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Amoklauf an Grundschule Krieg im Idyll

Vor fünfzig Jahren fürchtete Eisenhower, das Kriegshandwerk präge zu sehr das Leben der Nation. Das Schulmassaker von Newtown spiegelt auch das militarisierte Amerika.

© REUTERS Vergrößern Newtown am Tag nach dem Schulmassaker

Vor wenigen Wochen beklagte Aaron B. O’Connell, Historiker an der United States Naval Academy und Reserveoffizier bei den Marines, die „permanente Militarisierung“ seines Landes. In dem Meinungsstück für die „New York Times“ erinnerte O’Connell an den Präsidenten Dwight D. Eisenhower, der, obgleich Fünfsternegeneral a. D., 1961 in seiner Abschiedsrede die wachsende Macht des militärisch-industriellen Komplexes anprangerte. Eisenhower fürchtete, dass Krieg und das Kriegshandwerk zu sehr das Leben der Nation prägten, mit ernsten Auswirkungen: „ökonomisch, politisch und selbst geistig.“

Jordan Mejias Folgen:  

Ökonomisch und politisch, meint jetzt O’Connell, seien Eisenhowers schlimmste Befürchtungen nicht eingetreten. Dagegen habe er mit seiner Warnung vor den „geistigen Folgen“ Recht behalten: „Unsere Kultur hat sich seit der Ära Eisenhauer deutlich militarisiert, und der Hauptgrund dafür liegt bei Zivilisten, nicht bei den militärischen Streitkräften.“ Vom unaufhörlich wiederholten Slogan „Unterstützt unsere Truppen!“ über das Tabu, das Militärbudget zu kürzen, bis zu Fernsehsendungen und Videospielen wie „NCIS“, „Homeland“, „Call of Duty“ und „Stars Earn Stripes“ würden Amerikaner täglich mit Geschichten gefüttert, die das Militär verklärten und zugleich ihre eigenen politischen und kommerziellen Ziele verfolgten. „Unkritische Unterstützung alles Militärischen ist dabei, für unsere Jugend schnell die neue Normalität zu werden.“

Wieder wird ein ungelöstes Rätsel bleiben

Zwischen Kriegsschauplätzen, wo amerikanische Truppen oder Drohnen im Einsatz sind, und einem neuenglischen Idyll, wie es über Jahre und Jahrhunderte die Kleinstadt Newtown im Bundesstaat Connecticut geradezu bilderbuchperfekt vorgeführt hat, wird es auch auf den zweiten und dritten Blick nur wenig Berührungspunkte geben. Und nicht minder absurd wäre es, das Blutvergießen in weiter Ferne, ob im Irak oder in Afghanistan, und das Massaker in der Grundschule im Ortsteil Sandy Hook auf einen alles erklärenden Nenner zu bringen. Noch im Schock, noch in der Trauer, die nun die gesamte Nation umfängt, hat jedoch die Suche nach den Ursachen begonnen.

Wie bei den vorangegangenen Untaten werden oft benutzte, nie überzeugende Formeln hervorgeholt. Spekulationen über den Konsum von Gewaltvideos und die schwarze Magie einer Waffenlobby, die aus jedem Massaker gestärkt hervorzugehen scheint, dürfen abermals blühen. Es kann vorausgesagt werden, dass nach den Trauerfeierlichkeiten und unvermeidlichen Beteuerungen, jetzt endlich und irgendwie Lehren zu ziehen und durchgreifend wirksame Maßnahmen zu treffen, wieder nur ein großes ungelöstes Rätsel übrigbleibt.

Krieg ist Krieg

Nach Erfurt, Winnenden und Oslo hat Europa nicht mehr den Vorzug, sich vor vermeintlich amerikanischen Verhältnissen sicher zu fühlen. Deswegen aber bleibt Amerika immer noch in ureigene Geschichten, Wahrnehmungen und Bedingungen verstrickt, die sich viel zu leicht in Gewalt entladen. „Meaningful action“ forderte Präsident Obama, mit den Tränen kämpfend. Bevor es dazu kommen kann, wäre zumindest zu bedenken, ob nicht doch auch das militärische Grundverständnis der Nation, verstärkt und glorifiziert von der offenbar unantastbaren Waffenlobby, einer gründlichen Prüfung unterzogen werden sollte. Es geht tatsächlich, wie Eisenhower vermutete, um eine geistige Ebene.

158540585 Soldaten verlassen die Sandy School am Tag des Amoklaufs von Newtown © AFP Bilderstrecke 

Bei der Berichterstattung aus Newtown klingen wie selbstverständlich Töne auf, die von Kriegsszenen vertraut sind. Opfer werden beklagt, die Greuel des Täters drastisch geschildert und zusammen mit den Lehrern, die ihre Schüler in Schränken und unter Tischen versteckten, auch nichtsahnende Fünfjährige zu neuen Helden ausgerufen. Krieg ist Krieg, weit weg oder ganz nah zu Hause.

Etwas ist krank in dieser Gesellschaft

Seit das Verfassungsgericht der Waffenlobby bestätigt hat, dass der zweite Verfassungszusatz praktisch jedem Amerikaner den Gebrauch einer Waffe zubilligt, sind auch die Menetekel von Columbine und Virginia Tech wirkungslos. So konnten sich über Newtown ungehindert die Schatten von Amerikas „militarisierter Kultur“ legen. Nichts deutet darauf hin, dass mit der jüngsten Bluttat ein Umkehrpunkt erreicht ist. Streit, Zank, Hader, Hass, Verdruss, Verwirrung, Missklang, Konflikt, Entfremdung, Liebesentzug, alles soll mit Schüssen aus der Welt geschafft werden, auch wenn der Schütze dabei sich und seine Welt mit in den Abgrund zieht.

Etwas ist krank in einer Gesellschaft, in der sich das Massaker derart zur Serie entwickelt. Heilung aber ist nicht durch ein paar tief empfundene Worte und einen Schwall neuer Sicherheitsvorkehrungen zu erhoffen. Ein erster Anfang wäre es, wenn die Normalität des Militärischen sich in ihr Gegenteil verkehrte.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 15.12.2012, 16:23 Uhr

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