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Lindner und die Bäckerei : Gegen die Ideologie der Eindeutigkeit

Wer bestellt denn da? Christian Lindners Bäcker-Anekdote erkennt man so manches vom toxischen Klima dieser Tage wieder. Bild: Picture-Alliance

Wenn alle die Teile der Realität ausklammern, die sie verwirren, wird das Klima immer unversöhnlicher. Und dann streitet man nur noch über Formeln. Allerdings gibt es ein Gebot der Stunde. Ein Essay.

          Christian Lindner hat mehr geschafft, als nur eine kurzlebige Aufregung zu erzeugen. Er wollte eine Geschichte aus dem deutschen Leben erzählen, und das ist ihm gelungen. Man stelle sich vor: eine Bäckerei in Deutschland, ein Mann bestellt ein Brötchen, und zwar, wie offenbar keinem einzigen in der Schlange der hinter ihm Wartenden entgeht, in gebrochenem Deutsch. Lindner sagte es nicht ausdrücklich, aber der Fortgang der Geschichte lässt keinen Zweifel daran: Die Menschen in der Schlange befinden sich in einem Zustand sprungbereiter Nervosität, die jederzeit in offene Angst und Aggression umschlagen kann oder wenigstens in die Selbstermächtigung, jemanden „schief anzuschauen“. Warum? Der Grund ist, dass bei dem Brötchenbesteller nicht alles ganz eindeutig ist: „Man kann nicht unterscheiden“, so Lindner wörtlich, „ob das der hoch qualifizierte Entwickler künstlicher Intelligenz aus Indien ist, oder eigentlich ein sich bei uns illegal aufhaltender, höchstens geduldeter Ausländer.“

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Wer wollte bestreiten, dass das eine realistische Szene ist, in der man so manches vom toxischen Klima dieser Tage wiedererkennt? Das Eigentümliche ist nur die politische Folgerung, die der FDP-Vorsitzende aus ihr zog: Um die Menschen in der Schlange vor offener Feindseligkeit gegen den Brötchenbesteller zu bewahren, soll ihnen alle Unsicherheit über dessen Status und Charakter genommen werden: „Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und noch nur gebrochen Deutsch spricht, dass es keine Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt.“

          Man kann sich gar nicht ausdenken, wie die Realisierung eines solchen Anspruchs aussähe – mit einer drakonischen Abschiebepraxis wäre es ja nicht getan; es brauchte da schon so etwas wie ein chinesisches Sozialkreditsystem, bei dem das für sozialverträgliches Verhalten vergebene Punktekonto jedes Einzelnen für alle transparent wäre. Doch das eigentlich Bestürzende jenseits aller praktischen Probleme ist das Programm selbst, das Lindner da formuliert: Zur Voraussetzung und Bedingung von zivilem Verhalten wird da die Herstellung von Eindeutigkeit erklärt; solange es Vieldeutigkeit gebe, könne der Staat für nichts garantieren. Die Bürger sollen ein Recht auf Eindeutigkeit haben.

          Es kann das Herz eng machen und die Atmosphäre vergiften

          Das Befremdliche dieser Forderung wird noch deutlicher, wenn man sich vor Augen hält, wie sehr sie sich von einer Reaktion unterscheidet, die naheliegend und verantwortlich gewesen wäre. Den Menschen in der Schlange wird nicht gesagt, dass vieles, vielleicht das meiste im Leben mehrdeutig ist und dass von jedem erwachsenen Menschen erwartet werden kann, zu unterscheiden, in welchem Fall eine solche Mehrdeutigkeit aufgelöst werden muss und in welchem Fall das unnötig, ja womöglich sogar schädlich ist. Ihnen wird nicht gesagt, dass an der Beklommenheit in der Bäckerei nicht der Brötchenbesteller mit seinem gebrochenen Deutsch schuld ist, sondern ihre eigene Unfähigkeit, mit ihrem Nichtwissen klarzukommen, etwa indem sie es in einen größeren Zusammenhang, und sei es den eines halbwegs gelassenen Zusammenlebens, einbetten. Sonst könnte ja auch ein blonder Anzugträger, der in akzentfreiem Deutsch sein Brötchen bestellt, Unruhe hervorrufen, weil man nicht weiß: Ist das nun ein normaler FDP-Abgeordneter, der sich brav an die Gesetze hält, oder „eigentlich“ ein Immobilienhai, der seine Steuern nicht bezahlt?

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