12.07.2010 · Als Valentin Platareanu 1983 aus Rumänien geflohen ist, war der Schauspieler auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Mit seiner Tochter Alexandra Maria Lara, die damals vier war, spricht er über die Flucht, den harten Neuanfang und über Familienkräche.
Ein Sommertag in Berlin. Die Schauspielerin Alexandra Maria Lara, 31, hat mit Gérard Depardieu gerade die Dreharbeiten zu „Small World“ beendet, einem Film nach dem Roman von Martin Suter. Zusammen mit ihrem Vater sitzt sie in der Piano-Bar des Kempinski-Hotels: Valentin Platareanu, 73, war in seinem Heimatland Rumänien ein bedeutender Schauspieler und Theaterintendant, bevor er mit seiner Familie nach Deutschland kam und dort Anfang der neunziger Jahre die Schauspielschule Charlottenburg gründete.
Jetzt hat er ein Buch über die Geschichte der Familie unter dem Regime Ceausescus geschrieben, über die Flucht in den Westen und den harten Neuanfang; ein Buch über die Freiheit und den Preis, den man für diese Freiheit zu zahlen bereit sein muss. Alexandra hat das Vorwort geschrieben und ihre eigene Geschichte durch die Erinnerungen des Vaters neu entdeckt. Die Platareanus lachen sehr viel und sprechen untereinander ein atemberaubend schnelles Rumänisch.
Herr Platareanu, Sie sind 1983, da waren sie als Schauspieler und Direktor des Nationaltheaters in Bukarest auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere, mit Ihrer Familie aus Rumänien nach Deutschland geflohen. Sie haben für die Freiheit alles aufgegeben. War das eine plötzliche Entscheidung oder ein allmählicher Prozess?
Es war eher so, dass mich die Schikanen der Behörden und der Securitate allmählich mürbegemacht haben. Bei der schauspielerischen Arbeit hatte das natürlich viel mit Zensur zu tun: Passagen mussten gestrichen werden, bestimmte Figuren durften auf der Bühne gar nicht dargestellt werden, weil sie der Bourgeoisie angehörten. Dann sitzt man mit einem Stück da, und es fehlt der Anfang und das Ende. Was macht man da? Als Intendant des Nationaltheaters ging es um das ganze Repertoire, immerzu gab es Anweisungen von oben, die schwer zu ertragen waren. Wie vermittelt man das den Schauspielern, wenn man selbst nicht daran glaubt? Die sagten: „Valentin, ich hab' es satt!“ Und ich musste sie überreden: „Mach es für mich!“ Zuletzt fehlte es an den einfachsten Dingen: Holz für die Bühne, Schminke, Geld für die Angestellten. Da kann man irgendwann nicht mehr.
Ihre Tochter, die damals vier Jahre alt war, war dann aber der ausschlaggebende Grund?
Das würde ich so sagen, ja. Ich hatte auch eine Verantwortung als Vater. Meine Frau Doina und ich wollten, dass sie in Freiheit aufwächst. Sie müssen wissen, dass der Entscheidungsprozess auch deshalb ein langer war, weil Ceausescu anfangs als Führer durchaus interessant war. Dass er sich im Prager Frühling gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten aussprach, gab uns Hoffnung. Und er wurde überall im Westen empfangen. Es war, in den Anfängen, ein raffiniertes System.
Haben Sie, Frau Lara, noch irgendwelche Erinnerungen an die Flucht? An das Auto? Die Reise? Daran, dass Sie zu niemandem etwas sagen durften?
Meine Eltern haben mir damals auf der Rückbank unseres Ladas ein Schlafbett gemacht. Und ich erinnere mich noch genau an das Muster der Bettwäsche. Diese Bettwäsche werde ich niemals vergessen. In der Wohnung unserer Freundin in Berlin, in der wir ankamen, sind es dann vor allem Dinge wie Farbfernsehen und Cola. Als ich vierzehn war, sind wir das erste Mal wieder zusammen nach Rumänien gefahren, und eigentlich kamen erst da Erinnerungen wieder, weil ich zum Beispiel wusste, wo man langlaufen muss. Das war natürlich schön.
