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Veröffentlicht: 30.01.2013, 20:20 Uhr

Amerikas Landlust Vergesst die Großstadt!

Für junge Amerikaner werden Metropolen immer unattraktiver. Sie ziehen in alte Kleinstädte und erfinden die „Country Cool“-Bohème. Die Deutschen dagegen lesen immer nur „Landlust“. Warum?

© LAIF Authentisch kaputt: Die Warren Street in Hudson

Eine Stadt zu gründen ist ganz einfach. Sagen jedenfalls meine Freunde aus Brooklyn. Neulich bekam ich mit, wie zwei von ihnen, zwei junge Unternehmer - einer hatte sein Geld mit einem Flohmarkt-Imperium gemacht, der andere vertreibt Vintage-Objekte im Internet-, Pläne machten, in Upstate New York eine Art Kolonie für stadtmüde Städter zu gründen, die nicht einfach aufs Land oder in die Suburbia ziehen wollen. Was sie für eine neue Stadt jenseits der Stadt brauchten, erklärten sie, sei einfach: Man muss eine Kleinstadt finden, die einmal wohlhabend war, dann aber verfiel, es müsste dort noch die klassische amerikanische Kleinstadtarchitektur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts geben, und sie dürfte nicht weiter als zwei Autostunden von New York City entfernt sein.

Man brauchte etwa zwanzig Paare und Familien, darunter auch ein paar Leute, die sich auf PR verstehen, und müsste die Main Street kaufen und aufmöbeln. Die beiden sprachen über die verschiedenen Phasen des Projekts: den Kauf, dann den PR-Erfolg, der sich einstellte, wenn die „New York Times“ über das Projekt berichten würde, dann den Punkt, an dem immer mehr Leute in die kleine Stadt würden ziehen wollen - so viele, dass man bald schon wieder Bewerber abweisen müsste.

Ich habe nicht die geringsten Zweifel daran, dass die beiden Erfolg haben werden - obwohl oder auch weil sie nicht die Ersten sind. Es gibt schon zahlreiche erfolgreich von Großstädtern kolonialisierte Kleinstädte im Norden von New York, und die sind erst der Anfang. Das Phänomen der Stadtflucht ist nicht nur in meiner Heimat zu beobachten. Auch in Deutschland gibt es, wie auch der Erfolg der seltsamen Zeitschrift „Landlust“ belegt, unter den um 1970 geborenen Stadtbewohnern offenbar eine große Sehnsucht nach dem Landleben.

Die Heimat all derer, die keinen Fluchtplan haben

Viele kaufen sich alte Bauernhöfe oder Scheunen oder leerstehende Schulgebäude, wie es ihnen die Figuren von Judith Hermanns Roman „Sommerhaus, später“ und zahllose Filme der Berliner Schule vorgemacht haben - aber ich habe noch nie gehört, dass die deutsche Großstadt-Hipsteria erfolgreich eine ostdeutsche Kleinstadt kolonialisiert hätte.

Es gab vielleicht immer wieder Versuche von verschiedenen Gestalten der Berliner Kunstwelt, halb verfallene Straßendörfer in Brandenburg zu übernehmen, aber das hat nicht funktioniert, auch weil die von allgemeiner Perspektiv- und Arbeitslosigkeit geplagte Dorfbevölkerung es nicht sonderlich schätzte, zuzuschauen, wie jedes Wochenende eine Armada von weißbehosten Städtern mit KaDe-We-Tüten aus ihren dunkelbraunen Range-Rovern stolperte und sich über die authentisch kaputten Fassaden freute. Die rauschenden Gartenfeste mit Champagner und illegalen Modedrogen wurden mehr als einmal von Auftritten einer unduldsamen Dorfjugend empfindlich gestört.

Gäste blieben weg, schließlich wurden die zum Preis eines Mittelklasse-Autos erworbenen Bruchbuden wieder verkauft; das Experiment war beendet, nur ein paar eiserne Landfreunde blieben und vereinsamten in ihrem Ostidyll. Brooklyn und Berlin ähneln sich in vielerlei Hinsicht, und das ökonomisch heruntergekommene Upstate New York hat viel mit Brandenburg gemein. Aber in Upstate New York findet man viele Kleinstädte, in denen sich die jungen und die schönen Großstädter zurückgezogen haben, was man von Städten wie Prenzlau, Haßleben und Quappendorf nicht sagen kann: Brandenburgs Kleinstädte scheinen sehr oft eher die Heimat all derer zu sein, die keinen überzeugenden Fluchtplan haben.

Und sie singen das Hohelied ihrer Coolness

Dagegen hat die Brooklynisierung von Upstate New York, die mittlerweile bis Maine hochreicht, ein Ausmaß erreicht, dass die „New York Times“ das Hudson River Valley bereits als „NoBro“ - North of Brooklyn - bezeichnet. Warum also ist der Export des Lifestyles von Brooklyn in die Provinz so erfolgreich, während die Berliner nur davon träumen können?

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