Und wo sich die Völker trennen
Gegenseitig im Verachten,
Keins von beiden wird bekennen,
Dass sie nach demselben trachten.
(West-östlicher Divan, RendschNameh,Buch des Unmuts)
Das Buch der Bücher muss ein jeder gelesen haben, der behauptet, lesen zu können. Es ist unwiderlegbar, in Erz gegossen und wahr für alle Zeiten, auch wenn sein Verfasser, der Prophet, von den Ungläubigen gescholten, verflucht und vom Golfplatz vertrieben wurde. Gibt es noch viele Unterschiede zwischen Mohammed und Thilo Sarrazin? Gerade wo sich die Weltauflagen von „Koran“ und „Deutschland schafft sich ab“ einander anzunähern drohen? Wir lesen ungläubig, dass die Hedschra, der erzwungene Auszug aus der Bundesbank, eine Staatskrise verhindert hat, und fragen uns, wo das Medina liegt, von dem aus womöglich eine neue Staatsgründung oder wenigstens eine völkische Reformation der Deutschen ihren Verlauf nehmen könnte.
Allen Ernstes: Man kann, wenn man Sarrazins „Bilanz“ (Thilo Sarrazin: Ich hätte eine Staatskrise auslösen können) liest, nicht mehr ernst bleiben. Mir ist angesichts dieses peinlichen Auflagenstolzes, den schamlos vorgetragenen Proselyten-Anekdoten, dem realsozialistischen Gerede von „99 Prozent“ positiver Reaktionen und den mathematisch erstaunlichen „endlosen Zahlen“ von Autogrammen nach einer Portion Heiner-Müller-Zynismus zumute, der auch schon einmal die Islamisierung kommen sah und sich darauf freute, endlich einen Burnus zu tragen, vier Ehefrauen zu haben und den ganzen Tag Wasserpfeife zu rauchen. Kamele (Sarrazins Gegner) haben wir ja schon ausreichend und Sand, den es in die Augen zu streuen gilt, türmt sich vorm Bundespräsidialamt genügend auf, wo wahrscheinlich in den Kellern schon Unmengen grauer Kopftücher genäht werden. Nur der Sarrazin-Gessler-Hut stört mich noch in der aufblühenden Wüste, die alberne Idee nämlich, dass ein jeder, der sich mit Migration oder dem modernen Islam beschäftigt, das Gebräu aus Statistik, Ressentiments und Paranoia aus dem Hause Sarrazin gelesen haben sollte – der Koran ist ungleich poetischer, großartiger und interessanter und seine Polemik hat dagegen wahre Raffinesse.
Sarrazins Eskalationsstrategie
Wer sich für die Probleme von Migration und Immigration interessiert, findet genügend sachlichere Bücher und menschenfreundlichere Experten. Eine Million Leser kann man nur dem detaillierten achten Bericht des Migrationsbeauftragten der Bundesregierung wünschen oder dem im Oktober 2010 erschienenen Zwischenbericht der Enquete-Kommission „Demographischer Wandel“. Beide benennen die Probleme der Migration, zeigen aber auch die Fortschritte. Auch nur ein Viertel der Medienaufmerksamkeit für Sarrazin wünscht man den zahlreichen (um nicht zu sagen „endlos vielen“) Menschen, die sich in diesem Land seit Jahren und Jahrzehnten um Integration bemühen, mit Rückschlägen und Resignation, aber auch mit vorzeigbaren Ergebnissen.
Auch was den klassischen und modernen Islam angeht, haben wir in Deutschland ausgezeichnete Experten und deren Bücher, die nicht fortwährend Islam und Islamismus, Koranverse und außenpolitischen Direktiven konkreter Nahost-Staaten durcheinanderzuwerfen drohen. Und nun gar noch über Goethe wollte ich nichts von einem Mann lesen, der dem Bundespräsidenten nachträglich empfiehlt, er hätte in Istanbul den türkischen Staatspräsidenten Erdogan mit einem in der Mitte abgebrochenen West-östlichen-Divan-Zitat über die „dumpfe Beschränktheit des Islam“ erfrischen sollen. Ist es nicht fürchterlich ersichtlich, was hier versucht wird? Den ständigen Skandal zu erzeugen, um noch mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen.