Für Ihre Eltern war der Neuanfang in Berlin sehr hart. Sie haben zunächst in einem vietnamesischen Restaurant am Savignyplatz geputzt, haben als Hausmeister gearbeitet, Ihre Mutter am Fließband bei Schering, Ihr Vater als Gärtner eines Kunstsammlers in Charlottenburg. War es für Sie nie eine Last, zu wissen, dass sie vor allem auch für Sie so viel aufgegeben hatten?
Ich habe das als Kind ja nicht so mitbekommen, und meine Eltern haben mir dieses Gefühl auch nie gegeben. Da wir am Anfang nur uns hatten, hat uns das zusammengeschweißt. Und ich habe vielleicht unbewusst immer ein bisschen geglaubt, meine Eltern schützen zu müssen, wollte ihnen keine Probleme machen.
Sie schreiben in Ihren Erinnerungen, Herr Platareanu, es sei Ihnen von Anfang an klar gewesen, dass Sie als Schauspieler auf Deutsch nicht spielen wollten, weil Sie Ihr früheres Niveau in dieser Sprache nicht würden halten können. Aber Sie haben ja gespielt! In Filmen von Hannes Stöhr oder Kai Wessel, in Breloers „Todesspiel“ und in „Tatort“-Folgen.
In Deutschland waren und sind es natürlich andere Rollen, die ich spiele. Zum Beispiel der Gangster aus Osteuropa mit Akzent: der Rumäne, der Pole, der Russe. Das hat Charme. Aber es sind eben auch häufig kleine Rollen. Die deutsche Sprache ist für mich auch eine Barriere. Es ist so wichtig, alle Feinheiten, alle Nuancen zu kennen und zu beherrschen. Und es fällt mir schwer. Immer habe ich Angst, dass mir etwas entgeht. Als ich wegging aus Rumänien, da war ich 46, bin ich ja nicht mit dem Ziel nach Deutschland gekommen, hier Schauspieler zu sein. Mir war klar, ich müsste wahrscheinlich etwas anderes machen. Aber Sie haben recht, ich spiele, und das genauso gerne wie früher.
Dann kann man den Akzent nicht wegtrainieren?
Bei einzelnen Rollen kann man das sicher machen, bei einzelnen Texten. Aber nicht grundsätzlich.
Sie haben 1992 die Schauspielschule Charlottenburg gegründet, die Ihre Tochter, als sie mit der Schule fertig war, besucht hat. Warum wollten Sie, Frau Lara, unbedingt bei Ihrem Vater studieren?
Die Schule war für mich ja wie ein Zuhause. Ich war dort, als ich klein war, viele Jahre Blumenmädchen nach allen Vorstellungen, kannte die Dozenten, die Schüler. Mein Vater war ziemlich skeptisch, als ich ihm gesagt habe, dass ich bei ihm studieren wollte. Aber ich kannte seinen Unterricht und wusste, dass es das war, was ich wollte.
Was ist schauspielerisch das Wichtigste, das Sie von Ihrem Vater gelernt haben?
Das sind zum einen die technischen Dinge, wie eine Komödie als Komödie funktioniert zum Beispiel. Wichtiger war aber wahrscheinlich das psychologische Wissen: Mein Vater hat mich auf viele Dinge vorbereitet, von denen ich mir nicht hätte vorstellen können, dass sie einmal genau so passieren.
Was meinen Sie? Auseinandersetzungen mit Regisseuren?
