28.07.2011 · Die Journalistin Güner Balci sollte einen Film drehen. Unter Vorwänden wird ihr der Auftrag entzogen. Nebenbei wird ein Einbruch erfunden, der Diebstahl von Tonbändern. Erklärung: „Notlüge“. In diese Not hat sich eine Öffentlichkeit begeben, die es nicht schafft, die Wahrheit über ein Buch auszusprechen.
Von Frank SchirrmacherProfessor Heinz Haber, der große Fernsehprofessor, zeigte uns in der Kinderstunde einmal, wie eine Kettenreaktion funktioniert. Auf dem Tisch lagen unzählige Mäusefallen. Haber, wie immer im weißen Kittel, ließ einen Tischtennisball hineinfallen, und der Ball sprang wild umher und löste Falle nach Falle aus.
Sarrazins 464 Buchseiten sind 464 Mäusefallen. Und der Ball springt immer noch. Falle nach Falle schnappt zu. Es ist ein unglaubliches Schauspiel. Es begann beim Bundespräsidenten, der sich in den Rausschmiss einmischte, wie er es nicht hätte tun sollen, ging weiter bei der Bundeskanzlerin, die das Buch nicht gelesen hatte, aber eine Meinung besaß, ging weiter bei Sarrazins Anhängern, die von türkischen Milieus reden hörten, aber nicht ahnten, was Sarrazins Thesen über ihre eigene Intelligenz verhieß, ging weiter zur SPD, die ihn ausschloss und doch wieder nicht ausschloss, und weiter, von Mausefalle zu Mausefalle.
Und Sarrazin steht da, im weißen Kittel, wie der gute Professor Haber, der doch nur erklären wollte, was die Welt zusammenhält, notfalls auch in Kreuzberg, aber das ist kein Programm für die Kinderstunde, sondern eins für den Comedy-Club.
Trojaner im öffentlichen Diskurs
Güner Balci ist eine hochbegabte Fernsehjournalistin und Schriftstellerin. Sie wollte sich die Fallen einmal ansehen. Ein Jahr nach dem Ereignis, so glaubte sie, kann man einmal fragen, was von Sarrazin bleibt. Schon vor Monaten erkundigte sie sich, ob man bereit sei, mit ihr für eine im Auftrag des RBB verfasste Dokumentation vor der Kamera zu reden. Jakob Augstein fragte sie offenbar, Thilo Sarrazin und auch mich. Ein Jahr ist ein guter Rezeptionsparameter. Der Pulverrauch hat sich verzogen, und man könnte noch einmal feststellen, dass Sarrazins Buch kein Buch im klassischen Sinn ist, sondern ein Trojaner, geeignet, die Codes des öffentlichen Diskurses zu hacken.
Ein Buch, das beispielsweise seinen Kronzeugen Sir Francis Galton den „Vater der frühen Intelligenzforscher“ nennt und keine Silbe – um das noch einmal zu wiederholen – darüber verliert, dass Galton zuerst und vor allem der Erfinder der Eugenik war und aus ihr erst seine Intelligenzthesen ableitete. Das ist ungefähr so, als sagte man von einem Drogendealer, er sei der Vater der Suchtprävention.
Ein ominöser Diebstahl
So in etwa verlief das Gespräch mit Frau Balci vor den Kameras des RBB. Sie hatte mittlerweile für das ZDF den kleinen Film „Sarrazin in Kreuzberg“ gedreht. Der spielte aber keine Rolle. Vier Tage später meldete sich die Produktionsfirma. Es sei eine Katastrophe passiert. In der Firma sei eingebrochen worden, die Sarrazin-Bänder alle gestohlen, man bitte darum, noch einmal kommen zu dürfen. Weil die Zeit dränge, aber ohne Frau Balci.
Kein angenehmes Gefühl, wenn ungeschnittenes Material und dann auch noch zu Sarrazin auf dem grauen Markt gehandelt wird. Wer stiehlt Interviews? Türkische Nationalisten, die Güner Balci fast mehr bekämpfen als Thilo Sarrazin? Die Gegenseite, die ihm die Publicity neidet? Thilo Sarrazin selbst?
Güner Balci ist wie vom Donner gerührt. Sie wisse nichts von einem Diebstahl. Sie wisse nur, dass sie am nächsten Tag zum RBB bestellt sei, weil man ihr den Film entziehen wolle. Anwälte seien dort auch.
