13.07.2007 · Die „Mommy Wars“, die die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten heimsuchen, toben noch immer. Berufstätige Mütter und Hausfrauen stehen einander gegenüber. Doch mehr und mehr bestimmt die ökonomisch geprägte Wirklichkeit den Ton.
Von Jordan Mejias, New YorkWenn die Wissenschaft ihre Stimme erhebt, verstummt die Ideologie noch lange nicht. Manchmal kommen sie ins Gespräch, manchmal sucht die Letztere sich als die Erstere auszugeben, und manchmal geht alles drunter und drüber. Als kürzlich eine der amerikanischen Hochburgen der Wissenschaft, die National Institutes of Health, eine Studie zur Kinderbetreuung vorlegte, wie es sie in dieser Ausführlichkeit noch nie gegeben haben soll, wurden die Ergebnisse sogleich von allen Interessierten ausgeschlachtet.
Es ging um 1364 Kinder, die seit ihrer Geburt von der Wissenschaft nicht mehr aus den Augen gelassen wurden. Sie hatten inzwischen die sechste Klasse erreicht. Dort entwickelten sie umso größere Verhaltensprobleme, je länger sie in einer Kinderkrippe untergebracht waren. Wie nicht anders zu erwarten, waren die Verteidiger einer Erziehung in der Geborgenheit des Elternhauses schnell dabei, einen Sieg zu feiern.
Ergebnis im Normalbereich
Ihre Gegner taten es freilich auch. Denn der statistische Unterschied zwischen Kindern, die in einer Krippe oder in der Familie aufwuchsen, war so gering, dass er praktisch kaum zu Buche schlug. Für alle blieb das Ergebnis im Normalbereich. Zudem war aus der Studie zu erfahren, dass Schüler, die über ein überdurchschnittliches Vokabular verfügen, eher aus einer guten Kinderkrippe als aus einer schlechten kommen. Womöglich hätte sich diese Mutter oder jener Vater das auch ohne die Nachhilfe einer staatlichen Studie zusammengereimt, aber das Resultat nahmen die Krippenbefürworter gerne zum Anlass, eine Verbesserung des Angebots zu fordern. Dass es so viel Aufregung um derart harmlose Ergebnisse gab, zeigt, wie heftig die „Mommy Wars“, die Amerika seit Jahrzehnten heimsuchen, noch immer toben.
Zurzeit sind die Gefechte wieder voll entflammt, auch wenn oft nicht klar ist, worum eigentlich gekämpft wird. Aber dass etwas im Umbruch ist, belegt eine zweite Statistik, die vom amerikanischen Arbeitsministerium erstellt wurde. Danach geht die Zahl der verheirateten Mütter zurück, die Kinder haben und einem Beruf nachgehen. Der Trend hat sich also umgekehrt. Bedeutet das nun, dass die „opt-out revolution“ keine Wunsch- oder Wahnvorstellung ist? Ausgerufen hatte sie Lisa Belkin schon 2003 in einem umstrittenen Artikel in der „New York Times“. Belkin stellte junge, beruflich erfolgreiche Frauen vor, die ihre Karriere zurückschraubten oder aufgaben, um sich der Familie zu widmen. Zum Skandal wuchsen sich die Schlussfolgerungen aus, die sie daraus zog. Auf die Frage „Warum regieren Frauen nicht die Welt?“ gab Belkin die jedem feministischen Gleichheitsdrang spottende Antwort: „Vielleicht weil sie es nicht wollen.“
Sie haben keine Wahl
Seit der Wiederbelebung der Frauenbewegung in den sechziger Jahren sah das Magazin „Reason“ Frauen, die eine Karriere in ihnen lange verwehrten Berufen und Berufsebenen anstreben, und Frauen, die sich in ihrer traditionellen Rolle wohl fühlen, in einem beständigen Nebeneinander. Dafür spricht, dass Susan Faludi sich bereits in den achtziger Jahren über karriereflüchtige Frauen und zurückschlagende Männer ereiferte. Ganz anders argumentiert jetzt in seiner „Motherhood Study“ das „Institute for American Values“, das jede ideologische Kluft zwischen berufstätigen und ausschließlich den Haushalt führenden Müttern verleugnet. Die Realität, so die Nachricht sogar aus dieser konservativen Denkfabrik, sehe im heutigen Amerika anders aus. Die meisten Mütter arbeiteten, denn sie hätten keine andere Wahl.
