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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Adoptivkinder Im Schilfkörbchen

 ·  Fünftausend Kinder wurden im vorigen Jahr in Deutschland adoptiert. Geht etwas in der Erziehung von Adoptivkindern schief, ist eine archaische und hochmoderne Erklärung zur Hand: die Macht des Blutes.

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Adoptivkinder faszinieren. Im Hause Gerhard Schröder lebt seit einem guten Jahr Viktoria aus Rußland. Das Mädchen erscheint vielen interessanter als seine Stiefschwester Klara, jenes Kind aus Doris Schröder-Köpfs erster Ehe, das doch seinerseits ein paar Rätsel umwittern - denn nicht der väterlich sich gebende Gerhard Schröder ist Klaras Vater. Viktoria aber ist gewissermaßen in einem Schilfkörbchen in die deutsche Öffentlichkeit geschippert, und so fragt diese gespannt: Wie wird sich das russische Mädchen in der Familie des ehemaligen Bundeskanzlers entwickeln?

Im Hause Willi Bogner nahm sich vor einigen Wochen der aus Brasilien stammende siebzehn Jahre alte Adoptivsohn Bernhard das Leben. Die Öffentlichkeit fragte aufgewühlt: Hatte der Selbstmord etwas mit der Tatsache zu tun, daß Bernhard Bogner adoptiert war?

Welche Gene beeinflussen sein Handeln?

Um das Adoptivkind ist ein Geheimnis. Woher stammt das angenommene Kind, welche Gene beeinflussen sein Handeln, welche frühkindlichen Erfahrungen prägen es? Wo das Fremde voller Liebe und manchmal auch mit unbändiger Willenskraft zum Eigenen gemacht wird, vermuten Außenstehende immer auch Risse: biologische, geographische, biographische. Diese Risse fallen oft mehr auf als die Nähte, die angenommene Kinder mit ihren Adoptiveltern verbinden.

Alle glücklichen Familien ähneln einander - aber die vermeintlich oder tatsächlich unglücklichen Adoptivfamilien scheinen auf ganz andere Art unglücklich zu sein als andere unglückliche Familien. Geht in Adoptivfamilien etwas schief, kann ein zugleich archaisches und hochmodernes Erklärungsmuster greifen, das mit Blick auf leibliche Kinder nicht zur Verfügung steht: Das Kind sei eben nicht vom Fleisch und Blut der Eltern. Renate und Günther B. (alle Namen geändert) kennen diesen Satz gut: Als der Adoptivsohn mit fünfzehn anfing zu stehlen und die Adoptivtochter ein paar Jahre später im selben Alter schwanger wurde, sprachen ihn Freunde, Nachbarn und Menschen aus der Kirchengemeinde fast beruhigend aus, so, als nähme er den Eltern die Verantwortung für die Fehler ihrer Kinder, die sie doch als ihre eigenen angenommen hatten.

Hohe Anpassungsgabe und Teamfähigkeit

Obwohl sich der Paradigmenstreit des neunzehnten Jahrhunderts über Erbe und Umwelt, über Biologismus und Soziologismus längst zu einem Geflecht der Mischansätze verheddert hat, wird lebhaft über die vermeintliche Andersartigkeit adoptierter Kinder diskutiert und spekuliert. „Da werden spektakuläre Einzelfälle zur Generalthese vom zwangsläufigen Scheitern von Adoption aufgebauscht“, sagt der Sozialwissenschaftler Claus Leggewie, Mitautor eines Buchs über Adoptivkinder und selbst Adoptivvater. Sprechen die einen von psychischen Störungen, der Neigung zu Straftaten und früher Geschlechtsreife, verweisen andere auf die angeblich überdurchschnittliche Zahl von Adoptivkindern unter Olympiasiegern und loben die Anpassungsgabe und Teamfähigkeit dieser Kinder im späteren Beruf. Denn schließlich hätten sie nichts mehr gelernt als das: schnell mit ungewohnten Umweltbedingungen zurechtzukommen.