Kommunikation der permanenten Notlüge
Anruf beim RBB, aber erst einmal, ohne vom Diebstahl zu reden. Ja, man müsse sich von Frau Balci als Autorin trennen, „das würden Sie auch machen“. Der „Aspekte“-Film sei unabgesprochen, Frau Balci sei jetzt zum Subjekt der Berichterstattung geworden. Auf die Frage, ob es einen vorauseilenden Gehorsam angesichts des politischen Wirbels gegeben habe, den Balcis Kreuzberg-Experiment ausgelöst habe, wird das Gespräch ganz unerfreulich. „Ihre Produktionsfirma sagt aber, der Sarrazin-Film sei gestohlen worden.“
Jetzt ist der Redakteur am anderen Ende wie vom Donner gerührt. Das könne er sich nicht vorstellen. „Sie können sich nicht vorstellen, dass der Film gestohlen wurde?“ „Ja, und ob das so stimmt.“ Der RBB, so muss man seinen Worten entnehmen, wollte einen tabulosen, klugen, freien Film machen So wie man das ja von einem Sender erwarten kann, der die Öffentlichkeit für so dumm hält zu glauben, dass zehn Minuten „Aspekte“ eine große Dokumentation hinfällig machen. Schlussakt, vorläufig: Die Produktionsfirma des RBB kann keine Anzeige bei der Polizei vorweisen. Sie bittet um Verständnis, es sei ein Missverständnis. „Ein Missverständnis?“ Antwort: „Eine Notlüge.“
Die Frage stellt sich, ob sich der sogenannte öffentliche Diskurs in Sachen Sarrazin und dessen, wofür sein Erfolg steht, nicht allmählich zu einer Kommunikation der permanenten Notlüge entwickelt. Diese Gesellschaft ist nicht in der Lage, ein irreleitendes Buch zu diskutieren. Und Sarrazin hat es geschafft, dass die Institutionen, die sich mit ihm befassen, allesamt in den Zustand der Notlüge geraten. Das begann beim Bundespräsidenten und der Bundesbank und landet jetzt beim „Aspekte“-Film, über den geredet wurde (leider auch weil Balci und Sarrazin vorab in „Welt“-Artikeln dramatisierten), ehe ihn überhaupt jemand gesehen hatte, endet jetzt vorläufig dabei, dass die Autorin Balci demontiert und isoliert wird.
Einer gefährdeten Journalistin wird die Solidarität entzogen
Mag sein, dass der „Aspekte“-Film keine gute Idee war. Die Begründung, man habe genau das auch im RBB-Film zeigen wollen, klingt widersprüchlich. Frau Balci sagt aber: Genau das wurde abgelehnt. Aber auch dem RBB muss klar sein, dass Frau Balci seit langem schon im Fadenkreuz von Extremisten steht und dass die absurde Begründung, sie sei Subjekt, also Partei, der Berichterstattung (welcher Fernsehreporter ist nicht im Bild?), einen Gesichtsverlust bedeutet, der sie schutzlos macht. Denn auch der Vorwurf des Senders ist ja nichts anderes als eine Notlüge, frommer Selbstbetrug. Die Wahrheit heißt: Man ist restlos überfordert.
Güner Balci, an die plötzlich Maßstäbe angelegt werden, die wir sonst leider häufig vermissen, ist, wie jeder weiß, der ihre Biographie kennt, ein „role model“ für aufstiegswillige junge Türkinnen und bei Reaktionären deshalb unbeliebt. Kein Zweifel, was für diese jungen Leute die traurige Lektion dieses abenteuerlichen, rufschädigenden Vorgangs sein wird.
Spiel mit den Tabus
Nur Thilo Sarrazin darf lachen. Man muss es zugeben: Blöder kann man auf seinen substantiell und historisch widerlegten Biologismus nicht reagieren. Das hätte sich auch Sarrazin in seinen wildesten Träumen nicht ausgemalt. Begreift man denn nicht, dass alle Thesen von Sarrazin überdeckt werden und von Anfang an überdeckt wurden von der Debatte über sanktionslose Meinungsfreiheit – ja, dass das Buch, das angeblich so viele Tabus bedauert, nur dieses Tabu bespielt? Dass das die Mega-Mausefalle ist, die in dieses Buch eingebaut ist? Dass das erklärt, warum der Autor, was der wahre Skandal ist, auch ein Jahr danach, immer noch behauptet, er habe nichts zu korrigieren? Professor Haber hätte uns in der Kinderstube zeigen können, warum Sarrazins Gesellschaftsmodell nicht funktioniert. Auch die englische BBC könnte das.
Wir sind noch nicht einmal in der Lage, das Anstößige dieses Buches von seinen sachlichen Teilen zu trennen. Dabei ist es ganz einfach. Man nehme diesen Satz: „Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist keine Darwinsche natürliche Zuchtwahl im Sinne von ,survival of the fittest‘, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte Auswahl, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämliche Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.“ Das ist Sarrazins Bruch mit unserem westlichen Kulturbegriff. Wir aber sind irrwitzige Hermeneuten. Jetzt werden schon Diebstähle fingiert, die Versicherung zahlt ja. Hermes, der Gott der Hermeneuten, war auch der Gott der Diebe und Trickser.
Gestern nachmittag hat der RBB entschieden, dass Güner Balcis Film nicht gedreht wird.
So ist das Leben --
Thomas Philippi (mot2)
- 28.07.2011, 12:17 Uhr
Thema fast verfehlt
Walter Häcker (wald7)
- 28.07.2011, 12:11 Uhr
Ein unnötiger und falscher Artikel
Peter Sommer (psommer)
- 28.07.2011, 12:01 Uhr
Das ist dann ja wohl vorauseilende Zensur in wessen Auftrag? Man erinnere sich
Thomas Heinzow (Oekooekonom)
- 28.07.2011, 11:51 Uhr
Schirrmachers Notlüge
Hans Werner Danuser (LoginName83)
- 28.07.2011, 11:51 Uhr