Interpretation im Dienst der Zuspitzung
Als Schriftsteller mag man an einer gewissen Überempfindlichkeit gegenüber sprachlichen Entgleisungen leiden. Doch allein schon die polemische Rhetorik in Sarrazins „Bilanz“ disqualifiziert den Autor. Wenn Angela Merkel sein Buch „nicht hilfreich“ findet, dann schämt Sarrazin sich nicht, ihr einen Zensurakt wie zu Zeiten der heiligen Inquisition vorzuwerfen. Er geht „ziemlich sicher“ davon aus, dass Christian Wulff Goethes „West-östlichen Divan“ nicht kenne, weil dieser nachfolgendes Zitat aus der Gedichtsammlung nicht als Ausdruck des islamischen Allmachtsanspruchs deute: „Gottes ist der Orient / Gottes ist der Okzident / Nord- und südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“
Allein textimmanent ist diese Deutung einer überreligiös versöhnlichen Variation auf eine Koranstelle haarsträubend. Die Unterstellung von Kenntnislosigkeit aufgrund einer anderen (viel eher zutreffenden) Interpretation finde ich unhaltbar, und es ist lachhaft, wenn es heißt, es handle sich bei den vier Zeilen um „eine freie Übersetzung der zweiten Sure des Koran“. Die zweite Sure enthält ganze 285 teils lange Verse, darunter den wohl selbst für Sarrazin erfreulichen Hinweis, dass auch Juden und Christen sich vor dem Jüngsten Tag nicht fürchten müssten, da ihnen – als respektierten Buchreligionen – ihr Lohn beim Herrn zustünde (Sure 2, Vers 62). Solche Zwischentöne und Toleranzformeln passen nicht ins Bild des Dschihad-Islam, den Sarrazin an die Stelle eines nüchternen und differenzierten Bilds der heutigen islamischen Realität setzen will.
Kein Spieler, kein Kritiker
So muss sogar Goethe als Islamkritiker aufmarschieren. Der Dichter habe „ästhetisch und ironisch mit dem Islam gespielt“ und – eine kleine Beleidigung anbei kann nie schaden – viel mehr als die Redenschreiber des Bundespräsidenten (und damit dieser selbst, da er die Rede ja daherredete) von „den totalitären Gefahren dieser Religion“ verstanden. Eine derartige Indienstnahme von Goethes Orientverständnis ist mir selten untergekommen. Daran ist nur richtig, dass Goethe sich dem Orient im „Divan“ vornehmlich als Dichter näherte und dass er die autoritär-patriarchalischen und kämpferischen Züge im Koran und in der orientalischen Wirklichkeit keineswegs übersah.
Ihn deshalb zu einem harschen modernen Islamkritiker umzuföhnen, wie es auch Necla Kelek in ihrer Erwiderung auf Sarrazin (Goethes Islambild: Der Prototyp des prophetischen Genies!) unternimmt, entbehrt der Sorgfalt und des tieferen Verständnisses. Goethe war weder Muslim, wie einige orientalische Sarrazin-Pendants behaupten, obwohl er geschrieben hat, dass wir alle im Islam leben und sterben, noch hätte er es sich herausgenommen, mit den religiösen und metaphysischen Grundlagen einer Weltkultur bloß ironisch zu spielen (oder sie gar simpel zu verdammen).
Gedankliche Nähe zum Islam
Goethe hat sich über Jahrzehnte mit dem Islam und dem Orient beschäftigt. Die erste Faszination ging von der rhythmisierten, poetischen Sprache des Koran aus, den Goethe in englischer, lateinischer und französischer Übersetzung las. Das starke „Mahomet“-Fragment des Dreiundzwanzigjährigen ist zugleich von dieser Sprachdiktion beeinflusst wie von einer Auseinandersetzung mit der Rolle des Propheten und Auserwählten. Über Mohammed hinaus beschäftigte er, der mit seiner Berufung zum Dichter umgehen lernen musste, sich auch mit Sokrates, Cäsar, Christus und Ahasver. Wenn man will, kann man sich fragen, ob der in der Prometheus-Ode aufscheinende Atheismus nicht eher eine – im islamischen Sinn – bloße Ablehnung der Idee eines personalen Schöpfergottes gewesen sei, wie es die Literaturwissenschaftlerin Katharina Mommsen in ihrer Auseinandersetzung mit Goethe und dem Islam tut, während ich selbst glaube, dass Goethe auch einen Agnostiker und einen halben Atheisten in sich trug.
