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Alice Schwarzer im Interview „Die Islamisten meinen es so ernst wie Hitler“

Wir Frauen sind jetzt an einem entscheidenden Punkt, sagt Alice Schwarzer. Mit Frank Schirrmacher sprach sie über Glaubenskriege, Verteilungskämpfe und Strategien gegen den Islamismus vor dem Hintergrund der sich verschärfenden demographischen Krise.

© Vergrößern Alice Schwarzer in der „Emma”-Redaktion, an der Wand: Simone de Beauvoir

Das Banlieu ist für Alice Schwarzer keine terra incognita. Als die Rassenunruhen in den Pariser Vorstädten vor einigen Monaten auch die deutsche Öffentlichkeit in Aufregung versetzten, kam den Überlegungen der Vordenkerin des deutschen Feminismus über das Syndrom von patriarchalischer Gewalt und pseudorevolutionärer Gesetzlosigkeit besonderes Gewicht zu.

Alice Schwarzer hat von 1964 bis 1966 und noch einmal von 1970 bis 1974 in Frankreich studiert. Ihre listigen und kraftvollen Interventionen in die öffentliche Debatte, die dem Feminismus hierzulande eine Stimme gaben, waren an französischen Vorbildern geschult. Wir haben die Herausgeberin der „Emma“ nach Strategien gegen den Islamismus vor dem Hintergrund der sich verschärfenden demographischen Krise befragt.

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Frau Schwarzer, der Hebel zur Modernisierung islamischer Gruppen in Deutschland ist die Emanzipation der Töchter in diesen Gruppen, sagen die einen. Andere meinen, das sei westeuropäischer Eurozentrismus.

Die Lage der Frauen ist für den Grad der Freiheit einer Gesellschaft und Gerechtigkeit für alle immer entscheidend. Der Schlüssel zur Emanzipation muslimischer Gesellschaften ist in der Tat die Stellung der Frauen. Hier müssen wir nicht nur die Töchter berücksichtigen, sondern auch die Mütter, denn die Mütter prägen die Kinder. Der Einwand, dies sei eine eurozentristische Einmischung, ist zynisch. Im Gegenteil: der Kulturrelativismus ist in meinen Augen ein Ausdruck von Verachtung der anderen. Was die Menschenrechte betrifft, gilt für uns alle der gleiche Maßstab.

Könnte es sein, daß manche Kinder oder Mütter sagen, je strenger eure Gesetze im Sinne einer säkularen Gesellschaft sind, desto besser können wir uns darauf berufen?

Wir wissen, daß es so ist. Und ich halte das sogar für unsere Pflicht. Auch wenn Gesetze natürlich nur ein Teil des Paketes sind, das nötig ist zur offensiven Integration, die wir bislang nicht geleistet haben. Wir müssen den Entrechteten und Entmündigten in diesen Communities beistehen. Das sind die Frauen. Das sind die Töchter. Das sind die Söhne. Beispiel Kopftuch: Ich habe gerade Enzensbergers Schreckensmänner gelesen. Er sagt: „Neben dieser ganzen Entrechtung scheint ja diese Kopftuchdebatte eine Art Ablenkungsmanöver zu sein.“ Das sehe ich ganz anders. Das Kopftuch ist die Flagge des Islamismus. Das Kopftuch ist das Zeichen, das die Frauen zu den anderen, zu Menschen zweiter Klasse macht. Als Symbol ist es eine Art „Branding“, vergleichbar mit dem Judenstern. Und real sind Kopftuch und Ganzkörperschleier eine schwere Behinderung und Einschränkung für die Bewegung und die Kommunikation. Ich finde es selbstverständlich, daß wir uns an Ländern wie Frankreich ein Beispiel nehmen und das Kopftuch in der Schule und im Kindergarten untersagen, für Lehrerinnen und Schülerinnen.

Das betrifft den öffentlichen Raum. In die Familien selber kommen wir nicht rein.

Nein, da können wir nur Angebote machen und mit gutem Beispiel vorangehen. Es gibt Vorschläge, ab dem Kindergarten deutschstämmige und türkischstämmige Kinder zu mischen, um sie aus dem Ghetto herauszuholen. Aber auch, um der zunehmenden Dämonisierung der „Ungläubigen“ und des „dekadenten Westens“ entgegenzutreten, die von der Agitation der Islamisten ausgeht. Ganz wichtig sind auch Deutschkurse für die Mütter.

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Veröffentlicht: 04.07.2006, 10:02 Uhr

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