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Lanzmann über Elie Wiesel : Die Auschwitz-Lügner jubilieren

Hat eine Fälschung in die Welt gesetzt: der französische Regisseur Claude Lanzmann Bild: dpa

Im französischen Fernsehen versucht Claude Lanzmann, den kürzlich verstorbenen Elie Wiesel als moralische Instanz des Gedenkens zu demontieren. Der „Shoah“-Regisseur wird zum willigen Helfer der Auschwitz-Lügner.

          Man verzieh ihm alles und schluckte noch einiges dazu, auch dass Claude Lanzmann Hitler für Katyn verantwortlich machte, als man es längst besser wusste. Der Neunzigjährige ist vom Tod besessen und von der Idee, für alle Ewigkeit als Gralshüter der Schoa in die Geschichte einzugehen. Als solcher spielt er sich seit Jahrzehnten auf. Seine filmische Dokumentation „Shoah“, tatsächlich ein Meisterwerk und Meilenstein im Umgang mit dem Völkermord an den Juden, hält er für das Maß aller Dinge. Wer immer sich mit dem Thema befasst, ist gut beraten, sich auf Lanzmann zu berufen.

          Elie Wiesel hat das nicht getan. Schlimmer noch: Wiesel habe ihn keineswegs ermutigt, als er ihm von seinem Projekt erzählt habe. Und nach dem „triumphalen Empfang“, den Lanzmann seinem Film zu Recht bescheinigt, habe sich Wiesel immer noch nicht zu einem Lob des Meisters durchringen können. Das alles erzählte Lanzmann im französischen Sender „France Inter“ nach dem Tode Wiesels. Der überforderten Journalistin ist die Panik anzumerken. Auch noch auf den im März verstorbenen Imre Kertész berief Lanzmann sich, „der den Nobelpreis für Literatur bekommen hat und nicht jenen für den Frieden wie Wiesel“. Kertész wird zum Kronzeugen seiner postumen Abrechnung: „Alles in allem hat Wiesel nur drei oder vier Nächte in Auschwitz verbracht“, gewissermaßen als Tourist. „Die restliche Zeit war er in Buchenwald. Wiesel war nicht in Auschwitz.“ Mit dieser Bemerkung sprach ihm Lanzmann die Berechtigung für sein Werk ab. Und demontierte ihn als moralische Instanz des Gedenkens. Es war Sonntag, es war heiß, die Ferien hatten begonnen, auch Michel Rocard war gestorben. Nach ein paar Stunden löschte der Sender das Gespräch im Internet, aber seine Verbreitung ist längst nicht mehr zu stoppen.

          Am Montag zog Daniel Schneidermann, der Medienkritiker von „Libération“, eine Woche nach dem Gau Bilanz. Nur mit entsprechenden Recherchen gleich nach der Live-Ausstrahlung hätte der Sender seine Ehre retten und den Schaden begrenzen können, befindet Schneidermann. Er fand die von Lanzmann zitierte Stelle: Kertész spricht von sich selbst. Im Furor der postumen Herabwürdigung des unerträglichen Rivalen hat Lanzmann eine Fälschung in die Welt gesetzt und bis zur Stunde noch immer nicht dementiert. Die Auschwitz-Lügner jubilieren: Wenn nicht einmal Elie Wiesel in Auschwitz war! Ausgerechnet Claude Lanzmann ist zu ihrem willigen Helfer geworden, nicht aus Eitelkeit – aus senilem Größenwahn.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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