18.05.2010 · Die irrwitzigen Schwankungen der Aktienkurse sind nicht so rätselhaft, wie oft behauptet wird. Wo die schnellsten Computer der Welt als Spekulanten agieren, gerät der Finanzmarkt ins Netz der räuberischen Algorithmen.
Von Thomas StroblDie letzten Tage waren verwirrend. Die Märkte spielten verrückt. Die Offiziellen suchten nach Erklärungen und fanden keine. Tausend Punkte minus im Dow Jones, und keiner weiß, warum. Wenn Sie sich für die Börse interessieren, dann ergeht es Ihnen sicher wie Alice im Wunderland - als sie den Kaninchenbau hinunterfiel. Womöglich haben Sie den Eindruck, dass die Dinge nicht mehr unter Kontrolle sind. Und diese Vorstellung gefällt Ihnen nicht.
Sie haben die Wahl: Schlucken Sie die blaue Pille, dann bleibt die Welt für Sie so, wie sie immer schien. Nichts wird sich ändern. Nichts muss Sie beunruhigen. Sie werden die Märkte weiterhin erleben als einen Ort, an dem Menschen die Kontrolle haben; an dem die Kurse auf den Monitoren und tags darauf in den Zeitungsspalten so sind, wie sie sind, weil Männer und Frauen auf dem Parkett sich Angebot und Nachfrage aus dem Leib schreien. Richtige Menschen, aus Fleisch und Blut; die schwitzen und keuchen, fluchen und beten, verzweifeln und frohlocken; die Teil des Geschehens, um nicht zu sagen, der Markt selbst sind, mit jeder Faser ihres Körpers.
Jeder Kauf und jeder Verkauf, jeder Preis, der aufleuchtet, um einige Sekunden lang den Lauf der kapitalistischen Welt zu verändern, verkörpert ihre Emotionen, ihren Sachverstand und ihre Erfahrung. Menschen, die über Intuition verfügen, die wissen, was geht und was nicht; die bei aller Konzentration auf Zehntel- und Hundertstelpunkte das große Ganze nicht aus den Augen verlieren. Menschen, die das System beherrschen. Das ist der Finanzmarkt, wie er sich uns tagtäglich in den Medien präsentiert: Hunderte Händler vor Hunderten Bildschirmen, Kurs um Kurs in das Tickerband stanzend wie Fließbandarbeiter, unermüdlich und laut, aber doch immer kalkulierend und reflektierend, bis zur Schlussglocke. Am deutschen Aktienmarkt leiht „Mister Dax“, Dirk Müller, diesen Menschen sein Gesicht. Jeder kennt es. Jeder kann darin lesen. Dirk Müller lacht mit der Rally und verzweifelt am Einbruch. Sein Mienenspiel sagt mehr als tausend Kurse. Dirk Müllers Gesicht ist das Reuters-Terminal des Kleinanlegers.
Kein Interesse an Bilanzen, ökonomische Fundamentaldaten oder Charts
Doch die Börse ist Dirk Müller nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Die Börse von heute ist eine Maschine, die mit Maschinen kommuniziert. Es sind hochgerüstete Maschinen, die im Kampf um Zehntelprozentpunkte gegeneinander antreten, die mittels ausgefeilter Strategien sich und anderen auflauern und dann zuschlagen. Tausendmal pro Sekunde. Milliardenmal pro Tag. Speed ist alles in diesem Kampf, denn Speed bedeutet Rendite. Speed bedeutet Milliarden. Der eine gewinnt, der andere verliert. Tausendmal pro Sekunde. Menschen wie Dirk Müller können da nicht mithalten. Ihr Gehirn arbeitet nicht annähernd so schnell wie die parallel prozessierenden Chips dieser Computer. Sie stehen daher auf verlorenem Posten.
