05.05.2006 · Die Menschheit lastet als Schuldgefühl auf den Menschen: Sigmund Freud, der vor einhundertfünzig Jahren geboren wurde, hat seine Seelenforschung dazu genutzt, die Enttäuschungen der Kultur ertragen zu lernen.
Von Henning RitterFreud war - auch daran erinnert das diesjährige Jubiläum - ein Mann des neunzehnten Jahrhunderts. Als seine „Traumdeutung“ im Jahre 1900 erschien, glaubte er, sein Lebenswerk getan zu haben. Es war, als habe er seine Memoiren geschrieben. Denn alles, was ihn als Forscher und persönlich bewegte, hatte in seine Träume und in die Entschlüsselung der Träume anderer Eingang gefunden.
Außerdem war er fest davon überzeugt, mit einundfünfzig Jahren zu sterben. Als diese Marke passiert war, setzte er, nicht weit entfernt davon, eine neue. Wäre es nach ihm gegangen, er hätte vom zwanzigsten Jahrhundert kaum mehr als dessen Anfänge erlebt. Aber auch wenn sich die Erwartung kurzer Lebenszeit erfüllt hätte, wäre Freud doch ebensosehr ein Mann des zwanzigsten wie des neunzehnten Jahrhunderts gewesen. Denn ein Erfolg seiner neuen Wissenschaft war nur in diesem neuen Jahrhundert möglich, das seine Lehren selbst dann, wenn es sie heftig zurückwies, gierig zur Kenntnis nahm.
Vom Feuer bis zum Grammophon
Diese zwei Stimmen hören wir auch in Freuds „Das Unbehagen in der Kultur“ aus dem Jahr 1930. Als Gesamtbild des Kulturprozesses trägt es die Signatur des neunzehnten Jahrhunderts, als Schilderung der Summe von Leistungen und Einrichtungen, „in denen sich unser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zwei Zwecken dienen, dem Schutz des Menschen gegen die Natur und der Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander“. Vom Feuer bis zum Grammophon reichen für Freud die technischen Errungenschaften auf diesem Weg.
Für das zwanzigste Jahrhundert dagegen steht das Stichwort des Unbehagens. „Es scheint festzustehen“, schreibt Freud, „daß wir uns in unserer heutigen Kultur nicht wohl fühlen“, wir seien unzufrieden bis zur „Kulturfeindlichkeit“ und reagierten auf diese Situation mit Schuldvorwürfen, mit Neurosen und Wünschen nach Rückkehr in einfachere Verhältnisse. Das große Bild vom „Prothesengott“, der trotz all seiner Hilfsorgane das Gefühl der Ohnmacht nicht ablegen kann, rundet dieses Bild ab, das doch erstaunlich viel Richtigkeit bewahrt hat.
Großartiges Gemälde
Und doch ist dieser Teil des großartigen Gemäldes, das Freud entwarf, in den Augen des heutigen Lesers fragwürdig geworden. Denn ihm fällt es offenbar viel schwerer als den Zeitgenossen Freuds, sich als Teil eines übergreifenden Prozesses zu sehen, den Freud - in auffälliger Vermeidung des Begriffs der Zivilisation - „Kultur“ nennt. Diese Unsicherheit macht sich nicht so sehr fest an dem übergreifenden Ganzen wie an dessen Ausläufern in die Gegenwart. Der Begriff „Kultur“, an dem Freud so nachdrücklich festhält als Klammer materieller, zivilisatorischer und im engeren Sinne kultureller Leistungen, mutet die Heutigen fremd an. Es klingt darin das Pathos des Fortschritts nach, während wir uns mittlerweile daran gewöhnt haben, Kultur als Ablenkung, Unterhaltung, Reiz aufzufassen.