Adoptivkinder, sagt ein anderes verbreitetes Vorurteil, seien häufiger auf der Suche: nach ihrer Herkunft, nach ihrem Platz in der Gesellschaft, nach psychischer Ruhe. Der amerikanische Psychiater Marshall Schechter veröffentlichte 1960 einen Aufsatz, in dem er darlegte, daß er in seiner Praxis zwischen 1948 und 1953 mehr erwachsene Adoptivkinder behandelt hatte, als es dem Anteil Adoptierter an der Gesamtbevölkerung entsprach. Von hundertzwanzig Patienten waren sechzehn adoptiert - bei einem Adoptierten-Anteil an der Bevölkerung von nur 0,1 Prozent. Schechter folgerte: „Es scheint, daß Neurosen und Psychosen bei Kindern, die adoptiert wurden, potentiell auf fruchtbareren Boden fallen.“

Das „Adoptivkind-Syndrom“

Kritiker merkten zwar an, daß Schechters Praxis schließlich unter anderem auf Adoptionsfragen spezialisiert sei; andere gaben zu bedenken, die Häufung erkläre sich mit der Tatsache, daß Adoption ganz wie die Angewohnheit, psychologische Hilfe aufzusuchen, ein Mittelklassephänomen sei. Schechters These von der psychischen Labilität von Adoptivkindern erlangte dennoch Popularität und hat sie bis heute behalten. Der amerikanische Psychologe David Kirschner sprach in den achtziger Jahren gar von einem „Adoptivkind-Syndrom“, das sich allerdings nur in Einzelfällen auspräge: Adoptivkinder mit diesem Syndrom, so die Behauptung, verhielten sich unsozial, neigten zum Lügen, Stehlen und zu Lernschwierigkeiten, liefen oft von zu Hause fort.

Die zum Teil abstrusen Theorien sind in der Welt und nur schwer aus ihr herauszuschaffen. Viele erwachsene Adoptivkinder berichten auch vom Nimbus des verletzten, geschändeten, weniger wertvollen und geliebten Kindes, den ihnen Fremde immer wieder anzuhängen versuchen, wenn sie erfahren, daß das Gegenüber ein Adoptivkind ist. Geschichten wie die von Brigitte L. nähren diese Vorstellungen. Sie erfuhr erst mit Anfang Vierzig durch Zufall auf einer Familienfeier, daß ihr Vater sie „nur“ adoptierte, nachdem die Mutter sie in den Kriegswirren zur Welt gebracht hatte. Ein entfernter Verwandter wußte nicht, daß die Betroffene, anders als ein Großteil der Großfamilie, ihre Geschichte gar nicht kannte - und sprach sie darauf an.

Um wilde Phantasien über die leiblichen Eltern von vornherein zu vermeiden, fördern Jugendämter heute offene Adoptionsformen. Das müsse nicht heißen, daß Adoptivkinder jedes Wochenende ihre leiblichen Eltern träfen, sagt Jörg Reinhardt, Leiter der Zentralen Adoptionsstelle in München. „Es kann auch ein anonym geschickter Brief der leiblichen Mutter zu Weihnachten sein.“

„Sprich afrikanisch mit ihm“

Bei Auslandsadoptionen oder wenn die leiblichen Eltern nicht einverstanden sind, daß ihre Identität offengelegt wird, ist es hingegen schwierig, Adoptivkindern von ihrer Herkunft zu berichten. Wenn sich die Familie bemüht, bei älteren Kindern die fremde Herkunft im Bewußtsein wachzuhalten, verschüttet das Neue oft die Erinnerung. Familie Mirand hat zwei kleine Jungen aus Afrika adoptiert. Nicolas ist fünf, Julien sechs. Die beiden sind seit einigen Monaten in Frankreich und dürfen mit ihren Freunden telefonieren, die ebenfalls in französische Familien gekommen sind. „Ca va?“ ruft Nicolas in den Hörer, und „ca va“ antwortet der Junge am anderen Ende der Leitung. „Ca va!“ ruft Nicolas wieder, „oui“ antwortet der andere. „Sprich afrikanisch mit ihm“, sagt Madame Mirand, „du kannst afrikanisch mit ihm sprechen.“ Nicolas lächelt verschämt und sagt noch einmal: „Ca va!“