Die Börse von heute gehört den High-Frequency-Tradern („HFTs“). Sie haben kein Gesicht. Sie lachen nicht wie Dirk Müller. Sie verzweifeln nicht wie Dirk Müller. Sie interessieren sich nicht für Bilanzen, ökonomische Fundamentaldaten oder Charts. Sie interessieren sich für Korrelationen und Abnormalitäten; in endlos langen Zahlenkolonnen aus Kauf- und Verkaufstransaktionen. Daten, mit denen sie ihre Rechner füttern. Der Börsensaal, in dem sie ihre Geschäfte abwickeln, hat keine Adresse: Er existiert lediglich im Hauptspeicher ihrer Supercomputer.
Handel nur noch zwischen Computern
Das ist die rote Pille. Sie zeigt Ihnen, was wirklich geschieht. Wie die Kurse tatsächlich gemacht werden. Elektronische Netzwerke („ECNs“) beherrschen die Märkte. Auf ihren Handelsplattformen ersetzen Algorithmen Händler aus Fleisch und Blut. Angetrieben von den schnellsten Computern der Welt, durchforsten sie riesige Datenmengen nach Gewinnpotentialen. Binnen Millisekunden. Und handeln danach. Plazieren Aufträge für Kauf und Verkauf. Autonom, ohne menschliches Zutun. Wo sich die Händler von einst auf dem Parkett ihr „von dir“ oder „an dich“ zubrüllten, fließt heute ein lautloser Datenstrom zwischen Maschinen, die blitzschnell kaufen und verkaufen - und die Gewinner und Verlierer unter sich ausmachen.
Die elektronischen Netzwerke haben Namen wie aus Science-Fiction-Filmen: Sie heißen BATS, ArcaEx oder Direct Edge. Als BATS ins Leben gerufen wurde, im Januar 2006, wurden noch siebzig Prozent aller Wertpapieraufträge in gelisteten Firmen von der New York Stock Exchange (NYSE) selbst abgewickelt. Heute sind es gerade noch zwanzig Prozent. BATS gehört einer Gruppe von Investmentbanken und Börsenmaklern: Citigroup, Credit Suisse, Morgan Stanley, auch die Deutsche Bank besitzt Anteile. In den Vereinigten Staaten stellt BATS heute den drittgrößten Aktienmarkt, nach NYSE und Nasdaq. Experten schätzen, dass zwischen sechzig und siebzig Prozent des amerikanischen Aktienhandels nur noch zwischen Computern abgewickelt werden. In einer Geschwindigkeit, die selbst die besten Datenleitungen nicht mehr bewältigen können.
Wer ist nur ein kleiner Fisch? Wer ist der Wal?
Wer im Bereich von Millisekunden operiert, für den wird räumliche Distanz zum Geschäftsrisiko. Aus diesem Grund offerieren die ECNs ihrer zahlungskräftigen Klientel die Möglichkeit der „Co-Location“: Die Handelscomputer der Trader stehen dann direkt im Rechenzentrum der Netzwerkbetreiber. Nur wenige Meter trennen die Maschinen vom Zentralcomputer, der alle eingehenden Kauf- und Verkaufsaufträge sammelt und die Kurse stellt. Welche Kurse auch immer er ausspuckt, die angeschlossenen Rechner der Hochfrequenz-Trader kennen sie als erste. „Stellen Sie es sich vor, als ob Sie das Wall Street Journal fünf Mikrosekunden in der Zukunft lesen könnten“, zitiert die amerikanische Brokerfirma Themis Trading einen Experten in einer hauseigenen Studie. Lässt sich daraus ein Vorteil ziehen? Wenn man binnen fünf Mikrosekunden reagieren kann, schon. Kleinanleger, die über Online-Broker im Markt mitmischen wollen, scheiden selbstredend aus. Sie sind in diesem Spiel die geborenen Verlierer. Die direkt in den Serverparks der ECNs sitzenden Supercomputer der High-Frequency-Trader können das aber sehr wohl. Für sie bieten Netzwerke wie BATS neben der Geschwindigkeit noch einen anderen, daraus abgeleiteten Vorteil: Anonymität.