Zum Beispiel, ja. Oder wie man mit Misserfolgen umgeht und dass es gut ist, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass Erfolg oft nur ein Moment ist. Mein Vater hat immer gesagt: Es ist so oder so ein schwerer Beruf. Wenn man keinen Erfolg hat, ist es tragisch und schwer. Und wenn man Erfolg hat, bringt das sicher schöne Seiten, aber eben auch viele andere mit sich. Als ich jung war, habe ich manchmal Druck verspürt durch Leute um mich herum, die gesagt haben: „Wenn du dazu jetzt Nein sagst, wer weiß, ob du danach noch mal angefragt wirst.“ Mit 16 schlug mir meine damalige Agentin vor, meinen Namen, Platareanu, zu ändern, weil man ihn sich in Deutschland schlecht merken könne. Das war ein Schock. Ich fand es absurd, habe es aber gemacht und identifiziere mich heute auch mit diesem Künstlernamen. Durch das, was meine Eltern mir ermöglicht haben, indem sie mich hier haben aufwachsen lassen, habe ich mich später aber immer mehr in dem Gefühl bestärkt gesehen, mich von niemandem unter Druck setzen lassen zu müssen. Ich wusste, dass es möglich sein muss, Nein zu sagen, ohne dass andere gleich sauer sind - aber man muss manchmal auch mutig sein. Darin bin ich bis heute immer konsequenter geworden. Dass meine Eltern für die Freiheit einmal alles gegeben hatten, spielt dabei ganz bestimmt eine Rolle.
Kann ein Vater umgekehrt auch etwas von seiner Tochter lernen?
Auf jeden Fall. Ich habe mich, wenn es um Drehbücher geht, immer sehr schnell entschieden. Kam ein Drehbuch - ich war nicht verwöhnt und hatte nicht die Wahl zwischen mehreren -, war ich gleich bereit, es exzellent zu finden. Alexandra ist da anders. Sie nimmt sich Zeit und sagt auch zu mir: Überleg es dir in Ruhe. In Rumänien hatte ich die Freiheit dieser Wahl ja gar nicht.
Als die aus Rumänien stammende Schriftstellerin Herta Müller im vergangenen Jahr den Nobelpreis bekam, hat dies die Diskussion über die Geschichte der Securitate sehr angeregt. Kennen Sie die Bücher von Herta Müller oder haben Sie vielleicht sogar Kontakt?
Ich kenne sie leider nicht persönlich, schätze sie aber als Schriftstellerin. Und es geht mir unter die Haut, wenn ich lese, was mit den Menschen passiert ist, die mit der scharfen Securitate zu tun hatten. Ich habe diese Erfahrung nicht machen müssen, aber ich kannte die Art dieser Leute und diesen Apparat und hatte einen Freund, der verschwunden ist und nach Jahren der Haft vor unserer Tür stand.
Das war einer Ihrer ersten Schauspiellehrer.
Ja, Ion Omescu war sein Name. Man hatte ihn abtransportiert und in ein Gefängnis für politische Gefangene gebracht, das die Regierung in der Tiefe einer Salzgrube errichtet hatte. Dort musste er sogar mehrere Monate in Isolationshaft verbringen und wäre in dieser Einsamkeit beinahe gestorben. Als im Laufe der Entstalinisierung 1963 eine Generalamnestie für politische Gefangene erlassen wurde unter Gheorghiu-Dej, ließen sie ihn frei, und er kam zu uns. Er spielte danach nicht mehr, schrieb aber Theaterstücke.
Ihr Buch ist die Geschichte Ihrer Familie und zugleich das Dokument eines sehr besonderen und engen Familienzusammenhalts. Beim Lesen hat man den Eindruck, dass es insbesondere zwischen Vater und Tochter nie Krach gab - nicht einmal, als Ihre Tochter mit 16 beschloss, um vier Uhr nachts nach Hause zu kommen, weil man vor ein Uhr nicht in einen Club geht. Geraten Sie wirklich nie aneinander?
Alexandra Maria Lara: Oh doch! Wir sind beide Sturköpfe und haben Spaß an Diskussionen - manchmal zur Verzweiflung meiner Mutter.
Valentin Platareanu: Wenn wir gestritten haben, wurden wir sehr schnell laut und emotional. Aber wir waren dann auch immer schnell im Vertragen.