Freud hat es sich erspart, die besonderen Ansprüche seiner Gegenwartskultur in dem von ihm geschilderten Prozeß namhaft zu machen. Bezeichnend ist, daß er statt aller sublimen Kulturleistungen nur „Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung“ hervorhebt, die, jenseits ihres Nutzens, als fraglos gültige Kulturanforderungen gelten sollen. Weggeworfenes Papier auf den Wegen des Wienerwaldes erschien ihm als „barbarisch“, als Gegensatz zur Kultur: „Unsauberkeit jeder Art scheint uns mit der Kultur unvereinbar“, ein Urteil, das an Gewicht unübersehbar verloren hat. Heute hat sich die Reinlichkeit gegen die Kultur zu verteidigen, die ihr mit Ausdrucksbedürfnissen neuer Art, etwa Graffiti, zu Leibe rückt - mit Hinweisen auf das Zwanghafte des Ordnungssinns, für die gerade die Psychoanalyse empfänglich gemacht hat.
Sie fühlen sich eher wohl
Was das „Unbehagen in der Kultur“ der Gegenwart so weit entrückt, sind die Erwartungen, die sich immer noch an die Kultur richten, aber verkürzt auf Erlebnisse. Für Freud war die höhere Kultur wesentlich Entschädigung für Enttäuschungen und produzierte wiederum Enttäuschungen. Wenn die Menschen mit der Kultur abrechnen könnten, ohne die Elementarfunktionen der Kultur zu gefährden - den Schutz gegen die Natur und die Regelung der Beziehungen der Menschen untereinander -, sie würden es ständig versuchen. Keine kulturelle Leistung könnte sich lange halten, würde nicht das Elend weiterbestehen, für das ein anderes Ventil sich nicht zeigt. Freuds Befund gilt heute in dieser Schärfe nicht mehr. Was wir heute Kultur nennen, scheint von dieser Verklammerung mit dem Elend weitgehend entlastet. Technische und ökonomische Kräfte sind mit ihm befaßt. Sie hat Freud kaum ins Auge gefaßt, das Geld kommt in seinen Erwägungen nicht vor. Wegen dieser Abgehobenheit der Unterhaltungssphäre fühlen sich die Menschen heute in dem, was Kultur heißt, eher wohl.
Das Unbehagen, das Freud registrierte, bezog sich nicht auf einzelne kulturelle Züge, auf dieses oder jenes Element einer Kultur, sondern auf die Kulturanstrengung insgesamt, auf ihren Sinn und das Risiko ihres Mißlingens. Seine Kulturerwartungen waren ganz und gar traditionelle: Das „Unbehagen in der Kultur“ ist vielleicht der letzte Traktat über das Glück. Nicht der Lustgewinn aus dem Höheren und Feineren, sondern das schiere Ertragenkönnen des Alltags ist sein Thema. Glücksverheißungen verbieten sich; wer immer sie verkündet, wäre in Freuds Augen ein Betrüger: „Das Leben, wie es uns auferlegt ist, ist zu schwer für uns, es bringt uns zuviel Schmerzen, Enttäuschungen, unlösbare Aufgaben.“
Er kannte nur einen Weg
Ganz fremd wäre ihm der Gedanke gewesen, daß die Menschheit als ganze sich in ein ausgleichendes, vielleicht sogar gerechtes Verhältnis zu setzen hätte zur Vielzahl kultureller Herkünfte und Selbstverständnisse, die in einem globalen Rechtszustand zu garantieren wären. Auch hier ist Freud ein Mensch des neunzehnten Jahrhunderts, das nur einen Weg der Kultur kannte. Minderheitenschutz für Kulturen wäre ihm als schiere Illusion erschienen, die vor dem mächtigen Fortgang des umfassenden Kulturprozesses nur vorübergehend die Augen zu verschließen erlaubt. Freud war in der Tat der Ansicht, daß der Kulturprozeß nicht über die einzelnen Kulturen läuft, sondern über die menschliche Gattung als ganze.
