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Veröffentlicht: 01.12.2016, 12:44 Uhr

Teheraner Kunstsammlung in Berlin Lieferumfang? Unklar. Lieferzeitpunkt? Ungewiss

In Teheran befindet sich eine der bedeutendsten Sammlungen iranischer wie auch westlicher zeitgenössischer Kunst. Ob sie wie geplant in Berlin gezeigt werden kann, ist ungewiss. Die Hintergründe sind kurios. Hat irgendjemand etwas anderes erwartet?

von Amir Hassan Cheheltan

In Iran besteht kein Einvernehmen zwischen der Bürgerschaft und ihren Regenten, und auch darüber, wie das Land zu regieren sei, herrscht Uneinigkeit. Folglich werden viele Entscheidungen nicht anerkannt, sondern vielmehr mit misstrauischem Grinsen betrachtet. Ein Beispiel dafür lieferte jüngst der Transport von dreißig wertvollen Kunstobjekten aus den Beständen des Teheraner Museums für zeitgenössische Kunst nach Berlin. Ich weiß, in vielen Gesellschaften kann die öffentliche Meinung über den Willen einer Regierung triumphieren und sie sogar stürzen, doch in Iran ist das normalerweise nicht so, denn hierzulande sind die Kommunikationskanäle verstopft, und die gesellschaftlichen Eliten, die hin und wieder Anlass haben, sich in offizielle Geschäfte einzumischen, sind den Regierungsverantwortlichen lästig.

Weil Gespräche zwischen Vertretern der Kunstszene und der Regierung ausblieben, verweigern Erstere dem Projekt des Versands der potentiellen Leihgaben ihre Unterstützung, weshalb diesmal ausnahmsweise nicht ausgeschlossen ist, dass der Plan scheitert - obwohl alle Gegner des Unterfangens zugestehen, der Leihverkehr zwischen Museen weltweit sei ein einfacher Vorgang und unter normalen Umständen gängige Praxis. Doch sind unsere Umstände normal?

Sie könnten beansprucht werden – oder gefälscht sein

Ein berühmter Galerist hat den Versand der Stücke aufgrund mangelnder Transparenz und Geheimhaltung des Transportablaufs in Frage gestellt und erklärt: „Wir wissen noch nicht, welche dreißig Stücke ausgewählt wurden, und Antworten auf unsere Fragen ist man uns schuldig geblieben. Wir haben daher allen Grund, skeptisch zu sein, weil die Sache negative Folgen haben könnte.“

Er erläutert diese negativen Folgen näher: „Einige Werke des Museums sind beschlagnahmt. Sie gehören der Pahlawi-Familie oder deren Nachkommen, die, falls die Stücke außer Landes gebracht werden, gerichtlich erwirken können, dass sie wieder in ihren Besitz übergehen.“

Das aber ist nur die halbe Wahrheit; Gerüchten in sozialen Netzwerken zufolge wurden einige der in Rede stehenden Stücke bereits aus dem Museum entfernt und durch Fälschungen ersetzt.

Seit 1991 sind aus dem Iranischen Nationalmuseum 410 antike Stücke verschwunden, 400 Gold- und Silbermünzen, sechs Federkästen, eine steinerne Inschrift, ein Gemälde sowie eine goldene und eine silberne Schrifttafel. Trotz jahrelanger Suche hat sich bis heute keine Spur gefunden, die zur Aufklärung des Diebstahls geführt hätte. Er erinnert an einen Raub nach Art des IS oder der Taliban.

Nur der Sittenverfall kann sie zu Fall bringen

Unter den verschwundenen Objekten ist der Verlust der Gold- und Silbertafeln aus der Zeit der Achämeniden besonders traurig. Die wertvollen Schrifttafeln, vor achtzig Jahren bei Ausgrabungen in Persepolis entdeckt, gingen innerhalb des Landes auf dem Weg von einem Museum in ein anderes verloren. Das Verschwinden der Stücke wurde zwanzig Jahre lang verschwiegen, und als es offenbar wurde, leiteten die iranischen Justizbehörden ein Verfahren ein. Während die silberne Schrifttafel mittlerweile gefunden wurde, ist nach wie vor ungeklärt, wie das goldene Gegenstück abhandenkommen konnte. In ihren Presseerklärungen hat die iranische Justizbehörde weder den Namen des der Tat Beschuldigten bekanntgegeben noch verlauten lassen, welche Untersuchungen eingeleitet wurden, wobei der Angeklagte, Gerüchten zufolge, gestanden hat, die Goldtafel eingeschmolzen und das edle Metall verkauft zu haben.

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