Als Schlüsselereignisse beschreibt die Kommunikationswissenschaft solche Ereignisse, die wegen spezieller Merkmale regelrechte Debattenwellen auslösen. Rast beispielsweise ein ICE mit voller Geschwindigkeit in eine von der Weide abgekommene Rinderherde, melden sich schlagartig die Sicherheitsexperten und Verkehrspolitiker, die Opferverbände und die Agrar-Lobby. Kommt es dann mal wieder zu einer eher unspektakulären Kollision zwischen einer Regionalbahn und einer einsamen Ziege, ist die nächste Hysterie programmiert, die sonst ohne das Schlüsselereignis ausgeblieben wäre. Die Öffentlichkeit hat sich dann nämlich schon warmgelaufen. Sie hat ihren feinmechanischen Blick geschult und sucht krampfhaft nach allem, was sich irgendwie in das Diskursmuster des Schlüsselereignisses pressen lässt.
Im Sommer 2010 kam es zu folgendem Schlüsselereignis: Ein misanthropischer Bundesbanker prallte mit seiner Dampflok in eine Herde von Einwanderern, weil er den Untergang des Abendlandes fürchtet. Danach gab es kein Halten mehr: Anhand der Thesen von Thilo Sarrazin diskutierten Demographen die Geburtenentwicklung und Biologen die Eugenik. Sozialexperten vermuteten die Probleme in einem vorgestrigen Bildungssystem, und die Islamkritiker bekamen ebenfalls ihr Futter. Richard David Precht sah in den Sarrazin-Sympathisanten die Brüder im Geiste der bürgerlichen Wut, wie sie rund um den Stuttgarter Hauptbahnhof zu beobachten ist. Sandra Maischberger zog gar die Hundert-Tage-Bilanz der Sarrazin-Debatte. Und der Dauerwahlkämpfer Horst Seehofer holte die eingestaubte Platte von der Leitkultur aus dem Mottenschrank. Wer auch immer was auch immer zu sagen hat: Das gesellschaftspolitische Auge blickte auf alles durch die sarrazinische Nickelbrille.
Der Abweichler und die Mitredner
„Deutschland schafft sich ab“ macht das, was populärwissenschaftliche Sachbücher eben so machen: Es reduziert Komplexität – mal mehr und mal weniger glücklich. Wie aber kommt es, dass die eher nüchterne Lektüre zum Schlüsselereignis avancierte? Da kommt die zweite kommunikationswissenschaftliche Theorie ins Spiel: die Theorie des Nachrichtenwerts. Je mehr dieser Nachrichtenwert ein Ereignis erfüllt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass darüber ein öffentlicher Diskurs geführt wird. In diesem Fall werden gleich drei der wichtigsten Kriterien der Nachrichtenlogik erfüllt. Erstens Personalisierung: Die Debatte ist fest verbunden mit der Person Thilo Sarrazin. Zweitens Konflikt: Eben diese Person stützt ihre Argumente auf ein Menschenbild, welches dem ihrer Partei diametral gegenüber steht. Drittens Prominenz: Dass das Ganze noch aus der Feder eines Vorstandes einer der glaubwürdigsten Institutionen der Bundesrepublik stammt, macht das Schlüsselereignis perfekt. Überall wurde diskutiert: Vom Boulevard bis zum Feuilleton, von der „Hürriyet“ bis zur „New York Times“, vom Plenarsaal bis zum Stammtisch.
Alle fühlten sich zum Mitreden berufen. Alle? Nicht alle! Es gibt ein gallisches Dorf, das die Ausnahme bildet. Es wird bewohnt von sogenannten Mehmet-Scholl-Türken. Diese sind meist junge Leute mit Migrationshintergrund, haben fast keinerlei Bezug zu ihrer ursprünglichen Herkunft und sprechen die Sprache, die ihr Name suggeriert, nur schlecht oder gar nicht. So wie Mehmet Scholl eben. Warum aber hört man von diesem Teil der Bevölkerung in dem ganzen Getöse um Integration eigentlich nichts? Warum sitzen sie nicht bei Anne Will auf dem Sofa?
