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Integrationsdebatte bei „Hart, aber fair“ : Die späte Einwechselung der Nicola Graef

„Wahrheit diffamiert nicht”: Der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt war nicht zu beneiden Bild: dapd

Sie sollten Seehofer verteidigen. Doch was die Unionspolitiker Dobrindt und Liminski den routinierten Normalitätsbehauptern Kolat und Wowereit entgegensetzen konnten, war peinlichste Pomade. Erst zum Schluss bot Frank Plasberg eine Kontrahentin von Format auf.

          Es gibt späte Einwechslungen, die ein Spiel nur beinahe drehen. Dann wird der Trainer nicht wegen seines magischen Händchens gefeiert, sondern muss sich der Frage erwehren, weshalb nicht von vornherein eine andere Mannschaft auf dem Platz stand. Warum wurde in der „Hart, aber fair“-Sendung zur Integrationsdebatte der kurze Ausschnitt aus dem aufsehenerregenden Dokumentarfilm „Kampf im Klassenzimmer“ erst gegen Ende der Sendung gezeigt? Warum saß Nicola Graef, die Autorin des Films, nicht von Anfang an in der Runde?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          So verging fast eine Stunde, in der Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde in Deutschland und der Berliner Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit routiniert ihren Catenaccio durchziehen konnten, durchaus mit einzelnen schönen Aktionen und brillanten Momenten, wie man sie von Profis dieses Kalibers erwartet. Es gibt Probleme, wir haben sie erkannt, noch nicht alles im Griff, aber wir tun unser Bestes, und ich komme übrigens gerade von einer Veranstaltung zum Thema: Die rhetorische Mauer der Normalitätsbehauptung stand, an ihr prallte alles ab.

          Die Angriffsbemühungen des Gegners? Peinlichste Pomade. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt und sein Adlatus, ein Funktionär der Jungen Union aus Nordrhein-Westfalen, der es vor Jahren durch die Erfindung einer „Generation Benedikt“ in die Karteien der Talkshows geschafft hat, waren allerdings auch nicht zu beneiden. Sie hatten die strategische Aufgabe, den CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zu verteidigen, dessen „Focus“-Interview den Anlass für die Sendung lieferte.

          Pomadig und peinlich: Bei „Hart, aber fair” machten die Verteidiger Seehofers keine gute Figur

          Beneidenswertes Schnapsideenverbot

          Den Anlass, aber kein Argument. Mit einer Sortierung der Menschheit nach Kulturkreisen lässt sich weder für die Bewältigung des demographischen Wandels noch für ein realistisches Bild der in Deutschland vorhandenen, nicht durch Augenschließen wegzuwünschenden Migrantenmilieus etwas gewinnen. Dobrindt verkündete: „Wahrheit diffamiert nicht“ - und diffamierte damit den iranischen Arzt und die habilitierte Alevitin gleich noch einmal, die sich von Seehofers Verdikt mitgemeint fühlen mussten, zumal nachdem er klargestellt hatte, dass er von Fachkräften geredet habe.

          Die Anwürfe der Unionsleute gegen Kolat und Wowereit kamen aus einer Parallelgesellschaft - der Teilwelt unseres Landes, in der Empirie durch das Postulat ersetzt wird, man werde ja wohl noch sagen dürfen, dass man sich als Glattrasierter unter Schnauzbärten fremd fühle, oder müsse zumindest sehr ernst nehmen, dass solches gesagt werde. Der JU-Mann Nathanael Liminski verstieg sich sogar dazu, den Befund der neuesten Shell-Studie, jungen Deutschen seien alle anderen Nachbarn lieber als Türken, als Beweis für die türkische Deutschenfeindlichkeit anzuführen - denn die Abneigung müsse schließlich ihren Grund haben! Da beneidet man als Katholik doch die Muslime um das Schnapsideenverbot im Koran.

          „Das ist meine Gesellschaft“

          Nicola Graef hat ihren Film über die Ausgrenzung deutscher Schüler in der Konkurrenz der Verlierermilieus nicht in einer Berliner Schule gedreht, weil im ganzen Bundesgebiet überhaupt nur eine Essener Hauptschule die Dreherlaubnis erteilte - die ohnehin vor der Schließung stand. Als Wowereit dazu ansetzte, die beklemmende Evidenz des Films wieder in seine Normalität zurückzurechnen, fiel Frau Graef ihm ins Wort. Daraufhin ließ sich Wowereit auf die von ihr formulierten Forderungen an die Politik ein - und als er die Handlungsspielräume der Verwaltung und deren Grenzen umriss, sah man Frau Graef nicht den Kopf schütteln oder gar empört die Augen rollen, sondern nicken. Denn sie selbst hatte mit einem Beispiel die Paradoxien eines Erziehungsprogramms für schwer erziehbare Eltern angedeutet: Ein Lehrer hat ihr erzählt, er sei wieder davon abgekommen, den Eltern arabischer Schüler von deren Unterrichtsverweigerung Nachricht zu geben, weil der Schulschwänzer sonst die ganze Nacht lang durchgeprügelt werde.

          Statt Dobrindt und Liminski hätten in der Runde berlinkundige Kombattanten sitzen sollen, die Wowereit und Kolat mit Statistiken und präzisen Fragen zu den Maßnahmen von Senat und Verband hätten konfrontieren können, eine islamkritische Gegenlobbyistin vielleicht und ein vorzeigbarer CDU-Mann (aber woher nehmen?). Liminski fiel nur ein, Wowereit vorzuwerfen, er fahre ja wohl nicht mit der S-Bahn, sondern nehme die Welt aus dem Fond der Dienstlimousine wahr. Seine Zustimmung zu Seehofer begründete der Fünfundzwanzigjährige mit dem Bekenntnis: „Das ist meine Gesellschaft, und in dreißig Jahren möchte ich in dieser Gesellschaft genauso Verantwortung tragen wie heute.“ Arbeit zu haben wäre ihm nicht genug. Einmal in der JU durchgeboxt, immer Verantwortungsträger. Der Dienstwagen rollt irgendwann von selbst herbei. Wie nennt man denn Einwanderung in die Sozialsysteme bei Einheimischen?

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