Oft sind Adoptivkinder, auch wenn das unausgesprochen bleibt oder sich später gar nicht auf das Eltern-Kind-Verhältnis auswirkt, zunächst einmal ein Ersatz. Paare, die vergeblich versuchen, zunächst auf natürlichem Weg und dann mit Hilfe künstlicher Befruchtung ein Kind zu bekommen, kündigen an, „schlimmstenfalls“, „wenn alles andere nicht klappt“, ein Kind adoptieren zu wollen. Der Wunsch nach einem Adoptivkind entspricht heute meist nicht mehr dem originären Wunsch, ein Kind aus einem armen Land von der Straße und aus dem Waisenhaus zu holen - auch wenn es die „sozial Engagierten“ laut Jörg Reinhardt immer noch gibt. „Die machen aber nur noch fünfzehn, zwanzig Prozent der Fälle aus.“

Die Nachfrage übersteigt das Angebot

Viele Paare stellen fest, daß es unter Umständen kaum leichter ist, ein Kind zu adoptieren, als selbst eines zu bekommen. Die Nachfrage übersteigt inzwischen das Angebot. Seit 1994 hat sich die Zahl der Adoptionen in Deutschland um vierzig Prozent verringert. 2004 wurden noch 5064 Kinder adoptiert, fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Auf ein zur Adoption vorgemerktes Kind kamen, rein rechnerisch, elf Bewerber. „Das liegt vor allem an der verbesserten Familienplanung“, sagt Reinhardt und erwähnt außerdem einen „klitzekleinen Zusammenhang“ mit der Regelung, daß Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland zwar rechtswidrig, aber straffrei sind. „Es werden einfach kaum noch ungewollte Kinder geboren.“

Der zweite Grund für den Rückgang der Adoptionen sei die zunehmende Zahl von Dauerpflegeverhältnissen: „Da spielt der Stolz der leiblichen Eltern eine Rolle, die sich als Rabeneltern fühlen würden, wenn sie ihre Kinder zur Adoption freigäben.“ Das knappe Angebot an Adoptivkindern führt dazu, daß zunehmend Kinder aus dem Ausland nachgefragt werden - doch die Kinderzahlen gehen inzwischen auch in Ländern wie Brasilien zurück. 2004 besaßen zweiunddreißig Prozent der Adoptierten nicht die deutsche Staatsbürgerschaft.

Zu viele psychologische Fragen

Der Druck auf Vermittlungsstellen wird mit schwindender Kinderzahl immer größer. Kritiker sagen, der Staat forsche Adoptionsbewerber zu stark aus, stelle zu viele psychologische Fragen. Der Adoptionsvermittler Reinhardt berichtet hingegen, daß viele Bewerber die Zeit auf dem Jugendamt nicht missen möchten, weil dort Fragen aufgekommen seien, die sie sich in ihrer Partnerschaft sonst nie gestellt hätten. Der Sozialwissenschaftler Leggewie ist ebenfalls für eine genaue Prüfung, beobachtet aber bisweilen eine „Abschreckungsstrategie“ gegen Adoptionsbewerber. Hätten in den fünfziger Jahren Adoptiveltern gesellschaftlich noch viel gegolten, weil sie armen Waisenkindern ein besseres Leben ermöglichten, habe inzwischen ein Wandel der Überzeugungen stattgefunden: „Heute steht vor allem das Wohl der abgebenden Mütter und der Kinder im Vordergrund.“ In der öffentlichen Diskussion werde Adoptiveltern oft egoistischer Selbstverwirklichungsdrang unterstellt - oder gar eine Fortführung des ökonomischen Ausbeutungsverhältnisses zwischen Industriestaaten und Dritter Welt.

Wer trotz aller Vorurteile und nach allen bürokratischen Strapazen irgendwann doch ein Adoptivkind bekommt, wird möglicherweise gleich doppelt beschenkt. Denn manchmal zaubern Adoptivkinder, wenn sie in ihrer neuen Familie angekommen oder auf dem Weg zu ihr sind, ganz plötzlich ein leibliches Kind herbei. Viele Menschen wären nicht auf der Welt, wenn ihre Eltern nicht kurz zuvor einen Adoptionsvertrag unterschrieben hätten. Adoptivkinder sind faszinierend.

Quelle: F.A.Z., 29.11.2005, Nr. 278 / Seite 35
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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