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Thilo Sarrazin Ein Mann mit Mission

26.08.2010 ·  Thilo Sarrazin schreibt ein Buch außerhalb seines Fachgebiets. Als Berliner Finanzsenator genoss er Respekt und Popularität. Als Bundesbank-Vorstand wechselte er zur schwarzen Pädagogik. Ein Portrait.

Von Mechthild Küpper, Berlin
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Thilo Sarrazin macht wieder Furore, abermals außerhalb seines angestammten Fachgebiets. Am Montag stellt der 65 Jahre alte Sozialdemokrat in Berlin das Produkt seiner neuen Leidenschaft vor: „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ heißt sein Buch. Sein Thema ist nicht die Finanzkrise, er schreibt nicht über Haushaltspolitik. Nein, das Mitglied des Vorstands der Bundesbank und ehemalige Berliner Finanzsenator schreibt über „die Folgen, die sich für Deutschlands Zukunft aus der Kombination von Geburtenrückgang, problematischer Zuwanderung und wachsender Unterschicht ergeben. Er will sich nicht damit abfinden, dass Deutschland nicht nur älter und kleiner, sondern auch dümmer und abhängiger von staatlichen Zahlungen wird“. So fasst es sein Verlag zusammen. Zwischen den Buchdeckeln selbst liest es sich knalliger.

Als er noch Berliner Finanzsenator war, hielten verständige Bürger in den Konflikten, die er mit Fleiß suchte, meistens zu ihm. Man wusste eben, was gemeint war, wenn er sagte, vor Haushaltsberatungen entwichen öfter mal gefährliche Mörder aus dem Gefängnis. Er genoss Popularität und Respekt, weil er es vermochte, mit seinen „Benchmarks“ und Tortengrafiken Finanzpolitik - und ihre Erfolge - anschaulich darzustellen. Als Finanzpolitiker war Sarrazin ein klassischer Vertreter der weißen Pädagogik: Er sorgte für einvernehmliche Senatsbeschlüsse, die jedes einzelne Mitglied später davor bewahrten, Ressortinteressen zu egoistisch zu verteidigen. Das erwies sich rasch als erfolgreich: Wer Ausgaben begrenzt und mit etwas Glück Einnahmen steigert, kann bald anfangen, seine Schulden abzuzahlen.

Eindrucksvolle Geschichten aus der Wirklichkeit

Aus dem reichen Erfahrungsschatz seiner Frau, die in Berlin als Lehrerin arbeitet, erzählte Senator Sarrazin gern eindrucksvolle Geschichten aus der Wirklichkeit, wie man sie nicht gern wahrhaben möchte. Seit er 2009 zur Bundesbank wechselte, verarbeitet er diese Erfahrungen in Aufsätzen und Büchern zur Integrationspolitik. Dazu wechselte er zur schwarzen Pädagogik. In dunklen Farben und trostloser Perspektive zeichnet er sein Bild der muslimischen Einwanderer in Deutschland. Seinen Sinn für Humor und Selbstironie scheint er dabei verloren zu haben. Er tritt auf als Mann mit einer Mission. Seit ihm nach Veröffentlichung eines umstrittenen Aufsatzes in der Bundesbank ein Teil seines Arbeitsgebiets entzogen worden ist, hat er dafür noch mehr Zeit.

Noch bevor er sein Buch vorgestellt hat, haben ihn schon viele verdammt. Es wird ihn amüsieren, dass ausgerechnet die Linkspartei, die unter Hinweis auf kommunistische Usancen niemanden aus der Partei ausschließt, sondern die Kandidaten dafür lieber befördert, seinen Rauswurf aus der Bank und aus der SPD verlangt. Der andere Berliner Sozialdemokrat, der in der SPD oft aneckt, Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Neukölln, hat erklärt, was Sarrazin treibt: „Der braucht das“, sagte er im Bayerischen Rundfunk.

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Jahrgang 1954, politische Korrespondentin in Berlin.

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