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Aktionen gegen Sopa : Sie zeigen, wozu sie fähig sind

Den Film „Chronicle - Wozu bist Du fähig“ will die 20th Century Fox viral vermarkten, doch der Spielraum für „kreative Interpretationen“ ist klein Bild: 20th Century Fox

Wikipedias schwarzer Tag ist Geschichte, doch die Auseinandersetzung um das Urheberrecht im Netz geht weiter. Was fürchten die Aktivisten jetzt?

          Können sie der Verantwortung gerecht werden, die sie durch ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten besitzen? Das ist, erklärt der Verleih 20th Century Fox, die Frage, auf die der neue Kinofilm „Chronicle - Wozu bist Du fähig?“ hinausläuft, in dem drei Jugendliche übernatürliche Begabungen ausprobieren und einsetzen. Es ist auch die Kernfrage der Diskussion, die über die amerikanischen Gesetzesvorhaben Sopa und Pipa zum Urheberschutz im Internet geführt wird: Gerade haben Wikipedia, Google und andere für einen Tag auf ihren Seiten Trauer geflaggt, um die bislang vorrangig von Lobbyisten und Aktivisten geführte Kontroverse in eine breitere Öffentlichkeit zu tragen. Mit Erfolg: 162 Millionen Nutzer haben nach Auskunft der Wikimedia Foundation die schwarze Seite der englischsprachigen Wikipedia gesehen, die einen Tag lang das Angebot ersetzte und nur durch einen Eingriff in die Browser-Konfiguration zu umgehen war; acht Millionen haben dort die Kontaktinformationen zu den Abgeordneten aufgerufen, die der Protest erreichen sollte; über zwölftausend Nutzer haben die Blackout-Erklärung im Wikimedia-Blog kommentiert.

          Im Vergleich hierzu fiel der Protest anderer Mitglieder der „Net Coalition“, die den Widerstand gegen die beiden Gesetzentwürfe koordiniert und der neben Wikipedia auch Google, Yahoo, Ebay und Amazon angehören, diskret aus.

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          Welchen Schaden können gesetzlich legitimierte Eingriffe in die Konstruktion des Internets von dem Land aus anrichten, in dem die zentralen Instanzen des Netzes sitzen? Und andererseits: Welche Macht der Meinungsbildung haben die großen Vermittler im Internet, die sich gegen die umstrittenen Gesetzentwürfe Sopa und Pipa stemmen, die im Repräsentantenhaus und im Senat verhandelt werden? Und wie steht es mit der Verantwortung, die aus diesen Positionen - des Landes wie der Unternehmen - erwächst?

          Creative Commons als Option

          Die amerikanische Filmbranche beklagt durch Urheberrechtsverletzungen im Internet entstehende Umsatzeinbußen in der unglaublichen Höhe von 20,5 Milliarden Dollar im Jahr (eine Gegenrechnung kommt auf unter eine halbe Milliarde Dollar). Der Schaden entsteht zum größten Teil durch die illegale Verbreitung ganzer Werke. Doch Urheberrechtsverletzungen gibt es auch im Kleinen. Derzeit lädt 20th Century Fox „Fans und Künstler“ ein, „ihre ganz eigene Interpretation“ des Films „Chronicle“ im Internet „visuell darzustellen“. Die Weiter- oder Nacherzählung und Persiflage von Filmen ist als Teil der Fankultur im Netz verbreitet und längst von der Industrie als wirksamer Bestandteil des viralen Marketings erkannt worden. Bei strenger Auslegung von Sopa und Pipa müssten sie künftig geahndet werden.

          Zu einem solchen Widerspruch ist die Filmbranche durchaus fähig, ohne ihren Urheberrechtsbegriff in Frage zu stellen. Dabei gibt es im Internet längst funktionale, passgenaue Alternativen, die den kreativen Umgang mit geschützten Inhalten erlauben und nur verbieten, daran noch einmal zu verdienen. Die gemeinnützige Organisation Creative Commons bietet zurzeit sechs verschiedene Lizenzen an, die regeln, ob der Urheber genannt werden muss und unter welchen Bedingungen kommerzielle Nutzung, kreative Bearbeitung und Weitergabe von Werken gestattet sind. Die Lizenzen werden an nationales Recht angepasst.

          Die Sorge der Online-Giganten

          Auch zu Sopa und Pipa liegt eine Alternative vor: Anfang Dezember 2011 haben der demokratische Senator Ron Wyden und der republikanische Abgeordnete Darrell Issa im Kongress den „Online Protection and Enforcement of Digital Trade Act“ („Open“) vorgestellt, der im Internet unter der Adresse keepthewebopen.com eingesehen und kommentiert werden kann. Der Entwurf nimmt für sich in Anspruch, wie Sopa und Pipa die Rechte von Urhebern zu schützen, strittige Fälle sollen jedoch von Experten beurteilt werden. Ein Verbot soll nur Angebote treffen, die Urheberrechtsverletzungen begehen.

          Sopa und Pipa werden in den Kammern des Kongresses inzwischen unter Beobachtung der Öffentlichkeit und mit größerer Sorgfalt diskutiert. Die Sorge der Aktivisten ist, dass die Entwürfe nur in den Punkten entschärft werden, die von Anfang an dafür vorgesehen waren, sie später öffentlichkeitswirksam zu streichen. Die größte Sorge von Internet-Giganten wie Google und Facebook scheint hingegen zu sein, dass in der Diskussion um den Umgang mit geistigem Besitz im Netz ihre milliardenschweren Geschäftsmodelle in den Blick geraten, die weitgehend ohne eigene Inhalte auskommen. So lag es nahe, den Sympathieträger Wikipedia zum Vorzeigeopfer der drohenden Restriktionen zu machen. Schließlich verfolgt das Lexikon keine kommerziellen Interessen und ist über den Vorwurf erhaben, mit den Inhalten anderer Geld zu verdienen.

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