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Afghanistan : Die Genossen des Feuers

  • -Aktualisiert am

Koranstudium in Afghanistan Bild: AP

Der Fall Abdul Rahman hat international viel Staub aufgewirbelt, zumal bei den Freunden und Helfern des neuen Afghanistans. Gebietet der Islam die Hinrichtung Abtrünniger? Eine Koran-Lektüre.

          In Afghanistan droht einem ehemaligen Muslim, Abdul Rahman, die Todesstrafe wegen Glaubensabfalls. Er war während eines mehrjährigen Aufenthaltes in Deutschland Christ geworden und beharrt auch nach seiner Rückkehr nach Kabul auf der Konversion.

          Auch nach dem Sturz der Taliban ist der Islam in Afghanistan Staatsreligion, was bedeutet, daß Paragraphen und Bestimmungen in der neuen Verfassung, etwa über die Religionsfreiheit, unter dem Vorbehalt der religiösen Tradition stehen. Diese sieht, in Form der Scharia, des religiösen Rechts, das von den Fuqaha oder Sakraljuristen ausgelegt wird, seit dem Mittelalter die Tötung des „Murtadd“ vor, das heißt desjenigen, der den Islam verläßt.

          Der Fluch Gottes

          Im Koran ist für den vom Glauben Abtrünnigen, den Apostaten, nicht die Todesstrafe vorgesehen (Handwörterbuch des Islams), sondern es werden ihm lediglich „jenseitige Strafen“ angedroht. In Sure 16, Vers 108 ist vom „Zorn Gottes“ die Rede, der den Abtrünnigen treffe, ebenso von „schwerer Strafe“. In Sure 3,Vers 80 heißt es über die Abtrünnigen vom Glauben: „Dies ist die Vergeltung für sie, daß auf ihnen der Fluch Gottes, der Engel wie der Menschen insgesamt ruht, auf immer; ihnen wird die Strafe nicht erleichtert, und sie erhalten keinen Aufschub, außer denen, die nachher bereuen und es wieder gutmachen, denn Gott ist verzeihend und barmherzig.“

          Den Schlüssel zur späteren Verschärfung im Sinne weltlicher Bestrafung sieht die Schule der Schafiiten allerdings in Sure 2, Vers 214: „Wer von euch von seinem Glauben abfällt, der soll als Ungläubiger sterben, denn ihre Werke sind im Diesseits und im Jenseits fruchtlos, und sie sind die Genossen des Feuers auf immer.“

          Die in den ersten zwei bis drei Jahrhunderten nach dem Tode Mohammeds aus Koran und Hadith (Sprüche des Propheten) entwickelte Rechtslehre des Islams, der Fiqh, gelangte schließlich einstimmig zu dem Urteil, daß der Glaubensabtrünnige getötet werden müsse, obschon der zuletzt zitierte Koranvers durchaus als Beschwörung und Bekräftigung jenseitiger Strafe interpretiert werden kann: Der Abtrünnige stirbt eben als Ungläubiger.

          Das Siegel der Propheten

          Zwar respektiert und schützt das islamische Recht die beiden Buchreligionen Judentum und Christentum, doch beruht das Selbstverständnis des Islams traditionell auf der Vorstellung, daß die auf Mohammed herabgekommene Offenbarung den Monotheismus (tauhid), der von Juden und Christen verfälscht worden sei, in seiner ursprünglichen Reinheit wiederhergestellt habe. Mohammed gilt als das „Siegel der Propheten“, nach dessen Wirken keine wahre Prophetenschaft und Religion mehr entstehen können (so „erklären“ sich zum Beispiel die Morde an den Bahai in Iran), doch auch die Rückkehr zu einer der Religionen der Schutzbefohlenen, Juden oder Christen, die schon vor dem Islam bestanden, wird abgelehnt.

          Konversionen, wie sie Abdul Rahman vorgenommen hat, sind bis heute äußerst selten, auch in stärker säkularisierten Gesellschaften wie der türkischen oder der indonesischen kommen sie praktisch nicht vor; und wenn, gestalten sich die Umstände für die Betroffenen auch dort bisweilen äußerst bedrohlich.

          Nach Meinung der afghanischen Gelehrten ist Abdul Rahman vorzuwerfen, daß er mit seiner „Umkehr“ zur Religion der Christen den wahren Monotheismus des Islams verlassen hat und zur Religion jener zurückgekehrt ist, die zwar keine Polytheisten sind, aber Gott doch in dreifaltiger Gestalt verehren. Dies ist nach der Auffassung des Islams „schirk“, die Beigesellung anderer Wesen zu dem einen Gott. Mit diesem Begriff attackiert der Koran die christliche Lehre von der Trinität, die er radikal zurückweist: „Sprich, Gott ist der Alleinige, Einzige, der Ewige und Unwandelbare, Er zeugt nicht und ist nicht gezeugt; und kein Wesen ist Ihm gleich“ (Sure 112).

          Viel Staub aufgewirbelt

          Das heißt: Jeder, der glaubt, daß Gott sich in dreifaltiger Gestalt darstellt, steht als „Beigeseller“ dem Götzendienst recht nahe, wenn er sich auch als Monotheist bezeichnet. Die Auseinandersetzung um „tauhid“ einerseits und „Trinität“ andererseits ist bis heute der dogmatisch bedeutendste Streitpunkt zwischen der Christenheit und dem Islam überhaupt. Schon im Koran sind Polemiken gegen die „Muschrikun“ zu lesen, die dem einzigen Gott andere Wesen zur Seite stellen. Der Koran antwortet damit offenbar auf lehrhafte Verfestigungen christlicher Dogmen, die, wie die Trinität, in den frühchristlichen Konzilien Gestalt angenommen haben.

          Der Abtrünnige darf nach islamischem Recht nicht getötet werden, wenn er unter Zwang konvertierte oder wenn er geistig nicht gesund war, als er das tat. Der Fall Abdul Rahmans hat international so viel Staub aufgewirbelt, zumal bei den Freunden und Helfern des neuen Afghanistans, daß man hoffen kann, Staatspräsident Hamid Karzai werde im Zusammenspiel mit den Rechtsgelehrten einen Weg finden, um die Hinrichtung Abdul Rahmans zu verhindern.

          Der jahrelange Aufenthalt in einem Land jenseits des „dar al islam“ könnte als „Zwang“ ausgelegt werden. Doch auch die Möglichkeit, dem Angeklagten partielle Unzurechnungsfähigkeit zu attestieren, bestünde. Um die Religionsfreiheit jedenfalls, so wie sie in modernen Staaten definiert und von der Menschenrechtscharta gefordert wird, steht es in Afghanistan so schlecht wie anderswo in der islamischen Welt auch, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen.

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