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Veröffentlicht: 11.01.2014, 14:11 Uhr

Abschied von der Utopie Die digitale Kränkung des Menschen


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Wir haben uns geirrt

Schon daraus ergibt sich eine quasiautomatische Frustration, viele Protagonisten der Netzgemeinde müssen mit ansehen, dass nach langjähriger Diskursarbeit ihre Themen in der Öffentlichkeit immer wichtiger werden – ihre Inhalte und Haltungen aber nicht. Dieses Schema zieht sich bis in die Politik, da arbeiten Abgeordnete aller Parteien jahrelang sachkundig im und zum Netz und dann wird Dobrindt Digitalminister. Dobrindt.

Der Rechtbehaltewunsch ist bei der Netzgemeinde unerbittlicher als irgendwo sonst. Wenn man fast nichts hat außer der eigenen Meinung, wird man diese kompromisslos verteidigen, das eint übrigens Twitterer und Meinungsjournalisten. Im Wörtchen „kompromisslos“ liegt das Drama der Netzgemeinde verborgen. Denn Kompromisslosigkeit muss am heftigsten gegen diejenigen durchgesetzt werden, die eine ähnliche, aber eben nicht deckungsgleiche Haltung haben, aggressive Abgrenzung zur Selbstvergewisserung. Beim Spähskandal ist diese verstörende Tendenz zu beobachten, wenn Häme ausgegossen wird über diejenigen, die nicht auf die vorgeschriebene Art gegen die Überwachung sind. Wenn gespottet wird über Leute, denen Verschlüsselung von Kommunikation nicht leicht von der Hand geht.

Die Netzgemeinde agiert selbstbeauftragt, ihre Kraft und den Mut zur Lautstärke bezog sie aus der Gewissheit, die Welt verbessern zu können mit digitalen Mitteln. Und dann diese Ironie, nein, diese Verhöhnung des Schicksals: Edward Snowden, Held des Internets, bringt die Botschaft, dass mit dem geliebten Internet die gesamte Welt überwacht wird. Diese Kränkung ist so umfassend, als sei die Heimat Internet über Nacht in ein digitales Seveso verwandelt. Wütende Proteste gegen diese Vergiftung und ihre Urheber, natürlich.

Aber es ist etwas anderes, daraus auch Konsequenzen zu ziehen. Die eigenen Positionen zu überdenken, eben einzugestehen: Wir haben uns geirrt, unser Bild vom Internet entsprach nicht der Realität, denn die heißt Totalüberwachung. Jede Verteidigung sozialer Netzwerke etwa – auch ich habe das oft getan – muss nachträglich ergänzt werden um die Tatsache, dass soziale Netzwerke auch ein perfektes Instrument sind, um einen Sog privatester Informationen ins Internet zu erzeugen. Und damit zur Überwachung.

Ein neuer Internetoptimismus muss entwickelt werden

Das Bild der Politik, das sich die Netzgemeinde zurechtgelegt hatte, entsprach ebenso nicht der Realität. Diese gönnerhafte Freude, das Gefühl der Bestätigung, irgendwie doch zur Avantgarde zu gehören, als Obama anfing zu twittern. Endlich nimmt die Politik unser Internet ernst! Dabei wurden zu diesem Zeitpunkt längst Milliarden für die Überwachung des Internets investiert, viel ernster hätte man es gar nicht nehmen können. In gewisser Weise hat die NSA im Internet wesentlich größere Chancen zur Weltverbesserung gesehen als selbst die Netzgemeinde. Nur dass sie eine ganz andere Auffassung von Weltverbesserung hat.

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Den Irrtum eingestehen, den Schmerz der Kränkung aushalten, denn dieser Tiefpunkt kann nicht, darf nicht das Ende sein. Das Internet ist kaputt, die Idee der digitalen Vernetzung ist es nicht. Die Indianer mussten irgendwann begreifen, dass die von den Eroberern geschenkten schönen Textilien verseucht waren mit Krankheitserregern. Das hat das Konzept Kleidung nicht schlechter gemacht.

Es ist nicht so, dass sich mit Snowden der Internetoptimismus läutern müsste in eine digitale Generalskepsis. Die bisherige Form der Netzbegeisterung hat sich aber als defekt erwiesen, weil sie von falschen Voraussetzungen ausgegangen ist. Nach dieser Kränkung muss ein neuer Internetoptimismus entwickelt werden. Eine positive Digitalerzählung, die auch unter erschwerten Bedingungen in feindlicher Umgebung funktioniert, denn der dauernde Bruch sicher geglaubter Grundrechte hält an. Das große Ausspähen ist nicht vorbei. Und wird es vielleicht niemals sein.

Leserdebatte

Geben die Snowden-Enthüllungen Anlass zu einer generellen Internet-Skepsis? Sind die negativen Entwicklungen dem Medium selbst anzulasten oder verschulden sie sich politischen und individuellen Versäumnissen? Wir laden unsere Leser ein, die Kommentarfunktion ausgiebig zu nutzen. Die interessantesten Beiträge werden am Nachmittag in einem eigenen Artikel zusammengefasst und auf FAZ.NET erscheinen.

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