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1929 und heute Die Krankheit des Geldes

Angesichts der ökonomischen Krise, die längst über die Finanzmärkte hinausgeht, liegt der Vergleich mit der Wirtschaftskatastrophe von 1929 nahe, die den Aufstieg Hitlers mit ermöglichte. Vergleiche wie diese führen aber nicht nur in der von Hans-Werner Sinn praktizierten Weise in die Irre.

© AP Vergrößern Oktober 1929 vor der Federal Hall in New York

Wird jetzt eine neue Regierung in Hessen, wird dann auch eine in Thüringen von der Linkspartei „geduldet“, so entsteht eine neue Situation. Aufgrund der Abstimmungsanomalie im Bundesrat, wo Enthaltungen als „Nein“ gewertet werden, kann die Linkspartei dann über von ihr erzwungene Enthaltungen als Mitspieler in vier Landtagen den Bund in erstaunlichem Umfang kontrollieren.

Man braucht gar nicht in die Tiefen der Politik zu gehen, um zu erkennen, dass allein diese beiden Worte „Duldung“ und „Enthaltung“, die passivisch klingen, aber in Wahrheit höchste Aktivität verraten, die Titel einer gesellschaftlichen Revolution sind, die im Gewand der Evolution, des Geschehen-Lassens erfolgt. Im Windschatten der Finanzkrise, die in Wahrheit, wie Paul Krugman gerade dargelegt hat, zu einer Weltwirtschaftskrise sich auswächst, entstehen Bruchlinien, die man später staunend betasten wird: „Ach, hier, der Haarriss, damals begann es.“

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Auch 1929 konnte niemand erklären

Das Problem ist, dass wir einerseits etwas ganz Neues erleben, das unsere Welt grundlegend verändern wird, andererseits aber in dem Maße, da das Neue bedrohlich wächst, in unseren Köpfen gleichzeitig die historischen Analogien explodieren. „Damals begann es“ – das heißt bei uns immer: damals, 1929. Jeder Abiturient weiß, sollte jedenfalls wissen, was damals begann. Der unglückselige Professor Sinn, der, im Widerspruch, aber dadurch erst ihn setzend, den Zusammenhang zwischen Geld, Juden und Crash hergestellt hat, ist nur der augenfälligste Ausdruck dieses assoziativen Verfahrens. In ihm steckt ganz offenkundig die Paranoia als Triebenergie. Doch der hysterische Unterton ist durch die Tatsachen allein nicht zu erklären. Sondern nur dadurch, dass wir im Augenblick, wenn wir von der Welt des Oktober 2008 reden, uns immer in einem symbolischen System absoluter Metaphern bewegen. Absolut: weil die Krise, die den Aufstieg Hitlers ermöglichte, der wahrscheinlich traumatischste Einstiegspunkt in die jüngere deutschen Geschichte ist. Es ist keine Erinnerung, die von der Bundeskanzlerin bis zu Oskar Lafontaine aufgerufen wird; es ist eher ein Wurmloch, das die ganze Gesellschaft zu Zeitreisenden in eine Vergangenheit macht, die plötzlich ihre Zukunft zu werden droht.

Was in den historischen Metaphern und Analogien aufbewahrt ist, verwirklicht sich in extremen gesellschaftlichen Lagen. Wer jetzt John Kenneth Galbraiths Standardwerk über den Crash von 1929 (erschienen 1954) liest, wird erstaunliche Analogien zu unserer heutigen Lage erkennen – zum Beispiel, das niemand erklären konnte, was eigentlich finanztechnisch passierte –, aber viel wichtiger ist der entscheidende Unterschied. Krise und Depression hatten keinen auch nur annähernd traumatisierenden Vorläufer; sie waren, von kleineren Hinweisen auf frühere Crashs abgesehen, pure Gegenwart.

Alarmierende Feststellung

Das ist heute anders, und dieses Andere muss man sehr ernst nehmen. Wir reden nicht vom Siebenjährigen Krieg oder der Tulpenbaisse, wie noch bei der Internetblase, sondern vom Brutofen der Jahrhundertkatastrophe. 1929 heißt 1933, und 1933 heißt 20. Januar 1942 und heißt 1945. Auf der Ebene des politisch-symbolischen Redens, war dieser Kontext immer präsent, auf der Ebene finanzwirtschaftlicher Tatsachen ist er ganz neu. Diese Tatsache ist den Handelnden noch nicht zu Bewusstsein gekommen. Bislang koppelte sich die Befürchtung, „wieder so weit zu sein“, an Extremismus, Hoyerswerda und Fremdenfeindlichkeit. Doch nun – zuletzt von Wolfgang Schäuble – wird wohl zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs ein systemisches Ereignis der Ökonomie als Wiederkehr der Vorgeschichte des „Dritten Reichs“ gesehen.

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