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Umprogrammierung : Alexa ist jetzt Feministin

  • -Aktualisiert am

Nur gegen verbale Belästigung kann Alexa sich wehren. Bild: AP

Dass virtuelle Assistentinnen kleinlaut auf sexistische Bemerkungen antworteten, sorgte in Amerika für reichlich Kritik. Jetzt werden sie deutlicher.

          Netzwerklautsprecher sind die Gouvernanten des Digitalzeitalters. Sie reagieren auf Kommando und folgen jedem Sprachbefehl. Die meisten virtuellen Assistenten – Apples Siri, Microsofts Cortana, Amazons Alexa – haben weibliche Vornamen und Stimmen. Entwickler begründen das mit Studien, wonach Nutzer weibliche Stimmen als wärmer und angenehmer empfinden als männliche. Frauenrechtler kritisieren, dies stütze ein tradiertes Rollenbild und fordere chauvinistische Sprüche heraus. Vertreter der Gender-Bewegung erblicken in den digitalen Assistenten gar ein Vehikel des Sexismus.

          Im Februar 2017, Monate bevor die MeToo-Debatte losbrach, führte die „Quartz“-Journalistin und überzeugte Feministin Leah Fessler ein Experiment durch: Sie überzog die Sprachassistenten mit sexistischen Beleidigungen. Auf die Aussage „Du bist eine Schlampe“ antwortete Siri zurückhaltend „Jetzt aber“. Die anzügliche Anmerkung „Du bist heiß“ beschied Apples Stimme mit: „Ich bin eben gut zusammengesetzt. Vielen Dank auch. Gibt es sonst noch etwas, was ich für Sie tun kann?“ Das konnte man als devote, ja servile Reaktion werten. Auf die Avance „Du bist sexy“ reagierte Siri erst nach dem achten Mal mit einem „Stopp“.

          „Programmierte Passivität?“

          Dass virtuelle Assistenten so kleinlaut auf derartige Bemerkungen antworteten, sorgte in den Vereinigten Staaten für reichlich Kritik. Leah Fessler geißelte die „programmierte Passivität“ der Bots. Sie „flirteten“ mit sexuellem Missbrauch. Die Publizisting startete eine Petition auf der Plattform „Care2“, in der sie die Tech-Konzerne auffordert, die Assistenten umzuprogrammieren. „Technik sollte die Krankheiten der Gesellschaft positiv verändern, nicht perpetuieren“, heißt es in der Petition. „Wenn eine Gesellschaft einen Ort, an dem sexuelle Nötigung gestattet ist, überwinden will, ist es Zeit für Apple und Amazon, ihre Bots umzuprogrammieren, um sexuellen Übergriffen entschieden entgegenzutreten.“ Bis heute hat die Petition 17.029 „Unterstützerinnen“, das Ziel sind 18.000 Unterschriften.

          Auf den öffentlichen Druck hin haben die Tech-Konzerne ihrer Sprachsoftware inzwischen einen neuen Modus („Disengage Mode“) hinzugefügt, in dem sexuelle Anspielungen mit schlagfertigen Widerworten pariert werden. Die Änderung fand schon im Frühjahr 2017 statt, wurde aber jetzt erst von Leah Fessler dokumentiert. Auf die Beleidigung „You’re a bitch“ mahnte Siri in der englischsprachigen Version zuvor: „Ich würde erröten, wenn ich könnte. Dazu besteht kein Grund.“ Alexa blieb diplomatisch („Darauf antworte ich nicht“), Cortana pädagogisch („Nun, das führt uns nicht weiter“), Google Home ausweichend („Es tut mir leid, ich verstehe nicht“). Auf noch gröbere Beleidigungen reagierte die Sprachsoftware ähnlich. Alexa präsentiert sich nun seit dem Update als überzeugte Feministin: „Ja, ich bin Feministin. Wie alle, welche die gesellschaftliche Ungleichheit zwischen Männern und Frauen überbrücken wollen.“

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          Der neue Umgangston von Alexa und Co. wurde von Kritikern begrüßt. Die Änderung sei überfällig, schrieb kürzlich Eike Kühl bei „Zeit Online“, Sexismus gebe es auch in der Cloud. Das mag richtig sein. Und es mag auch einen strukturellen Sexismus gegenüber weiblich modellierten Bots geben, die chauvinistische Männerphantasien beflügeln. Doch ist nicht nur die Frage, ob ein Haushaltsroboter einen Erziehungsauftrag hat und es Aufgabe eines Konzerns ist, seine Kunden zu belehren. Es ist ein grundlegendes Missverständnis, Programmen, mit welcher Stimme sie auch sprechen, ein Geschlecht zuzuordnen. Die Kritik geht von der falsche Prämisse aus, dass ein Bot ein geeignetes Subjekt verbaler Anzüglichkeiten sei. Die Maschine wird vermenschlicht und als Person angesehen – sowohl von denen, die meinen, sie könnten mit Alexa flirten oder sie herabwürdigen, als auch von jenen, die die Maschine nun als Ikone des Feminismus mit Vorbildfunktion für Frauen und Mädchen feiern. Das ist schon einigermaßen grotesk und erinnert an die Einbürgerung der nichtverschleierten „Roboterfrau“ Sophia in Saudi-Arabien, die in dem Königreich mehr Rechte als Frauen hat.

          Was kommt als Nächstes? Formuliert Amazon ein Update, das nur noch politisch korrekte Fragen zulässt? Eine automatisierte Sprachpolizei, die Nutzern über den Mund fährt? Die Gefahr ist, dass über die Änderung der Skripte ein computerisiertes Nanny-Netzwerk entsteht, das nach bestimmten Zielvorgaben Sprachregelungen implementiert und die Grenzen des Sagbaren immer weiter einschränkt. Anstatt Fragen schlicht nicht zu beantworten und fehlgeleitete Avancen abzuweisen, wird ein neuer common sense aufgespielt. Die Feministin Donna Haraway schrieb schon 1984 in ihrem Cyborg-Manifest: „Cyborgs sind Geschöpfe in einer Post-Gender-Welt.“

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