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150 Jahre Freud Behagen in der Kultur

Die Menschheit lastet als Schuldgefühl auf den Menschen: Sigmund Freud, der vor einhundertfünzig Jahren geboren wurde, hat seine Seelenforschung dazu genutzt, die Enttäuschungen der Kultur ertragen zu lernen.

© AP Vergrößern Sigmund Freud im Jahr 1931

Freud war - auch daran erinnert das diesjährige Jubiläum - ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts. Als seine „Traumdeutung“ im Jahre 1900 erschien, glaubte er, sein Lebenswerk getan zu haben. Es war, als habe er seine Memoiren geschrieben. Denn alles, was ihn als Forscher und persönlich bewegte, hatte in seine Träume und in die Entschlüsselung der Träume anderer Eingang gefunden.

Außerdem war er fest davon überzeugt, mit einundfünfzig Jahren zu sterben. Als diese Marke passiert war, setzte er, nicht weit entfernt davon, eine neue. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte vom zwanzigsten Jahrhundert kaum mehr als dessen Anfänge erlebt. Aber auch wenn sich die Erwartung kurzer Lebenszeit erfüllt hätte, wäre Freud doch ebensosehr ein Mann des zwanzigsten wie des neunzehnten Jahrhunderts gewesen. Denn ein Erfolg seiner neuen Wissenschaft war nur in diesem neuen Jahrhundert möglich, das seine Lehren selbst dann, wenn es sie heftig zurückwies, gierig zur Kenntnis nahm.

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Vom Feuer bis zum Grammophon

Diese zwei Stimmen hören wir auch in Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahr 1930. Als Gesamtbild des Kulturprozesses trägt es die Signatur des neunzehnten Jahrhunderts, als Schilderung der Summe von Leistungen und Einrichtungen, „in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen, dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander“. Vom Feuer bis zum Grammophon reichen für Freud die technischen Errungenschaften auf diesem Weg.

Für das zwanzigste Jahrhundert dagegen steht das Stichwort des Unbehagens. „Es scheint festzustehen“, schreibt Freud, „daß wir uns in unserer heutigen Kultur nicht wohl fühlen“, wir seien unzufrieden bis zur „Kulturfeindlichkeit“ und reagierten auf diese Situation mit Schuldvorwürfen, mit Neurosen und Wünschen nach Rückkehr in einfachere Verhältnisse. Das große Bild vom „Prothesengott“, der trotz all seiner Hilfsorgane das Gefühl der Ohnmacht nicht ablegen kann, rundet dieses Bild ab, das doch erstaunlich viel Richtigkeit bewahrt hat.

Großartiges Gemälde

Und doch ist dieser Teil des großartigen Gemäldes, das Freud entwarf, in den Augen des heutigen Lesers fragwürdig geworden. Denn ihm fällt es offenbar viel schwerer als den Zeitgenossen Freuds, sich als Teil eines übergreifenden Prozesses zu sehen, den Freud - in auffälliger Vermeidung des Begriffs der Zivilisation - „Kultur“ nennt. Diese Unsicherheit macht sich nicht so sehr fest an dem übergreifenden Ganzen wie an dessen Ausläufern in die Gegenwart. Der Begriff „Kultur“, an dem Freud so nachdrücklich festhält als Klammer materieller, zivilisatorischer und im engeren Sinne kultureller Leistungen, mutet die Heutigen fremd an. Es klingt darin das Pathos des Fortschritts nach, während wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben, Kultur als Ablenkung, Unterhaltung, Reiz aufzufassen.

Freud hat es sich erspart, die besonderen Ansprüche seiner Gegenwartskultur in dem von ihm geschilderten Prozeß namhaft zu machen. Bezeichnend ist, daß er statt aller sublimen Kulturleistungen nur „Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung“ hervorhebt, die, jenseits ihres Nutzens, als fraglos gültige Kulturanforderungen gelten sollen. Weggeworfenes Papier auf den Wegen des Wienerwaldes erschien ihm als „barbarisch“, als Gegensatz zur Kultur: „Unsauberkeit jeder Art scheint uns mit der Kultur unvereinbar“, ein Urteil, das an Gewicht unübersehbar verloren hat. Heute hat sich die Reinlichkeit gegen die Kultur zu verteidigen, die ihr mit Ausdrucksbedürfnissen neuer Art, etwa Graffiti, zu Leibe rückt - mit Hinweisen auf das Zwanghafte des Ordnungssinns, für die gerade die Psychoanalyse empfänglich gemacht hat.

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