Home
http://www.faz.net/-gsf-74rkk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Alice Schwarzer zum Siebzigsten Über Mut

Sie ist das Gesicht des deutschen Feminismus, kaum eine einzelne Person hat in der Geschichte der Bundesrepublik so viel bewegt, verändert und erreicht. Zum siebzigsten Geburtstag von Alice Schwarzer.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Alice Schwarzer: 70 Jahre im Geschlechterkampf

Wie gratuliert man Alice Schwarzer angemessen zum Geburtstag? Mit einem Artikel? Oder besser mit einer Festschrift? Oder am besten mit der Gründung eines nach ihr benannten Instituts - zur Erforschung der Geschichte der Frauenbewegung? Übertrieben wäre das nicht, denn kaum eine einzelne Person hat in der Geschichte der Bundesrepublik so viel bewegt, verändert und erreicht wie Alice Schwarzer. Und wenn man umgekehrt den Geburtstagsgruß so knapp wie möglich halten müsste und nur ein einziges Wort zur Verfügung hätte, um die herausragendste Eigenschaft von Schwarzer zu benennen, dann brauchte man nicht mehr als drei Buchstaben: Mut. Denn das ist die andere Seite ihres Erfolgs. Kaum eine einzelne Person in der Geschichte der Bundesrepublik wurde so geschnitten, ausgegrenzt, ignoriert, beschimpft und beleidigt wie Schwarzer.

Julia Voss Folgen:  

Mut, der lässt sich im Rückblick leicht loben. Was es aber bedeutet, mutig zu sein, sollte man sich anhand folgender Situation ausmalen: Man schreibt das Jahr 1975, die 1942 in Wuppertal-Elberfeld geborene Schwarzer ist Anfang dreißig, sie arbeitet als freie Journalistin und veröffentlicht ihr drittes Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“. Das Buch besteht aus fünfzehn Protokollen, es handelt von fünfzehn Frauenleben in Deutschland, von häuslicher Gewalt und sexueller Unterdrückung, und davon, wie diese schöngeredet werden. Was dann passierte? Wurde Alice Schwarzer mit Journalistenpreisen überhäuft? Mit Angeboten aus den Medienredaktionen? Nein. Sie wurde in einer Weise mit Schmutz beworfen, die andere für immer gelähmt hätte.

Klüger und klarer als alle ihre Gegner

Aber machen wir es kurz: 1976 wurden die ersten Frauenhäuser gegründet, weil sich nicht mehr wegdiskutieren ließ, dass Frauen von ihren Partnern zum Teil so schlecht behandelt werden, dass man sie unter Schutz stellen muss. Zwanzig Jahre später, 1997, wurde endlich auch die Vergewaltigung in der Ehe strafbar. Das Buch avancierte zum Bestseller, 250.000 Mark landeten auf Schwarzers Konto und sie gründete ein eigenes Magazin: „Emma“. Das erste Heft erschien im Herbst 1976.

Mut braucht Alice Schwarzer auch, als sie zwei Jahre später den „Stern“ und seinen Chefredakteur Henri Nannen wegen der pornographischen Titelbilder verklagte. Die Klage scheiterte, es gab kein entsprechendes Gesetz. Aber, immerhin, Hellmuth Karasek schrieb: „Auch Männer, auch Illustrierten- und Zeitungsmacher, werden nach den Argumenten, wie sie im Prozess laut wurden, nicht mehr mit einem nachsichtigen Lächeln zur Tagesordnung übergehen können.“ Wo dieser Artikel erschien? Nicht im „Spiegel“, Rudolf Augstein kippte ihn kurz vor dem Druck; er kam in die „Emma“.

Mehr zum Thema

Alice Schwarzer schrieb weiter, klüger und klarer als alle ihre Gegner. Und heute? Nein, man muss nicht immer einer Meinung mit ihr sein; manche Autoren werfen ihr vor, die einzige Stimme des deutschen Feminismus zu sein. Ist dieser Vorwurf begründet? Es gibt den wunderbaren Aufsatz der Kunstkritikerin Isabelle Graw über das Phänomen der Ausnahmefrau in der Kunstgeschichte. Von Frida Kahlo über Georgia O’Keeffe bis Bridget Riley gilt, dass „Künstlerinnen nur unter der Bedingung institutionell anerkannt wurden, dass sie als Ausnahme beschreibbar waren oder die Ausnahme blieben“. Die Ausnahmefrau ist ein Inselchen in einem Meer von Männern. Dafür wird sie beklatscht, die anderen werden vergessen. Nur: Würden wir das Frida Kahlo, Georgia O’Keeffe oder Bridget Riley vorwerfen? Nein. Und Alice Schwarzer, der Ausnahmefrau des Feminismus, auch nicht.