Das Verhältnis zum Islam und zur orientalischen Dichtung gewann in der zweiten Lebenshälfte Goethes an Bedeutung. So war ihm denn auch die 1792 von Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar-Eisenach aufgedrängte Übersetzung des polemischen „Mahomet“-Stücks von Voltaire eine Qual, die er sich durch Abmilderung der kritischen Drastik zu erleichtern suchte. Auf die Tiefenverbindungen des ganzheitlichen, naturphilosophischen Denkens Goethes mit grundlegenden Überzeugungen des Islam ist mehrfach hingewiesen worden. Dazu gehören der Monotheismus und die nichtanthropomorphe Gottesauffassung sowie die Überzeugung, dass Gott sich in der Natur offenbare beziehungsweise mit ihr eins sein müsse.
Die Abgesandten- und Prophetenidee hat Goethe zeitlebens beschäftigt, wobei der Auswählte allerdings mehr und mehr in dichterischer Mission unterwegs war. Schließlich trifft sich Goethes deterministische Vorstellung der Geschichtsabläufe mit dem Fatalismus, der im Islam eine große Rolle spielt. Die Bereitschaft zu einem „Ergeben in den unergründlichen Willen Gottes“, wie es der einundsiebzigjährige Goethe an den Freund Zelter schrieb, ist in Reflexion seiner Islambeschäftigung formuliert.
Spielball der Kolonialisten
In den Jahren vor der Hauptarbeit am „West-östlichen Divan“ hatte Goethe historische Verwerfungen erlebt, die seine Schicksalsergebenheit nahelegten. Nach der Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt im Oktober 1806 drohte dem bis dahin unter dem Schirm der norddeutschen Neutralität geschützten Zwergstaat Weimar zeitweise die Vernichtung. Die Affinität zum muslimischen Denken und die historische Lage, als Repräsentant einer geistigen Hochkultur ohnmächtig zusehen zu müssen, wie eine modernere und besser organisierte Militärmacht das eigene Land überrollt, ließ mich in meinem Roman „September“ zu der Formulierung greifen, Goethe sei Araber gewesen. Selbstredend hinkt der Vergleich wie alle historischen Vergleiche. Aber er mag verständlich machen, was viele Bewohner der arabischen Länder im zwanzigsten Jahrhundert gefühlt haben mögen, in dem sie vom britischen und französischen Kolonialismus ausgebeutet wurden, ein Spielball in den Weltkriegen wurden, zwischen die Fronten des Kalten Kriegs gerieten, um dann als Kanonenfutter der eigenen Diktatoren herzuhalten.
In den Jahren 1814 und 1819, zwischen seinem fünfundsechzigsten und siebzigsten Lebensjahr, schrieb Goethe den Hauptteil des „Divans“. Er wollte sich abwenden von einem kriegszerstörten, verheerten Europa, in dem die Throne barsten und die Reiche zitterten, um im anscheinend „reinen Osten Patriarchenluft zu kosten“ – eine eigentümliche Verkehrung der heutigen Situation, in dem Kriege den Orient zerklüften.
Ein Buch aus tiefer Einsicht
Die Hauptleistung des „Divans“ ist denkbar antisarrazinisch, denn es ist kein Buch der Spaltung, sondern ein Großwerk der Zusammenführung, des Respekts und des kulturellen Dialogs. Tiefgeistig, albern und humorvoll, abgründig, zynisch und raffiniert, voller Travestien, Anverwandlungen und Amalgamierungen spiegeln sich Ost und West in diesen Gedichten. Der „Divan“ ist ein Weltbuch, ein Glücksfall der literarischen Globalisierung und des wohlwollenden Kulturenvergleichs, der auf der tieferen Einsicht der gemeinsamen universellen menschlichen Wurzeln beruht.
Allein schon im Verstehen- und Nachempfinden-Wollen ist Goethe ein Gigant, wo Sarrazin ein Zwerg ist, der nicht versuchen sollte, einen Weltdichter für seine Polemik dienstbar zu machen. Für meinen Geschmack war Goethe sogar zu sehr Muslim, denn sein Verhältnis zu patriarchalischen Strukturen und zur Unabwendbarkeit der irdischen Macht ist nicht unbedingt das eines Demokraten.
