22.05.2007 · Wer nach Afghanistan fährt, ist in jedem Augenblick eine Zielscheibe des Terrorismus. Warum sollten die Deutschen trotzdem dorthin? Michael Hanfeld hat das Land bereist und meint: Um den Afghanen bei der Beendigung eines Krieges zu helfen, den sie selbst nicht begonnen haben.
Von Michael HanfeldAls ich im vergangenen Sommer in den Süden Afghanistans gereist bin, um für die F.A.Z. zu berichten und für die ARD einen Film zu drehen - es war meine dritte Reise -, stellte sich mir die Frage: Was willst du da? Ein Abenteuer erleben? Dir den Krieg aus der Nähe betrachten? Touristische Eindrücke in Tora Bora sammeln, in den Höhlen, in denen sich Usama Bin Ladin und seine Al-Qaida-Kämpfer versteckt hielten? Haben die Menschen in diesem Land irgendetwas davon, wenn Journalisten aus dem Westen auftauchen, die ein lohnendes Ziel sind, weil man für sie, wenn man ihrer habhaft wird, eine Menge Geld und inhaftierte Kampfgenossen erpressen kann? Hat es irgendeinen Sinn?
Die Frage muss sich jeder stellen und stellen lassen, die meisten, die ich getroffen habe, stellen sie sich auch. Vielleicht mal abgesehen von den französischen Touristen, die in unserem Flug der Air Ariana saßen und allen Ernstes in den Bergen um Kabul einen Wanderurlaub gebucht hatten. Die vielen - vor allem jungen - Deutsch-Afghanen, die ich getroffen habe, wissen, was sie am Hindukusch wollen: das Land ihrer Väter aufbauen, von dem die Alten berichten, wie prachtvoll, friedlich und tolerant es gewesen ist, bevor mit dem Einmarsch der Russen zu Weihnachten 1979 der Dreißigjährige Krieg begann.
Die zivilen Helfer, die man zumeist nur in der Hauptstadt Kabul trifft, wissen es auch: Sie bauen Straßen, Brunnen, Krankenhäuser, Schulen - die das Land mit seinen vielen Kindern besonders nötig hat. Und die Contract-Worker der internationalen Firmen, die in Afghanistan Aufträge abarbeiten, haben auch eine Antwort: den Job erledigen, sich die Gefahr gut bezahlen lassen und dann schnell wieder weg.
Jeder ist ein Ziel
Sie alle wissen aber auch, dass sie ein Ziel sind. Nicht nur die Amerikaner und nicht nur die Soldaten der Bundeswehr stehen im Fadenkreuz. Da steht jeder, der nach Afghanistan geht. Denn er oder sie, ob Ingenieur, Lehrer oder Berufssoldat, ist der natürliche Feind derer, die nach dem Abzug der Russen in Afghanistan das Sagen hatten, der Clanchefs, der Warlords, der Drogenbarone und der Taliban. Das muss man wissen, wenn man sich die Frage stellt, was man in Afghanistan will und warum man seine Leute dort hinschickt.
Wenn man die Antwort nicht selbst weiß, kann man die Afghanen fragen. Und wenn man das tut, bekommt man - von den unterschiedlichsten Menschen - ähnliche Antworten: weil man etwas beisteuern kann zum Wiederaufbau eines Landes, das zuerst von einer fremden Großmacht überfallen und dann von den eigenen Leuten verwüstet wurde. Eines Landes, das wider Willen Heimstatt des islamistischen Terrorismus wurde. Das von einem - sufitischen - Islam geprägt war, der den Begriff des „Dschihad“, des „Heiligen Krieges“, nur als Kampf eines jeden Einzelnen um seine Läuterung im Sinne eines gottgefälligen Lebenswandels kennt. In dem die Frauen auch auf dem Land selten die Burka trugen. Dessen politische Verfasstheit in den Städten durch ein Laissez-faire der Kulturen und auf dem Land weniger durch die Religion denn durch jahrhundertealte Stammesstrukturen geprägt war - die als einzige den Krieg überdauert haben und die in Dienst genommen werden von Machthabern, die das Land konsequent ausgebeutet und unterdrückt haben.
Das vielgestaltige Leben in Afghanistan
Wenn wir heute über die deutschen Soldaten sprechen, die in Kundus Opfer eines Selbstmordbombers wurden, nehmen wir von Afghanistan nur einen kleinen Ausschnitt war. Und wenn wir den Taliban zuhören, die ihren Guerillakrieg vom Norden Pakistans aus auf Jahre hinaus durchhalten können, mit aller Macht an die Macht zurückwollen und dabei sowohl gegen die westlichen Soldaten, vor allem aber gegen die Mehrheit der Afghanen kämpfen - unter denen ihre Anschläge auch die meisten Opfer fordern -, bekommen wir einen ganz falschen Eindruck. Denn das Leben in Afghanistan ist zwar geprägt vom Krieg, der im Süden tobt, und von Armut, aber zugleich vielvölkervielgestaltig und bunt. Die Menschen sind - anders als man aus der Ferne denken könnte - voller Hoffnung, vielleicht verzweifelter Hoffnung. Sie sind offen, herzlich und gastfreundlich. Wer ihnen offen und ehrlich gegenübertritt, bekommt das zu spüren.
