netzwerks zu erkennen.

          Es ist manchmal fast unerträglich zuzuschauen, weil so brutal deutlich wird, dass die Täter keinerlei Unrechtsbewusstsein erkennen lassen; weil man etwa einen Mann erleben muss, der bei der Schauspielergewerkschaft für jugendliche Darsteller zuständig war und sagt: „Diese Dinge sind nicht schlimm, solange man sie nicht als schlimm ansieht.“ Überflüssig zu erwähnen, dass auch er sich des Missbrauchs schuldig machte.

          Amy Berg arbeitet ohne Sensationselemente und mit größter Vorsicht, zu der die heikle Rechtslage zwingt. Sie beschreibt Strategien: den onkelhaften Marty Weiss, ein auf Kinderdarsteller spezialisierter Manager, der bevorzugt das Vertrauen von Eltern und Kind erschlich und einem sogar aus Familienvideos entgegengrinst; den Unternehmer Marc Collins-Rector, der glamouröse Partys mit nackten Jungs im Whirlpool ausrichtete und in dessen damaliges Webvideoportal auch Hollywoodgrößen wie der Produzent David Geffen oder der Regisseur Bryan Singer investierten. Singer soll solche Partys auch besucht haben – weitergehende Aussagen musste Berg herausschneiden, nachdem einer ihrer Interviewpartner Singer wegen Missbrauchs verklagt, die Klage dann jedoch wieder zurückgezogen hatte.

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          Dass Rector nach seiner Verurteilung im Jahr 2000 floh und heute irgendwo in Europa leben soll; dass Weiss, der 2012 die Aussage verweigerte, im Film auf Band geständig ist; dass ein anderer Verurteilter inzwischen wieder mit Jugendlichen arbeitet, kann, man muss es leider so sagen, nicht mehr überraschen in diesem Reigen der Widerwärtigkeiten. Die pädophile Erweiterung des Missbrauchsskandals ist ja nicht wie eine Naturkatastrophe hereingebrochen. Als Bergs Film 2014 gezeigt wurde, prophezeite der Produzent und Initiator des Films, man werde bald von weit prominenteren Opfern hören, die ihrer Karriere wegen geschwiegen hätten. Im Jahr 2016 sagte Corey Feldman, Kinderstar der achtziger Jahre („The Lost Boys“), er würde „gerne Namen nennen“, könne das aber aus rechtlichen Gründen nicht. Und Elijah Wood, der in den neunziger Jahren als Teenager in Hollywood arbeitete, erinnerte sich im Gespräch mit der „Sunday Times“ an „organisierten“ sexuellen Missbrauch.

          Es bleibt also, wie schon im Fall Weinstein, die Überlegung, was wer gewusst und was die Verbreitung dieses Wissens verhindert hat. Dazu gehört dann auch die Frage, warum niemand den Mut aufbrachte, Amy Bergs Film herauszubringen, dem die Branchenzeitschrift „Variety“ 2014 attestierte, er habe das Potential, „weltweit ein sehr neugieriges Publikum“ zu erreichen – „wenn er einen Verleih findet“. Das ist wohl der Nachteil von offenen Geheimnissen: Wenn die Mehrzahl annimmt, das wisse doch sowieso jeder, dann hilft das natürlich ausschließlich jenen, die es mit Hilfe von Anwälten und Geld lieber ganz im Verborgenen hielten. Nun sind sexuelle Belästigung, Vergewaltigung und Pädophilie in Hollywood kein Geheimnis mehr, auch wenn damit zu rechnen ist, dass die Liste der prominenten Enthüllungen noch länger werden wird. Interessanter als weitere Namen ist jedoch, wann es mit der „erstaunlichen Unüberwindlichkeit Hollywood-etablierter Pädophiler“ („Variety“) und anderer Täter wirklich zu Ende geht.

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