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Theater lädt AfD-Politiker aus : Den Bösewichten eine Bühne

Nicht jeder darf auf die Bühne, so das Urteil in Zürich. Schade, denn eigentlich ist das Theater ein Ort des Konflikts. Bild: dpa

Für Spannung scheint sich die politisierte Theaterwelt im Moment nicht zu interessieren: In Zürich wurde ein AfD-Politiker nach heftigen Protesten von der Liste der Diskussionsteilnehmer gestrichen.

          Was will das Theater sein? Ein Ort der Bequemlichkeit oder des Aufruhrs? Ein Platz, an dem Gemüter beruhigt oder bewegt werden? Gerade gibt das Politische dem Ästhetischen ja wieder den Takt vor. Kein deutschsprachiges Stadttheater ließ im vergangenen Jahr die Flüchtlingskrise unkommentiert. Fast überall wurden Spielpläne aus Solidaritätssehnsucht gemacht. Dass das Theater so hastig auf den Schnellzug der Tagespolitik aufspringt und sich nicht mit der Fahrt im Zuckelzug der schönen Künste begnügen will, kann man bedauern oder gutheißen. Was man aber nicht kann, ist einerseits nach Politisierung rufen und andererseits aufgeregt nach Ruhe verlangen, wenn ein Theater mit der Forderung, sich die Tagespolitik ins Haus zu holen, wirklich Ernst macht. Und dazu einmal nicht nur einen Theatertext unter die passende Überschrift setzt, sondern das politische Gespräch selbst zur Szene macht.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Theaterhaus Gessnerallee in Zürich sollte am 17. März unter der Überschrift „Die neue Avantgarde“ eine Podiumsdiskussion stattfinden, zu der neben vier mehr oder weniger linksliberalen Diskutanten auch der AfD-Politiker und Philosophiedozent Marc Jongen eingeladen war. Es sollte um die Frage gehen, was Kategorien wie liberal, progressiv und reaktionär heute bedeuten, ob die Renaissance des Rechtsnationalen wirklich mit dem Ehrentitel der „Avantgarde“ geadelt werden sollte und inwieweit der Dialog zwischen linken und rechten Positionen überhaupt noch möglich ist.

          Für Spannung scheint man sich nicht zu interessieren

          Debattieren sollten hier nicht wieder nur die üblichen Parteienforscher, man hatte auch einen echten und als thymostheoretischen Sloterdijk-Schüler intellektuell durchaus satisfaktionsfähigen Vertreter der Gegenseite eingeladen. Der Abend versprach spannend zu werden. Zumal in einem Haus, das traditionell ein eher junges, politisch links-alternatives Publikum anzieht. Allzu oft wurde in den letzten Monaten über die „neuen Rechten“ von und vor Diskursteilnehmern gesprochen, die sich in ihrer grundsätzlichen moralischen Ablehnung einig waren und das Gespräch nur zur Selbstversicherung nutzten. Wenn Diskussionsrunden aber mehr sein wollen als bloße Selbsthilfegruppen, dann kann ein echter Dissens wohl nicht schaden. Das Theater mit seiner alten Expertise für Spannungsaufbau ist der Ort dafür, wenn schon das Fernsehen oft aus Bequemlichkeitsgründen davor zurückschreckt.

          Aber für Spannung scheint sich die politisierte Theaterwelt im Moment nicht besonders zu interessieren. Schon Ende Februar hatte das Internetforum „Nachtkritik“ Protestverlautbarungen veröffentlicht. Unter anderem wurde hier der künstlerische Leiter der Zürcher „Digitalbühne“ mit den Worten zitiert, dass es für ein „öffentlich subventioniertes Haus absolut inakzeptabel“ sei, einem solchen Podium Raum zu bieten. Warum gerade der Hinweis auf die öffentliche Verantwortung des Theaters ein Argument gegen eine öffentlich geführte Diskussion sein sollte, ist schleierhaft. Bald meldete sich auch eine größere Gruppe von Kulturschaffenden in einem offenen Brief zu Wort. Für „politisch Unbedarfte“ stelle das öffentliche Meinungsduell eine Gefahr dar, so die Unterzeichner, die Theaterbesucher offenbar grundsätzlich für unterbelichtet halten. Überhaupt zu fragen, wie Rechte und Liberale heute zueinander stünden, sei „nichts weiter als eine Huldigung des Gegners“.

          Das Theater sollte sich vor Demagogie am wenigsten fürchten

          Am Mittwoch ließ die Gessnerallee nun mitteilen, dass sie das Podium „aufgrund der Hitze der Debatte“ absagt. Neben „Diffamierungen und persönlichen Beleidigungen“ sei es auch zu „Erpressungen“ gekommen, die Sicherheit der Podiumsteilnehmer sei nicht mehr gewährleistet. In internen Runden werde man aber das Gespräch fortsetzen und auch weiterhin versuchen, das Thema „nicht nur in den jeweils eigenen Milieus“ zu besprechen. Wegen einer Erkrankung des politischen Selbstbewusstseins muss die heutige Vorstellung leider entfallen.

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          Mit Blick auf die Vielzahl an Diskussionsveranstaltungen unter explizit linken Vorzeichen, die an deutschsprachigen Stadttheatern stattfinden, drängt sich einmal mehr die Frage des diskursiven Gleichgewichts auf. Während beispielsweise an der Berliner Volksbühne die linke Avantgarde unter sich einen „Plan B für Europa“ diskutiert, darf in Zürich ein Rechter nicht sprechen, weil man sich vor seinen demagogischen Fähigkeiten fürchtet? Will man sich am Theater wirklich einen regressiven Öffentlichkeitsbegriff zu eigen machen und sich wie das Maxim Gorki Theater in Berlin stolz damit brüsten, Personen, die „rechtsextremen Parteien“ (also der AfD) angehören, „den Zutritt zu Veranstaltungen zu verwehren“? Ist das der richtige Weg, um den Rechtspopulismus zu schwächen? Sollen vor Vorstellungsbeginn Gewissensprüfungen eingeführt werden? Politische Musterungstests? Das Theater sollte sich doch vor Demagogie und Streit am wenigsten fürchten. Jahrtausendelang hat es Außenseitern und Bösewichten eine Bühne geboten, nicht um ihnen zu huldigen, sondern um sie durch das Spiel der Worte zu widerlegen. Eine moralische Anstalt kann das Theater jedenfalls nur dann sein, wenn es mutig genug ist, sich auch die moralischen Gegner der etablierten Mitte auf die Bühne und ins Publikum zu holen.

          Quelle: F.A.Z.

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