Home
http://www.faz.net/-gqz-7movj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 28.02.2014, 14:55 Uhr

Abschied vom „Turbo-Abitur“ Warum ist G8 gescheitert?

In der Debatte um den richtigen Weg zum Abitur reden viele mit. Nur die Befunde der Forscher zählen wenig. Dabei könnte ihr Blick unsere Gewissheiten erschüttern.

© dpa Wann soll es so weit sein? Abiturprüfung im Düsseldorfer Luisen-Gymnasium

Nun ist auch Niedersachsen so weit: In der vergangenen Woche gab das Kultusministerium in Hannover bekannt, dass von 2015 an die Abiturienten des Landes in der Regel wieder dreizehn Jahre (G9) statt zwölf (G8) lernen sollen. Die Kultusministerin Frauke Heiligenstadt begründet dies mit dem „Dauerstress“ der Schüler.

Tilman Spreckelsen Folgen:

Damit ist sie nicht allein: In Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein gibt es bereits zahlreiche Gymnasien, die im Rahmen von Schulversuchen ganz oder teilweise zu G9 zurückgekehrt sind. In Bayern und Hamburg stehen Volksentscheide in dieser Frage an. Und in Hessen entscheiden die Gymnasien mittlerweile selbst, ob sie lieber G9 anbieten - allein in Frankfurt wollen bereits drei Viertel der Schulen diese Option nutzen. In den ostdeutschen Bundesländern aber, wo schon zu DDR-Zeiten die Hochschulreife nach zwölf Jahren erreicht wurde, bleibt es auch dabei.

Im internationalen Wettbewerb

Es sieht alles danach aus, als stünde eine der größten je in der Bundesrepublik unternommenen Bildungsreformen auf der Kippe. Dabei wurde G8 erst vor rund zehn Jahren fast überall in Westdeutschland etabliert - das Saarland war Vorreiter im Schuljahr 2001/02, Schleswig-Holstein stellte erst 2008/09 um.

„Das war eine Zeit, in der es immer hieß, wir müssen international wettbewerbsfähige Schul- und Studienabschließer hervorbringen“, sagt Karin Hechler, die Leiterin der Schillerschule in Frankfurt am Main. Damals habe man nach dem Pisa-Schock „dauernd über die Erfolge Finnlands im Bildungsvergleich diskutiert und darüber, dass die meisten Länder ihre Schüler in 12 Jahren zum Schulabschluss bringen. Das war wie ein Sog.“

Wie positioniert sich die eigene Schule?

Allerdings wurden vor allem „bildungsökonomische Gründe“ für den Wechsel zu G8 angeführt, sagt Isabell van Ackeren, Bildungsforscherin an der Universität Duisburg-Essen. Um Pädagogik, also um die Frage, wie man einen besseren Unterricht gestalten könne, ging es nur am Rande. Die Verkürzung der Schulzeit sollte nicht primär bessere, sondern jüngere Absolventen hervorbringen, die früher und damit auch länger einer Erwerbsarbeit nachgingen - angesichts des demographischen Wandels mit immer mehr Rentnern und immer weniger Kindern erschien das nur logisch. Damals wie heute gibt es in den Wirtschaftsverbänden eine breite Zustimmung zu G8.

So ging es vor zehn Jahren auch darum, die eigene Schule möglichst gut zu positionieren, sagt Hechler, deren Gymnasium zu den ersten gehörte, die in Hessen G8 umsetzten. Damals hätten man sich gefragt: „Wer wird das Elitegymnasium am Platz? Wer bekommt die besten Schüler, weil er früh mit G8 beginnt? Und wer ist dann umgekehrt die Gesamtschule unter den Gymnasien?“

Überhastet und planlos

Das zahlte sich aus, beispielsweise durch Zuwendungen an diejenigen, die sich der neuen Anforderung stellten und etwa die Nachmittagsbetreuung vorantrieben. „Eine Mensa und eine Bibliothek - das hätten wir bei G9 wahrscheinlich nicht bekommen“, sagt Hechler. Eine weitere Chance war, dass im Neuanfang auch der Unterricht im alten G9-System auf den Prüfstand geriet. Gab es da nicht tatsächlich mitunter Leerlauf? Könnte man nicht neue pädagogische Konzepte besser durchsetzen, wenn nun sowieso alles anders werden sollte?

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Neue Studie Hausaufgaben machen die Klugen klüger – und die Dummen dümmer

Hilft es Kindern, wenn Eltern bei den Hausaufgaben helfen? Zu viel Druck schadet, das haben Forscher rausgefunden. Neue Studien geben Hinweise, wie sich Eltern am besten verhalten. Mehr Von Heike Schmoll

31.01.2016, 17:11 Uhr | Politik
Integration Flüchtlingskinder lernen in Berliner Willkommensklasse

Viele der Schülerinnen und Schüler stammen aus Syrien, Armenien, dem Iran oder Afghanistan. In der St. Franziskus-Schule in Berlin-Schöneberg lernen sie Deutsch. Dass die Kinder große Fortschritte machen, liegt nicht zuletzt an ihrer engagierten Klassenlehrerin. Mehr

24.01.2016, 16:05 Uhr | Gesellschaft
Arabisch als Pflichtfach Tausend und eine Umnachtung

Die Flüchtlingsdebatte treibt die buntesten Blüten. Aber wie kommt ein Universitätspräsident auf die Idee, alle Schüler müssten jetzt Arabisch lernen? Ganz einfach: Der Mann glaubt an Zauberei. Mehr Von Jürgen Kaube

05.02.2016, 10:54 Uhr | Feuilleton
Mehr als nur schräg Eine Stadttour durch Pisa

Manchmal genügt ein Wahrzeichen, um als Stadt weltberühmt zu werden. Im Fall von Pisa lockt ein schiefer Turm jährlich Millionen Besucher. Aber auch die historische Altstadt der Stadt am Fluss Arno ist sehenswert. Mehr

27.01.2016, 19:45 Uhr | Reise
Steigende Schülerzahlen Frankfurt bekommt zehn neue Schulen

Der hessische Kultusminister stimmt dem Schulentwicklungsplan für Frankfurt zu und leitet damit das Ende der reinen Hauptschulen ein. Denn die Wünsche der Eltern gehen in eine andere Richtung. Mehr Von Matthias Trautsch, Frankfurt

07.02.2016, 08:10 Uhr | Rhein-Main
Glosse

Authentizität ist kein Argument

Von Ursula Scheer

Auch wenn sich die „Tagesschau“ – anders als die BBC – zurückhaltend aus einem Smartphone-Video aus dem Unglückszug von Bad Aibling bedient hat: Ihre Zuschauer kritisieren die Bilder als unnötig. Ein gutes Zeichen. Mehr 2 24

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“