An der Börse zahlt es sich aus, wenn man unerkannt bleibt; wenn die anderen nicht abschätzen können, ob man nur ein kleiner Fisch oder der Wal ist. Der Wal, auf den alle Jagd machen. Mit Algorithmen, die auf die Jagd spezialisiert sind: „räuberischen Algorithmen“ (predatory algorithms). Die Attacke droht von überall dort, wo im Kampf der Hochleistungsrechner Gleichheit der Waffen herrscht. Oder vielleicht sogar Überlegenheit. Denn Wale sind langsam, auch an den Finanzmärkten. Sie wickeln ihre Großaufträge auf traditionelle Weise ab und werden damit zur leichten Beute für alle, die schnell sind. Schnell genug, um in den paar Bruchteilen einer Sekunde, die zwischen dem Eintreffen einer großen Kauforder und ihrer Ausführung verstreichen, alles abzugrasen, was an Angebot zum aktuellen Kurs im Markt ist.
Der Mensch wird unterliegen. Tausendmal pro Sekunde
Im Resultat steigt der Kurs, noch bevor der Wal überhaupt begreift, was geschieht. Er muss zu höheren Preisen kaufen, mitunter von den gleichen räuberischen Algorithmen, die ihm das günstigere Angebot vor der Nase weggeschnappt haben. „Latenz Arbitrage“ nennen das die Profis heute. Das bereits erwähnte Brokerhaus Themis Trading, das vorwiegend Wale zu seinen Kunden zählt und dem High-Frequency-Trading daher entsprechend kritisch gegenübersteht, schätzt, dass mittlerweile zehn Prozent aller Börsentransaktionen von räuberischen Algorithmen getätigt werden, die damit einen jährlichen Gewinn zwischen 1,5 und 3 Milliarden Dollar erzielen. Fette Beute, so nannten das die Piraten früher.
Wie das möglich ist, fragen Sie sich? Die ECNs profitieren davon, dass die Regulierungsbehörden nicht mit ihrem rasanten Aufstieg mithalten konnten. Das zeigte sich auch beim „Flash Crash“ vom 6. Mai, als der Dow-Jones-Index binnen weniger Minuten fast tausend Punkte verlor. „Jeder Marktplatz konnte selbst entscheiden, ob er offenhalten wollte, als die Kurse zu fallen begannen“, zitiert die jüngste Ausgabe des „Economist“ den Chef der Handelsplattform Direct Edge, William O'Brien. Für den Handel insgesamt eine Katastrophe. Denn während die High-Frequency- Trades in ruhigen Zeiten für einen Großteil der Liquidität im Markt sorgen und damit sicherstellen, dass jeder Verkäufer auch einen Käufer findet, schalteten offenbar viele HFTs ihre Computer während des Kurssturzes ab. Allerdings erst, nachdem andere Programme im großen Stil Verkaufsorders plaziert hatten, um von den fallenden Kursen zu profitieren. Im Ergebnis zog dieses unkoordinierte Verhalten dem Markt den Boden unter den Füßen weg: Ein Tsunami von Verkaufsaufträgen drückte die Kurse vieler Aktien auf surreal niedrige Niveaus, das Papier der weltweit tätigen Beratungsgesellschaft Accenture zum Beispiel fiel von 41 Dollar auf einen Cent. Die Situation stabilisierte sich erst wieder, als Händler aus Fleisch und Blut auf den Plan traten und wie in alten Tagen Käufe und Verkäufe untereinander abwickelten. Es bedurfte der Wiederentdeckung der Langsamkeit, um einem Markt, der sich seit Jahren an immer höherer Geschwindigkeit berauschte, das Überleben zu sichern.
Ist der „Human Factor“ damit rehabilitiert? Werden Dirk Müller und seine Kollegen von nun an wieder das Kommando auf dem Börsenparkett übernehmen? Wohl kaum. Wenn überhaupt, dann wird der Mensch als Kontrollinstanz an wenigen exponierten Stellen plaziert werden. Um dort abermals auf Algorithmen zu treffen, die auf der Jagd nach Profit sind. Und ziemlich sicher wird er ihnen unterliegen. Tausendmal pro Sekunde.
Haarsträubende Grafik
Niels Krieghoff (MrNiels)
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Marzo Matto (maerzc)
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