Das Leid des Orients
Zurück zur Gegenwart mit rüpelhaften arabischen Jugendlichen, Kopftuchzwang, Zwangsheirat, Terrorattentaten von Islamisten, Christenverfolgungen im Irak und Ägypten, Morddrohungen für Karikaturisten, Verhaftung von Journalisten in Iran. Es ist auch die Gegenwart eines vom Krieg verwüsteten Irak, in dem (vorsichtig geschätzt) zweihunderttausend Menschen durch einen vom Westen begonnenen Krieg ums Leben kamen, und einem Afghanistan, in dem seit zehn Jahren (eigentlich seit vierzig) eine Verheerung auf die andere folgt und das blutige Chaos Alltag geworden ist. Unter dem Islamismus leiden Afghanistan, Pakistan und die arabischen Staaten in einem ungleich stärkeren Maß als der Westen.
Diese Länder befinden sich seit mehr als hundertfünfzig Jahren in einem schmerzvollen Modernisierungsprozess. Ein Gutteil der Aggression der „muslimischen Welt“ (ein Klischee, das den unterschiedlichen politischen Realitäten nicht gerecht wird) rührt von der asymmetrischen Opferbilanz bei allen Auseinandersetzungen mit Israel und dem Westen. Das zwanzigste Jahrhundert hat den Menschen dieser Region unverhältnismäßig viel Leid, Krieg und autoritäre Bevormundung zugefügt.
Was von einem modernen Islam zu erwarten ist
Wir müssen begreifen, dass die Mehrheit der Menschen im Westen wie im Orient „nach demselben“ trachtet. Wir im Westen glauben das zu wissen, aber jeder, der die Länder des Nahen Ostens besucht hat oder sich jenseits der Talk-Showdown-Arenen mit Einwanderern unterhält, sieht es genauso auf der anderen Seite: Die meisten Menschen sind friedfertig, die sich ein gutes Auskommen für ihre Familien und eine lebenswerte Zukunft für ihre Kinder wünschen und Terror und Krieg ablehnen. An diesem Punkt muss der Dialog ansetzen, für den bereits Goethe eine so lang wirkende Basis angelegt hat.
Ein Dialog unter friedlichen Vorzeichen hat dann auch alles Recht, kritisch zu sein. Autoritäre oder theokratische Regime wie Saudi-Arabien und Iran können und sollten keine Freunde freiheitlich demokratischer Länder sein. Von einem modernen Islam dürfen wir erwarten und einfordern, dass er sich aufschwingt, die universellen humanitären Mindeststandards der globalisierten Welt zu achten. Hierzu gehören die Menschenrechte, vor allem das Tötungs- und Folterverbot, die Meinungsfreiheit, die Gleichstellung der Frauen und die Tolerierung Andersdenkender und Andersgläubiger.
Wahrscheinlich wird Thilo Sarrazin an dieser Stelle gar nicht widersprechen, weil er genau das ja einfordert. Doch es ist nicht zuletzt eine Frage des Stils und der Herangehensweise, ob man in diesen Dingen etwas erreicht. Und es ist auch eine Frage des Selbstbewusstseins. Wenn sich aber der militärisch, ökonomisch und infrastrukturell immer noch überlegene Westen permanent einredet, er befinde sich in Bedrängnis, dann wird es leicht, die Minderheiten im eigenen Land unter Druck zu setzen. So leicht sollten wir es uns nicht machen.
Die Halbwahrheiten dieses Texts zurechtzurücken würde zu weit
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 18.01.2011, 09:47 Uhr
Respekt und kultureller Dialog
Emmanuel Declerq (Declerq)
- 18.01.2011, 09:52 Uhr
Natürlich ist Ihre Betrachtungsweise wichtig,
Peter Bienefeld (pbienefeld)
- 18.01.2011, 09:56 Uhr
Warum?
A S (rodelaax)
- 18.01.2011, 10:03 Uhr
Wer ist Moslem und wem ist erlaubt Apostasie auszusprechen?
Ziad Yousef (ziadyousef)
- 18.01.2011, 10:15 Uhr