Einmal waren wir in Khost, ganz im Süden, an der pakistanischen Grenze, mitten im Taliban-Gebiet. Einen ganzen Nachmittag lang haben wir auf einem großen Holzmarkt gedreht. Weil sie sonst nichts mehr haben, holzen die Afghanen ihre letzten Wälder ab, welche mit Hilfe der deutschen GTZ vor vierzig Jahren aufgeforstet wurden. Sie hauen die Bäume um und graben die Wurzeln aus, auf gefährlich überladenen Lastwagen geht die Fracht auf holprigen Straßen nach Kabul. Ein Holzarbeiter verdient einen oder zwei Dollar am Tag. Es war ein großes Ballyhoo, als wir mit der Kamera auftauchten. Doch nach zwei Stunden packten wir wieder ein, weil es unseren afghanischen Begleitern nicht mehr geheuer war. Zwei Stunden etwa mag es dauern, bis sich die Anwesenheit exotischer Besucher bis zu denen herumgesprochen hat, die nur darauf lauern, etwas zu unternehmen. Am nächsten Tag gab es an diesem Holzmarkt, als gerade eine Militärpatrouille der Amerikaner und der afghanischen Armee vorbeifuhr, einen Bombenanschlag mit sechzehn Toten.
Omnipräsente Gefahr
Ein anderes Mal überholte uns auf der Straße zwischen Kabul und Dschalalabad, der Hauptstadt der südöstlichen Provinz Nangarhar, ein Militärkonvoi. Unsere Begleiter bogen ab und warteten. Wenig später sahen wir am Horizont schwarze Rauchwolken - der nächste Bombenanschlag, diesmal mit zwei Toten. Bei unserem Besuch im Palast der Gouverneurs von Nangarhar, Gul Aga Khan, eines Vertrauten des Präsidenten Hamid Karzai und erklärten Taliban-Gegners, wurden wir nach Strich und Faden durchsucht. Die Wachmänner des Gouverneurs machten das gründlich, doch es endete mit einer großen Flachserei, wie sie in der afghanischen Männergesellschaft nicht selten vorkommt. Ein paar Wochen später starben etliche dieser Truppe, als sie einen Besucher filzten, der Sprengstoff dabeihatte.
Am berühmten Khyber-Pass schließlich, der Afghanistan mit Pakistan verbindet und wo 1842 die Reste der britischen Besatzungsarmee bis auf einen Mann niedergemetzelt wurden, fand ein Grenzkrieg statt, der es bei uns nicht mal als kleine Meldung in die Nachrichten brachte. Zwei verfeindete Stämme zogen gegeneinander los, es hatte eine „geschäftliche“ Auseinandersetzung mit einem Toten gegeben, die nach Sühne verlangte. Links und rechts der Straße sammelten sich Hunderte von bewaffneten Kämpfern, alte Männer, zehnjährige Jungs mit der Kalaschnikow über der Schulter, Maschinengewehrnester, sogar ein altertümliches Flugabwehrgeschütz war in Stellung. Die pakistanische Grenzarmee, die schwarzgewandeten „Khyber Rifles“, machte dem Aufstand erst nach zwei Wochen ein Ende.
Geiseln des Kriegs
Zwischen diesen Fronten bewegt sich jeder, der nach Afghanistan kommt, sobald er die hektische Hauptstadt Kabul verlässt. Man muss kein Soldat der Bundeswehr sein, um hier auf eine Mine zu laufen. Doch man muss es wissen, wenn man sich die Frage stellt, was man hier will. Spricht man mit nur einem, der keine Waffe trägt, etwa mit dem Minenarbeiter, der mit fünfzig Dollar im Monat seine sechsköpfige Familie durchbringen muss, oder mit der Lehrerin, die ihre Schülerinnen unterrichtet, obwohl sie - wie viele andere - von den Taliban bedroht wird, bekommt man eine Antwort: Die Afghanen sind Geiseln eines Krieges, den sie nicht begonnen haben und den sie allein nicht beenden können. Sie sind Opfer einer pervertierten Großmachtpolitik, die den Islamismus erst hervorgerufen hat. Und in dieser Lage sind sie uns - gerade den Deutschen, denen sie sich wie keiner anderen westlichen Nation verbunden fühlen - auf einmal unheimlich nahe. Und so beantworten sie unsere Frage.
Ein Hoch auf die Franzoesischen Touristen
Friederine Teich-Erdmann (Teich-Erdmann)
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Recht auf informationelle Selbstbestimmung
Friederine Teich-Erdmann (Teich-Erdmann)
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