Das bringt uns zu einem dritten Konzept der Kommunikationswissenschaft, dem der Schweigespirale. Entwickelt von der in diesem Jahr verstorbenen Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann, postuliert die Schweigespiralenlehre, dass die Bereitschaft zur Partizipation am öffentlichen Diskurs von der derzeit herrschenden öffentlichen Meinung abhängt. Sieht man sich bestätigt, ist die Bereitschaft groß. Fühlt man sich dagegen in der Minderheit, hält man sich lieber zurück. Und so kann es unter Umständen passieren, dass die Mehrheit schweigt, weil sie sich nicht als solche fühlt. So auch ähnlich geschehen in der Integrationsdebatte: Mehmet-Scholl-Türken werden nicht von chronisch beleidigten Funktionären türkischer oder islamischer Verbände vertreten, auch Necla Kelek ist ihnen fremd – genau die aber geben den Ton an in der Debatte und prägen so das öffentliche Bild der Migranten.
Riester statt Erdogan
Mehmet-Scholl-Türken können mit rechtem Leitkultur- und linkem Multikulti-Gehabe nur wenig anfangen. Wenn Tayyip Erdogan nach Deutschland kommt und die Assimilation aufs schärfste verurteilt, dann können sie nur schmunzeln – oder sie fragen: Wer ist der Typ? Und auch wenn in letzter Zeit häufiger von Aus- und Rückwanderern aus Deutschland zu lesen war, für einen Mehmet-Scholl-Türken käme das nie in Frage. Der lärmende Verkehr in Istanbul, die langen Wartezeiten auf Behörden in Ankara, Militärdienst in südost-anatolischen Kasernen – hier wäre man nicht integrationsfähig. Für einen Mehmet-Scholl-Türken stellt sich nicht die Frage, ob Merkel oder Erdogan, Deutschland oder die Türkei, sondern VfB Stuttgart oder Werder Bremen, Riester-Rente oder Bausparvertrag. Sie haben zwar irgendwo im Regal auch ein verstaubtes Grundgesetz herumliegen, viel eher aber googeln sie den Bußgeldkatalog der Straßenverkehrsordnung. Kurzum: Mehmet-Scholl-Türken sind nicht selten deutscher als die Deutschen.
„Mehmet Scholl ist ja aber kein richtiger Türke“, mögen die Kritiker jetzt entgegnen. „Du bist ja eine Ausnahme“ ist ein Satz, den jeder Mehmet-Scholl-Türke nur zu gut kennt. Der Kundenberater bei der Bank, die Polizeibeamtin, der Realschullehrer – Ausnahmen so weit das Auge reicht. Gibt es wirklich so viele Exemplare des Prototyps Mehmet Scholl, dass sie gar die Mehrheit innerhalb der Minderheit stellen? Die Empirie der Erfahrung zeigt: Es sind ziemlich viele „Ausnahmen“. Genaue Zahlen gibt es nicht, meist sind sie unsichtbar für die Statistik, absorbiert von der Mehrheitsgesellschaft. Es ist ja gerade charakteristisch für Mehmet-Scholl-Türken, nicht organisiert zu sein. Sie haben keine Lobby und sie brauchen keine. Für sie ist nicht wichtig, ob eine Ministerin Özkan oder Müller heißt, solange sie gute Politik macht. Sie fühlen sich eher auf den Arm genommen, wenn Mesut Özil einen Fernsehpreis in der Kategorie „Integration“ bekommt und dann in seiner dreisätzigen Dankesrede ziemlich holprig daherkommt.
Warum aber zeigen die Mehmet-Scholl-Türken dann kein Gesicht in der Debatte um Integration? Warum überlassen sie der Leitkultur-Multikulti-Achse die Bühne? Weiß die gefühlte Minderheit denn nicht, dass sie eigentlich das Potential zur Meinungsführerschaft hat? Die Mehmet-Scholl-Türken wollen gar nicht das Bild der öffentlichen Diskussion prägen. Die einen debattieren über die Gesellschaft, die anderen haben Besseres zu tun.
Die Scholls sind halt eine Minderheit
Horst Johnson (h.johnson)
- 27.12.2010, 13:11 Uhr
Bemerkenswerter und tröstlicher Beitrag
Dr. Uwe Reinking (idoc)
- 27.12.2010, 13:22 Uhr
Sarrazins Menschenbild
Paul - W. Quiring (PWQU)
- 27.12.2010, 13:27 Uhr
Prima!!
Ulrich Becker (UFbecker)
- 27.12.2010, 13:29 Uhr
Vermutlich
Wolfgang Salewski (Singener)
- 27.12.2010, 13:35 Uhr