Aber statt eine solche Realität mit flexiblen Arbeitszeiten, großzügigem Mutterschaftsurlaub und erschwinglichen Krippenplätzen zu verbessern, kommt es zu ideologischen Kämpfen. Wie lange noch? Fast ein halbes Jahrhundert nachdem Betty Friedan in „The Feminine Mystique“ die Frau aus den Fesseln des Haushalts befreien wollte, hat Leslie Bennetts „The Feminine Mistake“ vorgelegt. Mütter, die zu Hause blieben, heißt es in dem heiß diskutierten Buch, machten einen entscheidenden Fehler. Sie gingen ein emotionales, finanzielles und medizinisches Risiko ein, ihr Verhalten sei destruktiv. Auch Bennetts hat vor allem die besserverdienenden Schichten im Blick, wenn sie uns, gewappnet mit Statistiken und ökonomischen und soziologischen Argumenten, die arbeitende Mutter als pragmatisches Idealbild der Frau vorstellt. Gerade sie sei keine Rabenmutter, weil sie für ihre Kinder sorge, indem sie ihr eigenes menschliches Kapital voll nutze, ein gutes Beispiel abgebe und sich gegenüber dem Mann in keine wirtschaftliche Abhängigkeit begebe.
Nur wenige kehren zurück
Schützenhilfe bekommt Bennetts von Linda Hirshman, die in „Get to Work - A Manifesto for Women of the World“ ebenfalls die Frau und die Mutter ins berufliche Abenteuer schickt, wo sie all ihre Talente entwickeln und so auch die Gesellschaft voranbringen könne. Frauen, die einmal aus der Karriere ausgestiegen sind, sagt Hirshman keine großen Chancen bei ihrer Rückkehr voraus. Nur vierzig Prozent aller ehemaligen Karrierefrauen fänden den Weg zurück in ein volles Berufsleben, zumal sie jetzt alle zu Hause unter dem Druck stünden, den Kindern eine aberwitzig perfekte Pflege und Erziehung angedeihen zu lassen. Doch es gibt nach wie vor auch abweichende Stimmen. Die „übermothers“ und „lost women“, die Bennetts Missbehagen auslösen, finden sich in Caitlin Flanagans „To Hell With All That - Loving and Loathing Our Inner Housewife“ als Heldinnen am Herd wieder, weil sie ihre Würde nicht dem Berufsleben und seinen banalen Zwängen opferten.
Unweigerlich setzt sich heute die Debatte im Internet fort, wo Websites wie http://www.momsrising.org/, http://www.mothersoughttohaveequalrights.org/ und http://www.MothersMovement.org/ sich allerdings eher an Bennetts als an Flanagan halten. Wenn es da eine neue Note gibt, dann klingt sie im Verzicht auf klare ideologische Abgrenzungen an. Die ökonomisch geprägte Wirklichkeit bestimmt den Ton. Was den Vorteil hat, dass auch junge Frauen wieder zuhören, die in ihrer postfeministischen Souveränität, sei sie trügerisch oder nicht, die alten Lieder nicht mitsingen wollen. Und was überdies dem zeitgenössischen Feminismus die Chance bietet, auch eine Verbindung zu konservativen und christlichen Organisationen herzustellen.
Gemeinsam könnten sie, ungeachtet ihrer unterschiedlichen Familienvorstellungen, auf eine gerechte Behandlung von berufstätigen Frauen durch den Staat und die Wirtschaft drängen, mithin auch dafür sorgen, dass Mütter nicht weniger Lohn als Väter bekommen und zuvor bei der Einstellung keine Diskriminierung mehr zu fürchten brauchen, die sich unter der Bezeichnung „maternal profiling“ versteckt. Statt im ideologischen Schema Zuflucht zu suchen, böte sich so die Gelegenheit, Probleme nüchtern, sachbezogen und unspektakulär zu lösen. Vorausgesetzt, das eine ließe sich bisweilen vom anderen trennen.