Wir sollten uns ihren Mut zum Beispiel nehmen

Wie sie wurde, was sie ist, werden irgendwann Historiker untersuchen. Grundvoraussetzung scheint ihre Ausbildung gewesen zu sein, die sie schon 1963 nach Paris führte. Als sie zwei Jahre später, nach Abschluss eines Sprachenstudiums, nach Deutschland zurückkehrte, begann sie als Journalistin zu arbeiten. Die Verbindung mit Frankreich riss jedoch nicht ab, im Gegenteil. Sie befreundete sich mit Simone de Beauvoir, die 1949 mit ihrem Buch „Das andere Geschlecht“ ein weltweites Beben ausgelöst hatte. Ihre Interviews mit Frau de Beauvoir erschienen 1983 als Buch.

Von ihr kann man lernen, dass die Dinge, für die es sich lohnt zu kämpfen, nie einfach zu erreichen waren. Wir haben eine Bundeskanzlerin - Frauen in Führungspositionen sind trotzdem selten. Wir haben Ursula von der Leyen, die meisten Väter kümmern sich weiterhin viel weniger um ihre Kinder als die Mütter. Frauen werden schlechter bezahlt, es gibt Organisationen, die bis heute keine Frauen zulassen, vom Ritterorden der Johanniter bis zur Frankfurter Gesellschaft. Wir schreiben das Jahr 2012. Sie, deren Mut wir uns zum Beispiel nehmen sollten, wird am heutigen Montag siebzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Emma Watsons UN-Rede Feminismus darf ruhig auch mal nett sein

In einer Rede vor den Vereinten Nationen will die neue UN-Botschafterin Emma Watson das männliche Geschlecht für einen sanften Feminismus gewinnen. Wie dieser aussehen könnte, hat die Werbung längst vorgemacht. Mehr Von Lea Beiermann

23.09.2014, 16:45 Uhr | Feuilleton
Älteste Frau in Amerika ist 115 Jahre alt

Jeralean Talley soll damit weltweit der zweitälteste Mensch sein, nach einer Japanerin. Talley wurde am 23. Mai 1899 in Georgia geboren und zog später nach Michigan. Mehr

27.05.2014, 13:21 Uhr | Gesellschaft
TV-Kritik: Anne Will Wir wussten mehr und konnten nichts sagen

Anne Will beschäftigte sich in ihrer Sendung mit dem Film Die Auserwählten. Es ging um sexuellen Missbrauch, aber letztlich um eine Frage: Wann beginnt eigentlich die Vergangenheit? Mehr Von Frank Lübberding

02.10.2014, 03:43 Uhr | Feuilleton
Emma Watsons emotionale Rede vor der UN

Die weltberühmte Schauspielerin, die in den Harry Potter Filmen Hermine Granger spielte, betrat am Samstag die Bühne der Vereinten Nationen, um sich dort für ein Kampagne der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern einzusetzen. Mehr

23.09.2014, 10:18 Uhr | Gesellschaft
Angebliche Nacktbilder Eine nackte Emma ist die beste Werbung

Eine Internetseite zählte den Countdown bis zur Veröffentlichung von Nacktbildern von Emma Watson, und alle dachten: Der Skandal um Privatfotos von Prominenten geht in die nächste Runde. Doch es kam ganz anders. Mehr

24.09.2014, 18:29 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.12.2012, 09:07 Uhr

Werk ohne Fisch

Von Annabelle Hirsch

Eine Strategie der Kunst ist es, mit menschlichen Abgründen zu verstören. Auf der Art Berlin Contemporary liegt der Skandal anderswo: Es gab Streit über echte Tiere in der Kunst. Mehr