Er war auch nicht der Ansicht, daß der schmerzhafte Prozeß der Kultur schließlich ein immanentes Jenseits erreichen könnte. Die Idealbildungen der Menschheit, die im Fortgang der Kultur freigesetzt werden mögen, werden von demselben Prozeß wiederum konsumiert. Und auch die Vorstellung eines Zuwachses an individueller Freiheit bleibt eine Illusion. Denn „die individuelle Freiheit ist kein Kulturgut“. Sie kann den Ansprüchen der Gemeinschaft allenfalls für Augenblicke abgewonnen werden. Man sieht, daß auch die europäische Sicht auf den Kulturprozeß von dem großen Wagen der Zivilisation überrollt wird, wie die Visionen, die andere Kulturen diesem Prozeß abgerungen haben.
Zwischen Liebe und Todesstreben
Das schärfste Zuchtmittel, das die Psychoanalyse bereithält, um die Menschen in den Kulturprozeß zu zwingen, ist die Möglichkeit zu einer Rückbildung der Gesellschaft, zur „Regression“, über deren psychische Bedingungen Freud manches zutage gefördert hat. Die Aussichten für die Menschheitskultur und die politischen Institutionalisierungen der Menschheit sieht er ungünstig: „Ist die Kultur der notwendige Entwicklungsgang von der Familie zur Menschheit, so ist unablösbar mit ihr verbunden als Folge des mitgeborenen Ambivalenzkonflikts, als Folge des ewigen Haders zwischen Liebe und Todesstreben die Steigerung des Schuldgefühls, vielleicht bis zu Höhen, die der einzelne schwer erträglich findet.“
Die Menschheitskultur, will Freud sagen, werde auf Kosten der Individuen gehen. Man könnte auch sagen: Die Menschheit lastet als Schuldgefühl auf den Menschen. Es war, wie Freud erklärte, die Absicht seiner Untersuchung über die Kultur, „das Schuldgefühl als das wichtigste Problem der Kulturentwicklung hinzustellen und darzutun, daß der Preis für den Kulturfortschritt in der Glückseinbuße durch die Erhöhung des Schuldgefühls bezahlt wird“.
Mit Sommerkleidung auf Polarexpedition
Als wäre es mit der Glückseinbuße nicht genug, mußte ein sogar immer noch zunehmendes Schuldgefühl in die Lücke des verminderten Glücks stoßen. Der Aufklärungsglaube, daß die Abschaffung der Religion auch die Abschaffung der Schuldgefühle bedeute, wird hier von Freud gründlich zerstört. Das Schuldgefühl ist nicht an die Religion gebunden, sondern an die Kultur, und es wächst mit ihrer Entwicklung. Die Menschen seien darauf nicht genügend vorbereitet, meinte Freud, sie kämen ihm wie Leute vor, die, mit Sommerkleidung und Karten der oberitalienischen Seen ausgerüstet, auf eine Polarexpedition gehen. Hinzu komme noch, daß das Schuldgefühl nicht ohne weiteres als ein solches zu erkennen sei.
In der Tat hat die Kultur seit Freud eine nicht voraussehbare Sensibilität für Schuld und Schuldarten entwickelt, deren Zurückführung auf konkrete Schuldige einen beachtlichen Teil heutiger Kulturarbeit ausmacht. Die Schuld, die Freud im Individuum aufsuchte, spielt gegenwärtig eine auffallende öffentliche Rolle als Mittel der Moralisierung der Kultur. Vielleicht kann man darin den Versuch sehen, den von der Kulturentwicklung aufgehäuften Schuldgefühlen ein Ventil zu schaffen. Man beschuldigt nicht die zeitgenössische Kultur als solche, weil sie gegen das Böse nichts vermöge, sondern will sie von der Menschheitskultur auf einzelne Schuldige übertragen.
Es kann also so aussehen, als wolle man das Schuldkonto der Kultur begleichen, um an der Illusion festzuhalten zu können, das Glück liege doch in der Reichweite der Individuen. Dagegen meinte Freud, fast scheine es, „die Schöpfung einer großen menschlichen Gemeinschaft würde am besten gelingen, wenn man sich um das Glück des einzelnen nicht zu kümmern braucht“. Heute scheinen sich die Menschen in den westlichen Gesellschaften mit einem vagen Glücksversprechen zufriedenzugeben, solange sie nur die Vorzüge eines gesteigerten Weltverkehrs genießen dürfen.